Experte: Restriktiver EZB-Zinskurs könnte "säkulare Stagnation" auslösen
Die Europäischen Zentralbank zögert, die Zinssätze zu senken, bevor es weitere Anzeichen für eine Verlangsamung des Lohnwachstums gibt. Dies könne dazu führen, dass sich das momentan schwache Wirtschaftswachstum verfestige, so der Leiter eines führenden europäischen Think-Tanks.
Die Europäischen Zentralbank zögert, die Zinssätze zu senken, bevor es weitere Anzeichen für eine Verlangsamung des Lohnwachstums gibt. Dies könne dazu führen, dass sich das momentan schwache Wirtschaftswachstum verfestige, so der Leiter eines führenden europäischen Think-Tanks.
Jeromin Zettelmeyer, Direktor des einflussreichen Think-Tanks für EU-Politik Bruegel, betonte am Mittwoch (27. März), dass die Europäische Zentralbank (EZB) vor einem „heiklen Balanceakt“ stehe. Einerseits müsse sie sicherstellen, dass die Lohnerhöhungen nicht zu einem Wiederaufflammen der Inflation führen. Andererseits müsse sie das Risiko vermeiden, dass ihre restriktive Politik der „sehr schwachen europäischen Wirtschaft“ übermäßig schade.
Zettelmeyer merkte jedoch an, dass die Entscheidung der EZB, weitere Lohnentwicklungen abzuwarten – obwohl das jährliche Lohnwachstum in der EU im letzten Quartal des vergangenen Jahres von 5,1 Prozent auf 4,6 Prozent zurückgegangen ist –, den inflationären Gegenwind übermäßig in den Vordergrund stelle. Dadurch bestehe die Gefahr, dass die Wirtschaft der Eurozone in einem Szenario der „säkularen Stagnation“ oder eines langfristig niedrigen Wachstums stecken bleibe.
„Die EZB möchte erst Beweise für eine Verlangsamung des Lohnwachstums sehen, bevor sie [die Zinsen] senkt“, sagte Zettelmeyer auf einer Veranstaltung des Centre for European Reform, einem weiteren Brüsseler Think-Tank.
Der Zentralbank liegt zwar ein Datenpunkt vor, der auf eine Verlangsamung des Lohnwachstums hindeute. Zettelmeyer sagte jedoch, dass sie diesen Datenpunkt nicht für ausreichend halte und „einen weiteren sehen möchte.“
„Ich würde das so interpretieren, dass es einen ziemlich konservativen Ansatz widerspiegelt, einen ziemlich restriktiven Ansatz. […] Die EZB besteht zweimal hintereinander darauf, Beweise dafür zu sehen, dass eine Verlangsamung der Reallöhne die plausibelste Annahme ist“, sagte er.
„Das bedeutet, dass bei der Abwägung zwischen den beiden Übeln einer verfrühten Lockerung [der Zinssätze] oder dem Eintritt in eine säkulare Stagnation das Risiko eines erneuten Inflationsanstiegs [von der EZB] als sehr hoch eingeschätzt wird, denke ich.“
Die EZB hat die Zinssätze von Juli 2022 bis September 2023 zehnmal in Folge angehoben – und damit ihren Leitzins von einem negativen Niveau auf ein Rekordhoch von vier Prozent gebracht. Zuvor waren die Preise nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine im Februar 2022 in die Höhe geschossen.
Seitdem ist die Inflation von einem Höchststand von 10,6 Prozent im Oktober 2022 auf 2,6 Prozent im Februar gesunken und liegt damit nur noch wenige Dezimalpunkte über der Zielrate der Bank von zwei Prozent. Die EZB geht derzeit davon aus, dass die Inflation im kommenden Jahr auf ihr Ziel von zwei Prozent sinken wird, bevor sie 2026 auf 1,9 Prozent fällt.
Sie hat die Zinssätze auf ihren vier vorangegangenen Sitzungen beibehalten, von denen die letzte Sitzung Anfang dieses Monats stattgefunden hat.
Nachdem der Generaldirektor für Wirtschaft der EZB, Oscar Arce, Anfang des Monats eingeräumt hatte, dass sich die Geldpolitik der Bank bis 2026 negativ auf das Wachstum in der Eurozone auswirken würde, wurde die restriktive Haltung der Institution zunehmend kritisiert.
Viele Analysten argumentieren, dass niedrigere Zinssätze notwendig sind, um das schwindende Wachstum in der EU anzukurbeln und die Investitionen zu stimulieren, die zur Erleichterung des grünen und digitalen Wandels erforderlich sind.
Auf ihrer jüngsten Sitzung senkte die EZB selbst ihre Wachstumsprognose für 2024 für die Eurozone von 0,8 auf 0,6 Prozent.
Besonders ausgeprägt ist die Wachstumsschwäche in Deutschland, der größten Volkswirtschaft der Eurozone. Mit einem Rückgang des BIP um 0,3 Prozent war Deutschland im vergangenen Jahr auch weltweit Schlusslicht.
Gestern Morgen haben die fünf führenden deutschen Wirtschaftsinstitute ihre Prognose für das BIP-Wachstum der Bundesrepublik auf 0,1 Prozent im Jahr 2024 gesenkt, während sie zuvor von 1,2 Prozent ausgegangen waren.
Die Uhr tickt
Zettelmeyer reagierte damit auf Äußerungen von Piero Cipollone, einem Mitglied des EZB-Direktoriums, der künftige Zinssenkungen andeutete, ohne sich auf einen genaueren Zeitplan festzulegen.
„Die verbesserten Inflationsaussichten, die anhaltend starke Transmission und die weitere Abschwächung der Inflation schaffen Raum für mehr Zuversicht, dass wir die Beschränkung zurücknehmen können“, sagte Cipollone. „Wir nähern uns dem Punkt, an dem wir uns zutrauen werden, zu handeln.“
Cipollone merkte auch an, dass zwar „die Sorgen über die Lohnstückkosten ernst genommen werden müssen“, es aber dennoch „Gründe gibt, die dafür sprechen, dass das derzeitige wirtschaftliche Umfeld kurzfristig eine Erholung der Reallöhne ermöglicht, die die Inflation nicht anheizen wird.“
In Anlehnung an frühere Äußerungen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde und anderen hochrangigen EZB-Beamten sagte Cipollone, das Abklingen der Angebotsschocks und der sinkende Beitrag der Gewinne zur Inflation bedeute, dass „die Unternehmen den Lohndruck so absorbieren [können], dass er nicht auf die Verbraucherpreise durchschlägt.“
Analysten gehen derzeit davon aus, dass die EZB im Juni mit Zinssenkungen beginnen wird – eine Vorhersage, die Lagarde selbst in den letzten Monaten wiederholt bekräftigt hat.
Im Januar sagte Lagarde, dass Zinssenkungen zwar „wahrscheinlich“ bis zum Sommer eingeleitet werden. Die entscheidenden Daten zu den Lohnverhandlungen, die von der EZB zur Festlegung der Geldpolitik verwendet werden, würden jedoch erst im „späten Frühjahr“ vorliegen.
Die EZB-Chefin wiederholte diese Bemerkungen am Mittwoch (20. März) letzter Woche.
„Wir werden Ende Mai Daten über das Wachstum der Tariflöhne im ersten Quartal dieses Jahres erhalten“, sagte sie. „Im Juni werden wir eine Reihe neuer Hochrechnungen haben, die bestätigen werden, ob der Inflationskurs, den wir in unserer Prognose vom März vorhergesagt haben, weiterhin gültig ist.“
[Bearbeitet von Anna Brunetti/Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]