Gesundheitsverbände uneins über EU-Plan zur Schadensminderung von Tabakkonsum

Interessenvertreter sind uneins darüber, ob die EU eine Strategie zur Verringerung der durch das Rauchen verursachten Gesundheitsschäden braucht, die nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Europa jährlich fast 700.000 Todesfälle verursachen.

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This article is part of our special report "Die Zukunft neuartiger Tabakprodukte in der EU"
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Auf EU-Ebene zielt der Krebsbekämpfungsplan der Kommission darauf ab, bis 2040 eine tabakfreie Generation zu schaffen, und vorerst sind nicht alle neuartigen Produkte Teil der Brüsseler Pläne. [[Shutterstock/Vershinin89]]

Interessenvertreter sind uneins darüber, ob die EU eine Strategie zur Verringerung der durch das Rauchen verursachten Gesundheitsschäden braucht, die nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Europa jährlich fast 700.000 Todesfälle verursachen.

Neuartige Tabakerzeugnisse sind als Alternativen zum herkömmlichen Zigarettenrauchen aufgetaucht, und Befürworter:innen verweisen auf mehrere internationale Studien, in denen betont wird, dass diese Produkte viel weniger schädlich seien als das herkömmliche Rauchen.

Befürworter:innen argumentieren deshalb, dass die Produkte zur Verringerung der Gesundheitsschäden eingesetzt werden sollten.

Die EU und ein Großteil der wissenschaftlichen Gemeinschaft stehen den neuartigen Produkten jedoch skeptisch gegenüber und betonen, dass bisher keine Erkenntnisse über deren langfristige Folgen vorlägen.

„Das Anlegen des Sicherheitsgurts ist Schadensbegrenzung. Man verbietet den Leuten nicht, ihr Auto zu benutzen, weil es gewisse Risiken birgt […] Man eliminiert das Risiko nicht, man reduziert es“, erklärte Dr. Konstantinos Farsalinos, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Onassis Cardiac Surgery in Griechenland, gegenüber EURACTIV.

David Sweanor, ein kanadischer Anwalt und Professor an der Universität Ottawa, argumentierte, dass alles, was Menschen tun, ein Risiko darstelle.

„Wir wissen, dass es immer noch gefährlich ist, Sex mit einem Fremden zu haben. Aber wenn man Vorsichtsmaßnahmen trifft, kann man die Wahrscheinlichkeit einer sexuell übertragbaren Krankheit stark verringern“, sagte er.

Sweanor sagte, es sei seit über 50 Jahren bekannt, dass Menschen nicht durch das Nikotin selbst erkrankten und sterben würden, sondern dadurch, wie sie es durch das Rauchen in ihre Lungen bekommen.

„Wir wissen, dass es Möglichkeiten gibt, Nikotin in für den Verbraucher:innen akzeptabler Form zu verabreichen, ohne dass das Einatmen von Rauch erforderlich ist […] wir wissen, dass wir das Risiko wahrscheinlich um fast 99 Prozent reduzieren können, indem wir einfach zu Produkten ohne Verbrennung übergehen, die einige grundlegende Standards für Inhaltsstoffe erfüllen“, fügte er hinzu.

Cornel Radu-Loghin, Gesundheitsbeauftragter des Europäischen Netzwerks für Rauch- und Tabakprävention (ENSP), ist jedoch grundsätzlich nicht damit einverstanden, dass der Begriff „Schadensbegrenzung“ im Bereich der Tabakkontrolle verwendet wird.

„Das ist so, als würde man beschließen, Menschen nicht mit Schüssen, sondern mit zehn Messern zu töten. Das ist in der Tat der Fall, wenn wir über Tabak sprechen. Es geht nur darum, den Schaden zu verzögern, nicht ihn zu verringern“, sagte er.

Loghin betonte, dass neuartige Tabakerzeugnisse immer noch schädlich seien, egal wie viel weniger sie enthalten.

„Am Ende, und das können wir sehen, sind die neuen Produkte nicht auf dem Markt, um den Menschen zu helfen, mit dem traditionellen Rauchen aufzuhören. Die neuen Produkte sind da, um das Geschäft für die Industrie zu erhalten.“

„Und es ist offensichtlich, dass viele Raucher:innen beschlossen haben, auf die neuen Produkte umzusteigen und sie nur dort zu benutzen, wo sie die herkömmlichen Zigaretten nicht benutzen können. Sie haben also letztlich beides getan“, fügte Loghin hinzu.

EU-Kommission schaut genau hin

Auf EU-Ebene zielt der Krebsbekämpfungsplan der Kommission darauf ab, bis 2040 eine tabakfreie Generation zu schaffen, und vorerst sind nicht alle neuartigen Produkte Teil der Brüsseler Pläne.

„Die Kommission ist sich der laufenden öffentlichen Debatte über die Schadensbegrenzung beim Tabakkonsum bewusst. Eines der Ziele des Krebsbekämpfungsplans der Kommission ist es, sicherzustellen, dass bis 2040 weniger als fünf Prozent der Bevölkerung Tabak konsumieren“, so ein Mitarbeiter der EU-Kommission gegenüber EURACTIV.

Die Kommission arbeitet derzeit an der Evaluierung der Richtlinie über Tabakerzeugnisse, die unter anderem elektronische Zigaretten, Nachfüllbehälter und neuartige Tabakerzeugnisse regelt.

„Alle wissenschaftlichen Bewertungen zu neuartigen und aufkommenden Nikotin- und Tabakerzeugnissen werden sorgfältig geprüft“, so der EU-Mitarbeiter weiter.

Als Mindestanforderungen nannte der Beamte jedoch, dass diese den einschlägigen WHO-Empfehlungen folgen sollten, wie etwa, dass sie sich nur auf unabhängige Datenquellen stützen oder die Risiken einer doppelten Verwendung mit herkömmlichen Tabakprodukten analysieren sollten.

„Die WHO weist auf die Herausforderungen bei der wissenschaftlichen Bewertung dieser Produkte hin (zum Beispiel die großen Unterschiede bei den Emissionen, die Wechselwirkungen zwischen Gerät und Inhalt und die besonderen Merkmale, die zu unterschiedlichen Nikotin- und Schadstoffkonzentrationen führen), die in vollem Umfang berücksichtigt werden sollten“, fügte er hinzu.

Dr. Andrzej Fal, ein polnischer Medizinprofessor, erklärte jedoch, die Politik frage kontinuierlich nach mehr Forschung, sei jedoch nicht bereit, diese angemessen zu finanzieren.

„Sie sagen, dass wir mehr Forschung brauchen, aber gleichzeitig finanzieren sie keine Forschung unter Berufung auf die hohen Kosten, und folglich kommt diese Forschung von der Industrie. Und dann heißt es, sie sei nicht zuverlässig“, sagte Dr. Fal.

Der polnische Professor betonte, die einzige Möglichkeit, eine Gesellschaft von Nichtraucher:innen zu schaffen, bestehe darin, die Menschen von Geburt so zu erziehen, dass sie mit 18 Jahren keine Zigaretten mehr kaufen wollen.

„In 18 oder 20 Jahren können wir von einer rauchfreien Gesellschaft in Europa träumen. Schauen Sie sich Norwegen oder Schweden an, die in den späten 70er Jahren damit begonnen haben und deren Raucheranteil heute bei fünf bis sieben Prozent liegt. Aber sie haben 40 Jahre dafür gebraucht“, sagte er.

Bevor wir dieses Niveau erreichen, so Fal, gebees schnelle Lösungen, wie etwa neuartige Tabakerzeugnisse, die schnell eingeführt und eingesetzt werden könnten, um den Rauchern zu helfen.

„In der Zwischenzeit müssen wir etwas präsentieren und die Schadensbegrenzung erklären“, sagte er.

Lösung für starke Raucher?

Die Mitte-Rechts-Abgeordnete Maria Spyraki erklärte gegenüber EURACTIV, dass ein zweifaches Ziel verfolgt werden sollte.

Erstens solle man starken Raucher:innen mit neuartigen Tabakprodukten helfen, vom traditionellen Rauchen wegzukommen, aber der „Zugang zu diesen Produkten sollte unter sehr strengen Bedingungen erfolgen.“

„Man sollte starken Raucher:innen erlauben, diese Art von Produkten zu verwenden, aber das bedeutet nicht, dass dies der Ausweg ist“.

Das zweite Ziel sei es, „jüngere Menschen zu schützen, damit wir nicht eine neue Generation von Raucher:innen schaffen, die mit den neuen Produkten in Verbindung stehen“, sagte die Abgeordnete.

Auf den Fall der starken Raucher:innen angesprochen, erklärte Loghin vom ENSP, dass neuartige Tabakprodukte eine Lösung für starke Raucher:innen sein könnten, wenn ein Arzt dies empfehle.

„Aber noch einmal: Als öffentliche Gesundheitsorganisation können und wollen wir keine Tabakprodukte fördern. Das ENSP vertritt die klare Position, dass jeder Arzt den Raucher:innen bei der Raucherentwöhnung so helfen kann, wie er es für das Beste hält“, schloss er.

[Bearbeitet von Alice Taylor]