Französisches Dorf protestiert gegen Bau neuer Mega-Biogasanlage
In einer kleinen Stadt in der Nähe der französischen Stadt Nantes könnte schon bald eine neue Biogasanlage entstehen, von der bis zu 200 Landwirt:innen profitieren könnten. Doch die Anwohner:innen wehren sich gegen das Vorhaben.
In einer kleinen Stadt in der Nähe der französischen Stadt Nantes könnte schon bald eine neue Biogasanlage entstehen, von der bis zu 200 Landwirt:innen profitieren könnten. Doch die Anwohner:innen wehren sich gegen das Vorhaben.
Die Erzeugung von Biomethan gilt ebenso wie die von Wasserstoff eine Möglichkeit für Europa, seine Abhängigkeit von Erdgas zu verringern, das zu 45 Prozent aus Russland stammt.
So zielt das im letzten März angekündigte REPowerEU-Projekt darauf ab, die europäische Biomethanproduktion zu steigern, um bis 2030 unabhängig von russischem Gas zu werden.
Dabei hat die EU-Kommission unter anderem ihr Ziel für die heimische Biomethanproduktion bis 2030 auf 35 Milliarden Kubikmeter pro Jahr verdoppelt, was 20 Prozent der bisherigen russischen Gasimporte entsprechen würde.
Doch während viele EU-Staaten bei der Biogaserzeugung vorankommen, gibt es in Frankreich Probleme bei der Ausweitung der Produktion.
Ein Beispiel dafür ist das Projekt Métha Herbauges in Nordfrankreich. Das Projekt, dessen Kosten auf 70 Millionen Euro veranschlagt sind, soll 500.000 Tonnen organische Stoffe und Zwischenfrüchte verwerten, um jährlich bis zu 23,6 Millionen Kubikmeter Biogas für 200 Landwirt:innen zu erzeugen.
Obwohl kleine Biogasanlagen seit zehn Jahren ohne großen Widerstand auf französischen Bauernhöfen installiert werden, stoßen größere Anlagen wie Métha Herbauges auf systematischen Widerstand der Anwohner:innen.
„Uns gefällt dieses [Projekt] überhaupt nicht; es ist viel zu groß, zu industriell. Es hätte zu große Auswirkungen auf die gesamte Region. Wägt man es gegen die aktuellen ökologischen Probleme ab, ist es Unsinn“, sagte ein Anwohner von Corcoué-sur-Logne während der Demonstration gegenüber EURACTIV.
Er verwies auf Lärm- und Geruchsbelästigungen durch das ständige Hin- und Herfahren von Lastwagen mit organischen Abfällen sowie auf Sicherheitsfragen.

In Corcoué-sur-Logne marschierten am 17. September fast 400 Demonstrant:innen gegen das Projekt der Biogasanlage.
Energiepflanzen versus Lebensmittelproduktion
Kritiker:innen des Projekts sehen auch eine Bedrohung für die Landwirtschaft, da bestimmte Pflanzen, die auch für den menschlichen oder tierischen Verzehr genutzt werden könnten, beispielsweise Mais, mehr Biomethan produzieren können als Gülle.
Aktuell dürfen in Frankreich nicht mehr als 15 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge für die Biogaserzeugung verwendet werden. Doch die in Corcoué-sur-Logne versammelten Aktivist:innen befürchten, dass es zu einer Konkurrenz zwischen Viehzucht und Energieerzeugung kommen wird.
„In der Bretagne zum Beispiel gibt es bereits obskure Arrangements von industriellen Gärtnern, die Viehzuchtbetriebe übernehmen und Getreide für die Biogasanlagen anbauen“, erklärte Marie Savoy, Sprecherin der Confédération Paysanne de Loire-Atlantique.
Keine Konkurrenz zwischen Energie und Lebensmitteln
Für Guillaume Loir, Geschäftsführer von Nature Energy France, dem Unternehmen hinter dem Megaprojekt, besteht jedoch keine Gefahr eines Wettbewerbs zwischen Energie-, Lebensmittel- und Futtererzeugung.
„Wir verpflichten uns, die RED II [Erneuerbare-Energien-Richtlinie] einzuhalten, die eine Reihe von Kriterien festlegt“, erklärte er gegenüber EURACTIV.
Er betonte, dass man Zwischenfrüchte verwende, die für Energiezwecke angebaut werden und „nicht mit der menschlichen oder tierischen Ernährung konkurrieren.“
Derweil werde das System hauptsächlich mit tierischen Produkten (70 Prozent) gefüttert, wobei alles, was in die Biogasanlagen gelange, streng zurückverfolgt werde, erklärte Loir.
Trotz dieser Zusicherungen befürchtet der Bürgermeister von Corcoué-sur-Logne, Claude Naud, dass die Landwirt:innen der Region zu Energieerzeuger:innen werden könnten und das in seiner Gemeinde erzeugte Methan nicht mehr als umweltfreundlich angesehen wird.
„Das ist etwas ganz anderes als Wasser-, Wind- und Sonnenenergie, die vor uns und trotz uns existieren. Sie sind unbegrenzt erneuerbar, im Gegensatz zu dieser Art der anaeroben Vergärung, die industrielle Umwandlungsprozesse erfordert“, sagte er.
Nach Angaben von Collectif Vigilance Méthanisation Corcoué würde die Anlage außerdem jährlich 19.000 Kubikmeter Wasser verbrauchen.
Projekteigner wie Loir argumentieren jedoch, dass durch das Projekt der Ausstoß von 60.000 Tonnen Treibhausgasen (THG) pro Jahr vermieden werde. Denn das Projekt fange Methan, CO2 oder Distickstoffoxid auf, die normalerweise aus den Abwässern der Viehzucht freigesetzt würden.
Alternative zu russischem Gas
Nach Angaben der französischen Agentur für den ökologischen Wandel (ADEME) verfügt Frankreich mit seinen 160 Millionen Tonnen Viehabfällen pro Jahr über ein Potenzial zur Erzeugung von 130 TWh Biogas bei einem Gesamtgasverbrauch von fast 450 TWh. Das entspricht mehr als einem Drittel des Gesamtverbrauchs.
Der Bürgermeister wies jedoch darauf hin, dass zur Kompensation des aus Russland importierten Gases durch Biomethan Hunderte ähnlich riesiger Biogasanlagen erforderlich wären.
„Das ist nicht möglich, da wir mit logistischen und vor allem soziologischen Problemen zu kämpfen hätten“, erklärte er und forderte eine offene und transparente Debatte über die Auswirkungen der Biogaserzeugung im Rahmen eines nationalen oder europäischen Moratoriums.
Eine neue Baugenehmigung für die Anlage in Corcoué-sur-Logne soll in den nächsten Wochen eingereicht werden.
[Bearbeitet von Natasha Foote/Alice Taylor]