Frankreichs Verteidigungsindustrie rüstet sich für den Kriegsfall

Mehr als drei Jahre nach Kriegsbeginn in der Ukraine und im Zuge der EU-Bemühungen um größere strategische Autonomie intensiviert Frankreich den Ausbau seiner Verteidigungsindustrie.

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Paris Air Show 2015
Besonders der Verkauf von Rafale-Kampfjets, U-Booten, Drohnen, Raketen und Caesar-Haubitzen kurbelt das Geschäft großer Rüstungskonzerne wie Dassault Aviation, Safran und Thales an, die 2024 allesamt hohe Gewinne verzeichneten. [EPA/YOAN VALAT]

Mehr als drei Jahre nach Kriegsbeginn in der Ukraine und im Zuge der EU-Bemühungen um größere strategische Autonomie intensiviert Frankreich den Ausbau seiner Verteidigungsindustrie.

Am Donnerstag setzten der französische Verteidigungsminister Sébastien Lecornu und Wirtschaftsminister Éric Lombard ein symbolträchtiges Zeichen: Sie eröffneten das neue Werk des Rüstungskonzerns Eurenco in Bergerac. Dort sollen künftig 1.800 Tonnen Artillerie-Schießpulver pro Jahr produziert werden, das bislang in Deutschland, Italien und Schweden hergestellt wurde. Laut Unternehmensangaben hat Eurenco seinen Umsatz seit 2022 verdoppelt, die Auftragsbücher sind bis 2029 gefüllt.

Der französische Verteidigungsetat soll bis 2030 auf 67,5 Milliarden Euro steigen – ein deutlicher Zuwachs gegenüber den 50,5 Milliarden Euro in diesem Jahr. Präsident Emmanuel Macron betonte wiederholt, dass die gesamte Branche mit einer „signifikanten“ Erhöhung staatlicher Aufträge rechnen könne. Für die Rüstungsindustrie eine positive Nachricht, auch wenn die langfristige Finanzierung weiterhin offen ist.

Neue Impulse für die Industrie

„Das Verteidigungsministerium hat mich im November 2021 kontaktiert, um Munition für die Spezialeinheiten herzustellen“, erklärte Olivier Lacreuse, Präsident des Unternehmens Plubeau & Cie, gegenüber Euractiv. Ursprünglich war das Unternehmen aus der Nähe der ostfranzösischen Stadt Belfort auf Präzisionsmetallverarbeitung für die Bahnindustrie und den Sportschützenbedarf spezialisiert.

„Zwei Modelle unserer Munition wurden inzwischen zugelassen, und wir haben letzten Montag unser neues Werk eröffnet. Aber ich kämpfe weiterhin mit Rohstoffbeschaffung“, sagte Lacreuse weiter. „Ich importiere meine Patronenhülsen aus den USA, aber angesichts der aktuellen geopolitischen Unsicherheiten suche ich nach Lieferanten in Frankreich.“

Die Entwicklung der französischen Verteidigungsindustrie erfordert eine engere Abstimmung zwischen Staat und Unternehmen, damit diese sich stärker an den Bedürfnissen des Verteidigungsministeriums orientieren können, sagte Jean-Michel Jacques, der Vorsitzende des Verteidigungs- und Streitkräfteausschusses der französischen Nationalversammlung.

Der Anstieg der Verteidigungsausgaben könnte den Wandel angeschlagener Industrien wie der Automobilbranche beschleunigen. Eine von Insolvenz bedrohte Gießerei, die Fonderie de Bretagne, die bislang Ersatzteile für Renault produzierte, steht vor der Übernahme durch den französischen Konzern Europlasma. Das Unternehmen plant, an dem Standort künftig täglich 24.000 Metallhülsen für Artilleriegeschosse herzustellen.

Frankreichs Rüstungsindustrie setzt auf Exporte

Neben der steigenden Inlandsnachfrage profitiert die französische Rüstungsindustrie von florierenden Exporten. Im letzten Jahr erreichte das Exportvolumen 18 Milliarden Euro – das beste Ergebnis seit dem Rekordjahr 2022. Angesichts wachsender globaler Spannungen und zunehmender Unsicherheiten in den transatlantischen Beziehungen könnten sich weitere Staaten für französisches Militärgerät interessieren.

Besonders der Verkauf von Rafale-Kampfjets, U-Booten, Drohnen, Raketen und Caesar-Haubitzen kurbelt das Geschäft großer Rüstungskonzerne wie Dassault Aviation, Safran und Thales an, die 2024 allesamt hohe Gewinne verzeichneten. Doch auch zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen sichern sich zunehmend Aufträge aus dem Ausland.

Ein Beispiel ist RTSYS, ein auf Unterwasserakustik und Robotik spezialisiertes Unternehmen, das rund 90 Prozent seines Umsatzes mit Exporten nach Europa und Asien erzielt.

„Wir erwarten in den kommenden Jahren ein starkes Wachstum“, sagte Unternehmenschef François-Xavier de Cointet gegenüber Euractiv. „Die steigenden Spannungen im Südchinesischen Meer und die jüngsten Angriffe auf Unterseekabel in der Ostsee zeigen, wie wichtig die Überwachung von Unterwasserinfrastrukturen geworden ist.“

Europäisch Denken 

Die Europäische Kommission hat am Dienstag ein Finanzierungsmodell vorgestellt, dass durch Anleihen und Kredite 800 Milliarden Euro für die Verteidigung mobilisieren soll. Französische Verteidigungsunternehmen müssen sich auf europäischer Ebene koordinieren, sagte der Abgeordnete Jaques.

„Die Koordinierung der Waffenproduktion auf kontinentaler Ebene wird – entgegen mancher Befürchtungen – das Wachstum der französischen Industrie fördern“, erklärte Jacques. „Es ist durchaus denkbar, dass französische Konzerne Werke in anderen europäischen Ländern errichten, genauso wie ausländische Unternehmen in Frankreich investieren könnten.“

Derzeit entfallen 33 Prozent der weltweiten Rüstungsexporte auf europäische Unternehmen – dazu zählen auch US-amerikanische Konzerne mit Produktionsstandorten in der EU.

Allerdings könnte eine verstärkte nationale Aufrüstung der europäischen Staaten auch zu einem stärkeren Wettbewerb führen und die kollektiven Fähigkeiten der EU schwächen, schrieb Politikwissenschaftler Samuel B. H. Faure in einem Beitrag für Le Grand Continent.

[EPD]