Frauen in der Landwirtschaft: Im Dilemma zwischen Kind und Kuh
Vorurteile, Schwierigkeiten rund um Schwangerschaft und Geburt, mangelnde finanzielle Absicherung: Frauen in der Landwirtschaft stehen laut einer neuen Studie auch heute noch zahlreiche Hürden im Weg.
Vorurteile, Schwierigkeiten rund um Schwangerschaft und Geburt, mangelnde finanzielle Absicherung: Frauen in der Landwirtschaft sind laut einer neuen Studie auch heute noch mit zahlreichen Hürden konfrontiert.
“Wie traditionell und konservativ dieser Lebens- und Wirtschaftsbereich noch ist, hat mich überrascht”, sagte die Projektleiterin der Forschungsgruppe, Claudia Neu von der Universität Göttingen, gegenüber EURACTIV.
Vier Jahre lang trugen Forscher*innen für die vom Bundeslandwirtschaftsministerium mit Geldern der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) geförderte Studie Daten zusammen und befragten Frauen, die in verschiedenen Funktionen in der Landwirtschaft tätig sind.
Es ist das erste Mal, dass in Deutschland in diesem Umfang Daten zu dem Thema erhoben wurden.
Aus Neus Sicht geht in Sachen Geschlechtergerechtigkeit der Trend in der Landwirtschaft zwar in die richtige Richtung, Fortschritte würden jedoch bisher zu langsam erzielt.
So kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass es “in der Landwirtschaft erhebliche Zugangsbarrieren für Frauen” gebe.
“Sehr, sehr viele Frauen aus allen Generationen haben uns erzählt, dass sie sehr stark mit Vorurteilen zu kämpfen haben, dass sie sich immer wieder beweisen müssen, und haben auch von sexualisierter Gewalt berichtet”, so die Soziologin. “Das sollte man nicht totschweigen.”
So spielten beispielsweise Vorurteile zu “Frauen und Technik” weiterhin eine große Rolle, erklärte Neu. “Die harte Arbeit, die Arbeit mit Technik und auf dem Feld wird sehr stark mit Männlichkeit gleichgesetzt”, betonte sie.
Betriebsleiter und Hofnachfolger sind überwiegend Männer
Traditionelle Geschlechterrollen, die sich in der Landwirtschaft teils hartnäckig halten, haben laut der Studie auch weitreichende finanzielle Auswirkungen – beispielsweise darüber, wer auf den Höfen Führungspositionen innehat.
So wird laut Daten des regierungseigenen Thünen-Instituts nur rund jeder zehnte landwirtschaftliche Betrieb in Deutschland von einer Frau geleitet, unter den designierten Hofnachfolgern sind rund 18 Prozent Frauen. Deutschland hinkt damit im EU-Vergleich hinterher, was die Gleichstellung angeht.
Gerade in Familienbetrieben spielen hier laut der Studie oft traditionelle Vererbungsstrukturen eine Rolle, einhergehend mit einer traditionellen Rollenverteilung innerhalb der Familie, bei der die Aufgabenbereiche von Frauen und Männern klar getrennt sind.
“Komplementär” angelegte Paarbeziehung nennt die Soziologie dieses Modell – und genau das sei in der Landwirtschaft noch immer weit verbreitet, erklärte Neu, im Gegensatz zu einem “egalitären” Ansatz, bei dem sich beide Partner, zumindest in der Theorie, die anfallenden Aufgaben teilen.
Das bedeutet gleichzeitig, dass viele Frauen mit einer zusätzlichen Arbeitsbelastung durch Haus- und Pflegearbeit konfrontiert sind, die neben der Arbeit auf dem Hof anfallen.
Diese Fülle unterschiedlicher Aufgaben, die oft schwierig zu takten und aufeinander abzustimmen seien, erlebten viele Frauen als Belastung, erklärte Neu.
Kind und Hof praktisch unvereinbar
Gleichzeitig ist laut der Studie für die wenigen Frauen, die tatsächlich Höfe leiten oder übernehmen, eine Schwangerschaft kaum mit ihrem Beruf vereinbar.
“Junge Frauen finden sich in einer Art Rollenkonflikt zwischen Kind und Kuh”, erklärte Neu. Mit der anspruchsvollen Arbeit auf dem Hof, die kaum Pausenzeiten erlaube und gleichzeitig gesundheitliche Gefahren wie beispielsweise Zoonosen berge, sei eine Schwangerschaft aus Sicht vieler Frauen nicht in Einklang zu bringen.
So schilderten viele der befragten Frauen, sie hätten “bis kurz vor der Geburt und gleich wieder kurz nach der Geburt gearbeitet” – die Arbeit auf dem Hof müsse eben gemacht werden.
Währenddessen haben Frauen, die auf Familienbetrieben mithelfen, aber selbst keine formale Rolle, beispielsweise als Betriebsleiterin, haben, laut den Forscher*innen häufig mit mangelnder sozialer Absicherung zu kämpfen.
“Landwirtschaftliche Betriebe binden häufig hohe Kapitalsummen, infolgedessen können zwischen einzelnen Familienmitgliedern oder zwischen Partnern große Vermögensunterschiede bestehen”, heißt es in der Studie. Nicht immer, aber sehr häufig, gehe dies zulasten von Frauen.
Ungleiche Besitzverhältnisse
Ohne entsprechende Vorkehrungen, beispielsweise ein Testament oder vertragliche Vereinbarungen für den Scheidungsfall, können sich Landwirtinnen nach einer Trennung oder dem Tod des Partners ohne finanzielle Absicherung wiederfinden.
Gleichzeitig scheuten sich Frauen oft, gegenüber Familienmitgliedern auf die Aufsetzung ebensolcher vertraglichen Absicherungen zu bestehen – oder sie seien sich schlicht nicht über die tatsächlichen Besitzverhältnisse oder ihre Möglichkeiten, diese abzusichern, im Klaren, so Neu.
“Hier verhandeln Frauen oft einfach schlecht”, erklärte sie.
Helfen könnte es aus Sicht der Soziologin etwa, in den Berufsschulen mehr Aufklärungsarbeit zu Besitzverhältnissen und sozialer Absicherung, aber auch zu Gesundheits- und Arbeitsschutz zu leisten.
Neu appellierte außerdem an Leiter landwirtschaftlicher Betriebe, “auch junge Frauen als Betriebsleiterinnen oder Hoferbinnen in Betracht zu ziehen und nicht immer nur an den Sohn zu denken.”
Gleichzeitig betonte sie, auch Frauen in der Landwirtschaft selbst sollten “sich Gedanken über ihre soziale Absicherung machen und mutiger ihre Rechte einfordern.”