Geden (SWP): Was kommt nach dem Zwei-Grad-Ziel?

Es besteht ein breiter Konsens darüber, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Eine globale Temperaturgrenze in exakte nationale Emissionsbudgets zu übersetzen, ist politisch allerdings kaum praktikabel, so der SWP-Experte Oliver Geden in einem Standpunkt auf EURACTIV.de. Geden plädiert im Vorfeld des Weltklimagipfels im mexikanischen Cancun für flexible Orientierungsmarken der EU-Klimapolitik.

Korallenriffe auf den Philippinen werden den Klimawandel wohl nicht überleben. Statt sich auf das Zwei-Grad-Ziel zu fixieren, sollte die EU ihre Klimapolitik an Orientierungsmarken wie der „Klimaneutralität“ ausrichten, fordert der SWP-Experte Oliver Gede
Korallenriffe auf den Philippinen werden den Klimawandel wohl nicht überleben. Statt sich auf das Zwei-Grad-Ziel zu fixieren, sollte die EU ihre Klimapolitik an Orientierungsmarken wie der "Klimaneutralität" ausrichten, fordert der SWP-Experte Oliver Gede

Es besteht ein breiter Konsens darüber, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Eine globale Temperaturgrenze in exakte nationale Emissionsbudgets zu übersetzen, ist politisch allerdings kaum praktikabel, so der SWP-Experte Oliver Geden in einem Standpunkt auf EURACTIV.de. Geden plädiert im Vorfeld des Weltklimagipfels im mexikanischen Cancun für flexible Orientierungsmarken der EU-Klimapolitik.

ZUM AUTOR

" /Dr. Oliver Geden ist Mitglied der Forschungsgruppe EU-Integration der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP ) Berlin. Fachgebiete sind die Energiestrategie der EU und einzelner Mitgliedstaaten, die Energieversorgungs-sicherheit und die Entwicklung des Energiebinnenmarkts. Geden ist Mitglied im Koordinierungskreis "Wissenschafts-jahr 2010 – Jahr der Energie" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) – zum Profil.

Der Standpunkt ist in voller Länge erschienen in: SWP-Aktuell 2010/A 55, Juli 2010.

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Das Zwei-Grad-Ziel bildet gegenwärtig den zentralen Bezugspunkt der Klimadebatte. Ein entsprechender Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur gilt – in Anlehnung an Artikel 2 der Klimarahmenkonvention (UNFCCC) – als Grenze, bei deren Überschreiten die Folgen des Klimawandels ein gefährliches Ausmaß annehmen könnten. Bemerkenswert ist, dass Klimapolitiker stets darauf verweisen, es handle sich um ein von der Wissenschaft vorgegebenes Ziel, während Klimawissenschaftlern die genuin politische Natur der Vorgabe bewusst ist. Nur Teile der scientific community treten aktiv dafür ein. So findet sich etwa – entgegen weitverbreiteter Annahme – im 4. Sachstandsbericht des "Inter-governmental Panel on Climate Change" (IPCC) keinerlei explizites Plädoyer für das prominente Ziel. Jedoch liefert die naturwissenschaftliche Klimaforschung zahlreiche Hinweise darauf, dass es wünschenswert wäre, das Zwei-Grad-Limit einzuhalten.

Zwei Funktionslogiken

Das Zwei-Grad-Ziel zeichnet sich durch eine spezifische Doppelfunktion aus. Politisch fungiert es vor allem als einprägsames Symbol für die Orientierung an einer ambitionierten, aber gerade noch realistischen globalen Klimaschutzagenda. In wissenschaftlicher Hinsicht ist die Zielmarke zudem Ausgangspunkt für aufwendige Rechenoperationen, insbesondere um jene Emissionsreduktionspfade zu ermitteln, die notwendig sind, wenn die Zwei-Grad-Schranke mit hinreichender Wahrscheinlichkeit eingehalten werden soll. Diese beiden Funktionslogiken vermochten sich über mehr als ein Jahrzehnt hinweg gegenseitig zu stützen. Die Bemühungen um ein Mainstreaming von Klimapolitik schienen wissenschaftlich legitimiert, die Klimaforschung wiederum konnte sich auf einen wachsenden politischen Konsens stützen. Doch je länger eine Umkehr bei den globalen Emissionstrends auf sich warten lässt, desto weniger wird die politisch-symbolische Dimension des Zwei-Grad-Ziels noch mit der wissenschaftlich-kalkulatorischen
zu vereinbaren sein.

International durchgesetzt wurde die Zielmarke vor allem durch die EU. Die europäischen Umweltminister treten schon seit 1996 dafür ein. 2007 wurde das Zwei-Grad-Limit gar in den Mittelpunkt der ersten EU-Energiestrategie gerückt. Es fungiert dort als "strategisches Ziel". Dessen Verfolgung soll langfristig nicht nur eine nachhaltige, sondern auch eine sichere und wettbewerbsfähige Energieversorgung in Europa gewährleisten. Vor dem Kopenhagener Klimagipfel Ende 2009 ist es der EU gelungen, alle relevanten Verhandlungspartner auf das Zwei-Grad-Ziel einzuschwören, selbst die USA und China. Im "Kopenhagen-Akkord" wurde die Formel schließlich erstmals auf Ebene der Vereinten Nationen anerkannt. Allerdings beschloss man in diesem Rahmen keine verbindlichen Maßnahmen, mit denen das Ziel zu erreichen wäre.

Während die Zwei-Grad-Marke als klimapolitisches Globalziel etabliert wurde, setzte sich parallel dazu in den Klimawissenschaften eine neue Herangehensweise durch: der "Budgetansatz". Dieses klimaökonomische Instrument geht über die zuvor dominierende Beschränkung auf Langfrist-Reduktionsziele deutlich hinaus. Der Budgetansatz richtet sich nicht allein auf den Endpunkt globaler und nationaler Reduktionskurven, sondern auf deren konkreten Verlauf. Dies führt zu einer folgenreichen Verschiebung der Perspektive. Im Blickpunkt stehen nun nicht mehr die Reduktionsziele für 2050, beispielsweise minus 50 Prozent weltweit oder minus 80–95 Prozent in den Industriestaaten (verglichen mit dem Basisjahr 1990). Mit dem Budgetansatz wird vielmehr die bis 2050 maximal noch zu emittierende Gesamtmenge an Treibhausgasen errechnet.

Diese Herangehensweise ist nicht nur wesentlich problemadäquater als eine Beschränkung auf langfristige Reduktionsmarken. Sie hat auch Implikationen für den mittelfristigen Verlauf der Emissionskurven. Klimabudget-Studien, die auf ein Einhalten der Zwei-Grad-Marke zielen, gehen davon aus, dass die globalen Treibhausgas-Emissionen in den kommenden Jahren zwar zunächst noch weiter ansteigen werden, dann aber recht bald einen Gipfel (peak) erreichen und ab diesem Zeitpunkt stark zurückgehen müssen. Je später das Peak-Jahr erreicht wird, desto höher müssen anschließend die jährlichen Reduktionsraten bis 2050 ausfallen.

Entkopplungstendenzen

Schon bald nach dem enttäuschend verlaufenen Klimagipfel von Kopenhagen zeigte sich in der EU eine erste Sollbruchstelle zwischen dem symbolisch-politischen und dem wissenschaftlich-kalkulatorischen Zugriff auf das Zwei-Grad-Ziel. Europäische Klimapolitiker hoben es als ausgesprochen positiv hervor, dass die Marke im "Kopenhagen-Akkord" erwähnt wurde, und deklarierten die Gipfelergebnisse als "Schritte in die richtige Richtung". In den Klimawissenschaften hingegen war das Echo verheerend: Die in Kopenhagen vereinbarten nationalen Selbstverpflichtungen seien bei weitem nicht ausreichend, um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen.

Da schon die bislang emittierten Treibhausgase einen Temperaturanstieg von etwa 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter verursachen werden, wären in der Tat große politische Fortschritte notwendig, um die Zwei-Grad-Schranke noch einzuhalten. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) geht davon aus, dass der globale Emissionspeak spätestens zwischen 2015 und 2021 erreicht werden muss. Aufgrund von politischen wie volkswirtschaftlichen Pfadabhängigkeiten wird sich schon einige Jahre im Voraus bestimmen lassen, wann der Maximalpunkt eintritt. Derzeit spricht allerdings wenig dafür, dass eine Trendumkehr während der nächsten Jahre auch nur in Sichtweite geraten wird. Insofern dürften sich in naher Zukunft die klimawissenschaftlichen Stimmen mehren, die definitiv ausschließen, dass die Zwei-Grad-Marke zu halten ist.

(…)

Sobald offenkundig geworden ist, dass die Klimapolitik das Zwei-Grad-Limit verfehlen wird, muss es zwingend zu einer Neuformulierung der globalen Zielmarke kommen. Theoretisch könnte man sich dann darauf beschränken, die Temperaturgrenze moderat zu erhöhen, etwa auf 2,5 Grad. Der EU-Klimapolitik dürfte es jedoch kaum gelingen, eine solche Anpassung der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, ohne sich dem Vorwurf der Beliebigkeit auszusetzen. Insofern läge es näher, im Zuge einer Absenkung des Anspruchsniveaus auch die Zielkategorie selbst zu wechseln: weg von der globalen Durchschnittstemperatur, hin zur atmosphärischen Konzentration von Treibhausgasen. Das neue Globalziel läge dann nicht bei 2,5 Grad, sondern – nach heutigem Stand der Forschung – bei 500 ppm (parts per million) CO2-Äquivalenten.

Ein Konzentrationsziel wäre nicht nur mit geringeren wissenschaftlichen Unsicherheiten behaftet als ein Temperaturziel. Die öffentliche Glaubwürdigkeit des Limits ließe sich auch nicht mehr durch einen einzigen kalten Winter erschüttern.

Sollte sich in der internationalen Klimapolitik ein Konsens darüber herausbilden, dass das Anspruchsniveau zu reduzieren ist, so dürfte schon allein dies zu einer großen Belastung für das bislang symbiotische Arbeitsbündnis zwischen der klimapolitischen Führungsmacht EU und der Klimaforschung werden. Eine ebenso große Sollbruchstelle liegt jedoch im Budgetansatz selbst begründet. Ihm liegt ein hohes Maß an Steuerungsoptimismus und Rigidität zugrunde, das sich mit den Strukturen der globalen wie auch der europäischen Klimapolitik nicht vereinbaren lässt.

(…)

Paradigmenwechsel

Die für die kommenden Jahre zu erwartende Absetzbewegung vom Zwei-Grad-Ziel bedeutet keineswegs, dass die EU schon jetzt offensiv davon abrücken oder gar das Engagement für seine Verwirklichung einstellen sollte. Doch die Energie- und Klimapolitik der EU wird man nur dann als "strategisch" bezeichnen können, wenn sie den Entwicklungspfad einer internationalen Abkehr vom Zwei-Grad-Ziel vorausschauend in Rechnung stellt. Wenn der Europäische Rat im kommenden Jahr die Mittel- und Langfristkonzeptionen "Energiestrategie 2011–2020" und "Energy Roadmap 2050" verabschiedet, sollte er deshalb in einem ersten Schritt darauf verzichten, das Zwei-Grad-Ziel abermals zum zentralen oder gar alleinigen Ausgangspunkt der europäischen Klimaschutzbemühungen zu erklären. Mittelfristig wird die EU nicht umhinkommen, eine Grundsatzentscheidung darüber zu treffen, welches veränderte klimapolitische Globalziel sie anstrebt. Sie sollte es nicht dabei belassen, lediglich für ein abgeschwächtes Temperatur- bzw. Konzentrationsziel zu plädieren, sondern stattdessen auf einen Paradigmenwechsel drängen.

(…)

Ein alternatives Paradigma stünde vor der Aufgabe, klimapolitischen Realismus mit einer positiven globalen Leitidee zu verbinden. Um dauerhaft wirksame Veränderungen anzustoßen, müsste ein neues Globalziel insbesondere das Kriterium erfüllen, sowohl der politisch-symbolischen als auch der wissenschaftlichen Funktionslogik gerecht zu werden. Gelingen kann dies nur mit einer dynamischen Zielformel, nicht mit einer exakt kalkulierten Emissionsobergrenze. Eine der möglichen Varianten bestünde darin, "Klimaneutralität" auf VN-Ebene als globales Langfristziel festzuschreiben – also anzustreben, dass der Netto-Ausstoß von Treibhausgasen auf Null reduziert wird. Selbst wenn man dies zunächst noch mit einem breiten zeitlichen Zielkorridor verknüpfte, wäre damit die Bewegungsrichtung gesetzt, an der sich alle Staaten messen lassen müssten.

Ambitionierten klimapolitischen Akteuren wie der EU käme in diesem Rahmen die Aufgabe zu, sich auf ehrgeizige Dekarbonisierungs-Pfade zu verpflichten. Sie müssten den Beweis antreten, dass die Transformation hin zu low carbon economies technologisch möglich und ökonomisch erfolgreich ist, mit positiven Effekten nicht nur für das Klima, sondern auch für Energiepreise und Versorgungssicherheit. Gelänge dies, würden andere Industrie- und Schwellenländer schon aus Eigeninteresse folgen. Ein solcher Bottom-up-Ansatz würde zu deutlichen Emissionsminderungen führen. Dagegen wäre eine treffsichere Vorhersage, welchen Temperaturanstieg die Welt damit in Kauf nehmen würde, aus heutiger Sicht nicht möglich. Allerdings ist zu bezweifeln, dass es sich beim derzeit favorisierten Top-down-Prinzip tatsächlich anders verhält. Die klimapolitischen Anstrengungen an flexiblen Orientierungsmarken wie "Klimaneutralität" auszurichten wäre kurzfristig effektiver und langfristig erfolgversprechender, als an einer strikten Temperatur-Obergrenze festzuhalten, die sich im politischen Prozess nicht realisieren lässt.

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