Experten: CO2-Zertifikate für Industrie und Strom bis 2039 aufgebraucht
Die Industrie sollte sich nicht auf negative Emissionen verlassen, um das Auslaufen neuer Zertifikate im EU-Emissionshandelssystem (ETS) ab 2039 zu kompensieren, so Experten gegenüber Euractiv.
Ab 2039 gibt es keine neuen Emissionszertifikate mehr im europäischen Emissionshandel (EU ETS). Die Industrie muss bis dahin nahezu null CO2-Emissionen erreichen. Auch die Integration sogenannter „negativer Emissionen“ würde daran kaum etwas ändern, so Experten gegenüber Euractiv.
Im Rahmen des ETS sind rund 10 000 Kraftwerke und große Industrieanlagen verpflichtet, sogenannte Emissionszertifikate zu validieren, wenn sie CO2 in die Atmosphäre ausstoßen.
Ab 2039 werden keine neuen Zertifikate mehr zur Verfügung gestellt, was bedeutet, dass die Unternehmen – abgesehen von der Verwendung bereits vorher gekaufter Zertifikate – keine Emissionen mehr erzeugen dürfen.
Einige europäische Politiker argumentieren, dass negativen Emissionen es der Industrie ermöglichen könnten, auch über das Jahr 2039 hinaus CO2 auszustoßen.
Dabei würden neue Emissionszertifikate geschaffen werden, wenn CO2 mithilfe der „Direct Air Capture“-Technologie oder durch natürliche Kohlenstoffsenken aus der Atmosphäre abgeschieden wird.
Experten warnen die Industrie jedoch davor, sich auf solche negativen Emissionen zu verlassen.
„Das werden super kleine Beträge sein, die allenfalls dazu ausreichen werden, Restemissionen aus CCS [Carbon Capture and Storage]-Anlagen, Elektrostahlwerken oder prozessbedingte Emissionen aus der Chemieindustrie auszugleichen“, sagte der Forscher Felix Matthes vom Öko-Institut gegenüber Euractiv.
„Aber man wird kein konventionelles Stahlwerk oder fossiles Kraftwerk mehr betreiben können. Dazu werden diese negativen Emissionen, für die alle Regeln ja auch noch ausstehen, nicht ausreichen“, so Matthes weiter.
Er wies auch darauf hin, dass negative Emissionen auch von Sektoren außerhalb des Emissionshandels, etwa der Landwirtschaft, benötigt würden.
Michael Pahle, Leiter der Forschungsgruppe für Klima- und Energiepolitik am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), warnte die Unternehmen in ähnlicher Weise vor dem, was er „Mitigation deterrence“ nennt, also „dem Aufschieben von Emissionsminderungen in Erwartung billiger und reichlich vorhandener negativer Emissionen in der Zukunft“.
„Wenn die Unternehmen dies erwarten und ihre Investitionen in saubere Technologien aufschieben, dann haben sie, wenn diese Erwartung nicht eintritt, eine Menge Zertifikate verbraucht, die sie besser gespart hätten, um hohe Kosten in der Zukunft zu vermeiden“, sagte er.
Peter Liese von der konservativen EVP, der in der letzten Legislaturperiode die Verhandlungen des Europäischen Parlaments über den Emissionshandel leitete, erklärte im Mai gegenüber Euractiv, dass ein Szenario, in dem „wir ab 2039 im System keinerlei Zertifikate mehr haben“, durch die Einbeziehung negativer Emissionen vermieden werden sollte.
Die Europäische Kommission muss bis 2026 Optionen zur Einbeziehung negativer Emissionen in das ETS-System vorlegen.
Alle ETS-Zertifikate bis 2039 aufgebraucht?
Wie es mit dem ETS Ende der 2030er Jahre weitergeht, darüber sind sich die Experten uneins.
„2038 werden das letzte Mal frische Zertifikate ausgegeben, und wir gehen davon aus, dass nach diesem Zeitpunkt dann auch in der Summe des Marktes keine Zertifikate mehr da sind“, sagte Matthes, was bedeutet, dass die Industrie keine Zertifikate aus den Vorjahren gespeichert haben wird.
Matthes fügte hinzu, „ich würde mich nie darüber streiten, ob dieser Zeitpunkt [mit null Emissionszertifikaten] 2038 oder 2039 erreicht ist. Aber es ist nicht 2045“.
Ähnlich äußerte sich Matthes kürzlich in einem Bericht über die deutsche Energiewende, den er zusammen mit drei anderen Ökonomen im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klima veröffentlichte.
„Auch unter Berücksichtigung der Freisetzung von Emissionsberechtigungen aus der Marktstabilitätsreserve müssen die vom EU-ETS regulierten Anlagen vor 2040 ihre Emissionen auf null senken“, schreiben Andreas Löschel, Veronika Grimm, Felix Matthes und Anke Weidlich in ihrem Gutachten.
Die Marktstabilitätsreserve ist ein Mechanismus im ETS, der dazu dient, einen zu großen Überschuss oder Knappheit an Zertifikaten zu beseitigen. So werden überschüssige Zertifikate in Zeiten des Überschusses aus dem Markt genommen und in Zeiten der Knappheit freigegeben.
Matthes‘ Gewissheit wird jedoch nicht von allen geteilt.
„Das einzige, was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass Stand jetzt aufgrund der aktuellen Gesetzgebung im Jahr 2039 keine neuen Zertifikate mehr auf den Markt kommen, abgesehen von ein paar wenigen Zertifikaten aufgrund der [abweichenden] Obergrenze für den Luftverkehr“, so Pahle gegenüber Euractiv.
„Wenn man eher pessimistisch auf die Sachlage blickt, dann wird man wahrscheinlich bei der Situation landen, die Felix Matthes beschrieben hat: nichts mehr da“, sagte er.
„Wenn man die Situation eher optimistisch betrachtet, werden die Unternehmen die notwendigen Investitionen in saubere Technologien getätigt haben, um ihre Emissionen erheblich zu reduzieren“, sagte er.
Pahle und andere Forscher fordern die politischen Entscheidungsträger und die Industrie seit langem dazu auf, sich auf das „Endspiel“ des ETS vorzubereiten, bei dem die Obergrenze (das sogenannte „Cap“) der neu verkauften Emissionszertifikate bei null liegt.
Während Experten über das Ende des ETS debattieren, scheinen sich die Marktteilnehmer eher auf die unmittelbare Zukunft zu konzentrieren.
„Bisher bilden die CO2-Preise im EU-ETS diese langfristige Knappheitssituation jedoch nicht ab“, heißt es in dem Bericht von Matthes, Löschel Grimm und Weidlich.
Die Zertifikate im ETS werden derzeit zu rund 70 Euro pro Tonne CO2 gehandelt und liegen damit deutlich unter dem früheren Preis von 100 Euro, der im Februar 2023 erreicht wurde.
[Bearbeitet von Donagh Cagney/Zoran Radosavljevic]