Geschichte hält Einzug in bosnische Wahlen
Der Sohn des muslimischen Kriegsführers von Bosnien wird wahrscheinlich einer der drei Präsidenten des Landes werden, wie es Wahlresultate heute (4. Oktober) zeigten. Analysten sagten, er scheine bereit zu sein, mit anderen ethnischen Gruppen des geteilten Landes zusammenzuarbeiten.
Der Sohn des muslimischen Kriegsführers von Bosnien wird wahrscheinlich einer der drei Präsidenten des Landes werden, wie es Wahlresultate heute (4. Oktober) zeigten. Analysten sagten, er scheine bereit zu sein, mit anderen ethnischen Gruppen des geteilten Landes zusammenzuarbeiten.
Die Wahl, die vom Westen nach Zeichen untersucht wurde, ob sich Bosnien in Richtung NATO und EU entwickelt oder in tiefere Stagnation gerät, wurde getrübt, als Beamte ankündigten, sie würden möglichen Betrug in der Wahl des serbischen Mitglieds der bosnischen Präsidentschaft untersuchen, wie Reuters berichtete.
Seit der letzten Wahl 2006 hat sich das Misstrauen vertieft zwischen den nationalistischen kroatischen, serbischen und muslimischen Anführern, und die politischen Klüfte zwischen den beiden autonomen Regionen des Landes, der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Serbischen Republik, haben sich erweitert.
Bakir, der Sohn des Präsidenten am Ende der Kriegszeit, Alija Izetbegovic, wird als eher dazu bereit betrachtet, mit den anderen ethnischen Gruppen zu arbeiten, als der Amtsinhaber, Haris Silajdzic. Er hat die Wahl um den muslimischen Präsidentschaftssitz mit über 80 Prozent der Stimmen, die am Sonntag gezählt wurden, gewonnen.
Sie würden die Situation in Bosnien stabilisieren und den bosnischen Bürgern eine bessere Zukunft anbieten, sagte Izetbegovic „Reuters Television“ gegenüber. Dies bedeute Frieden und bessere Bedingungen zur Entwicklung der Wirtschaft und der Beschäftigung.
Frühen Berichten und Äußerungen der Parteien zufolge hatte das „Bündnis der unabhängigen Sozialdemokraten“ (SNSD) von Milorad Dodik, der im Wahlkampf mit einer Sezession aus Bosnien gedroht hatte, in der serbischen Hälfte des Balkanstaats die Nase deutlich vorn.
Aber der SNSD-Kandidat für den serbischen Sitz der dreiköpfigen Präsidentschaft, Nebojsa Radmanovic, stand nur um drei Prozent vor dem nächsten Kandidaten, nachdem 70 Prozent der Stimmen gezählt wurden. 13 Prozent der Stimmen waren nichtig.
Insgesamt 13,24 Prozent nichtiger Stimmen im Rennen um den serbischen Präsidentschaftssitz deuteten auf die Möglichkeit eines Betruges und dies werde gründlich geprüft werden, sagte Suad Arnautovic, ein Mitglied der Wahlkommission, während einer Pressekonferenz.
Seitdem der Krieg zwischen 1992 und 1995 circa 100.000 Menschen tötete, hat Bosnien fünf Wahlen abgehalten aber ist in politischen und wirtschaftlichen Reformen zurückgeblieben. Das Land bleibt unter den Ländern des westlichen Balkans, die eine EU- und NATO-Mitgliedschaft anstreben, ganz hinten.
EU „äußerst inkompetent“ in Bosnien
Die EU habe „äußerste Unfähigkeit“ während des 1992-1995-Kriegs in Bosnien und Herzegowina gezeigt und dies gehe heute weiter, sagte der ehemalige jugoslawische Politiker Raif Dizdarevi? Pavol Demes, dem Direktor des mitteleuropäischen Büros des „German Marshall Fund“ und ehemaligem Außenminister der Slowakei, in einem Interview vor kurzem.
Dizdarevi?, der hohe Ämter des ehemaligen jugoslawischen Regimes bekleidet und mit Josip Broz Tito und mit Slobodan Milosevic gearbeitet hat, kritisierte die Rolle der Europäischen Gemeinschaft im Konflikt und denkt, dass die EU heute nicht viel besser handele.
Die Vereinten Nationen seien dabei erwischt worden, wie ihre Truppen die Ereignisse nur passiv beobachtet hätten. Ähnlicherweise hat die Europäische Gemeinschaft ihre Aktivitäten auf die Verteilung humanitärer Hilfe eingeschränkt. Dies habe „äußerste Inkompetenz“ gezeigt, was sich seines Erachtens fortsetze, sagte er.
Die Wahl „wird nur geringe Änderungen bringen“
Was die Zukunft des Landes betreffe, bedauerte Dizdarevi? die mangelnde Kommunikation zwischen den beiden „Entitäten“ und sagte, das Dayton-Muster müsse durch neue demokratische Prozesse ersetzt werden. Bezüglich der Wahlen dieser Woche sieht er eine „psychologische und politische Mauer“ im Lande und ist der Fähigkeit der nächsten Regierung, sie zu überwinden, gegenüber skeptisch.
Er erwarte keine bedeutenden Änderungen. Es wäre sehr gut, wenn die drei-Mitglieder-Präsidentschaft verändert werden würde, doch es sei unwahrscheinlich, dass dies passiere. Er erwarte, es würden nur geringe Änderungen in den existierenden Machtstrukturen geben, auf Grund der derzeit regierenden Parteien, sagte er.
Er forderte auch die US und die EU auf, in der derzeitigen demokratischen Entwicklung des Landes eine größere Rolle zu spielen, anstatt sich zurückzuhalten und Fortschritte aus dem Land heraus zu erwarten.
Die Schlüsselfrage sei die der Stellung, die die USA und die Europäische Union nehmen würden, was die Zukunft von Bosnien und Herzegowina betreffe. Es werde nicht gut sein, wenn sie weiterhin wiederholten: „Schließt ein Abkommen innerhalb von Bosnien und Herzegowina – wir werden es unterstützen“. Sie sollten neue Impulse hervorbringen, sagte er.
Der Krieg in Bosnien „geht weiter“
Dizdarevi? zufolge sei der Konflikt, der mit dem Zerfall Jugoslawiens einherging, viel schlimmer als die Erlebnisse des Landes während des Zweiten Weltkriegs gewesen, und, obwohl der Krieg 1995 technisch zu Ende gewesen sei, gehe er heute weiter fort – nur ohne Waffen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg seien sie voller Begeisterung und Zuversicht in ihre Stärke gewesen, die sich im Wiederaufbau des Landes gezeigt habe. Umgekehrt gehe der Krieg der ersten Hälfte der Neunziger weiter. Er möge ohne Waffen verlaufen, doch beziehe er alle Elemente des Hasses, der Spaltung und der Kluft ein, bereut er.
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