Giftige Grünalgen: Wie eine Umweltplage die Bretagne bedroht

Mit steigenden Temperaturen werden Küstenabschnitte regelmäßig von tonnenweise stinkenden Algen überzogen. Beim Zersetzen setzen sie Schwefelwasserstoff frei – ein hochgiftiges Gas.

EURACTIV.com
Green seaweed
Green seaweed [EPA/GILDAS RAFFENEL]

Fast zehn Jahre nach dem Tod eines Joggers an der bretonischen Küste durch giftige Gase aus Algenblüten, die mit landwirtschaftlicher Verschmutzung in Verbindung stehen, erklärt der Regionalpräsident, es seien Präventionsmaßnahmen ergriffen worden. Umweltverbände warnen jedoch: Die Gefahr ist längst nicht gebannt.

Auch in diesem Sommer kämpft die Bretagne im Westen Frankreichs wieder mit einem altbekannten Problem: grünen Algen.

Mit steigenden Temperaturen werden Küstenabschnitte regelmäßig von tonnenweise stinkenden Algen überzogen. Beim Zersetzen setzen sie Schwefelwasserstoff frei – ein hochgiftiges Gas.

Am 24. Juni urteilte ein französisches Gericht, dass der Tod eines Joggers 2016 an einem Strand in Nord-Bretagne auf das Einatmen dieses Gases zurückzuführen ist. Das Gericht warf der Regierung in Paris vor, EU- und nationale Gewässerschutzvorgaben nicht eingehalten zu haben.

Doch der Fall blieb kein Einzelfall: Seit 1989 starben schätzungsweise 40 Tiere und drei Menschen an den Folgen der Algen. Die Ursache der grünen Gezeiten ist bekannt – sie liegt in der intensiven Nutztierhaltung, dem wirtschaftlichen Rückgrat der Bretagne.

Die Schweine der Bretagne

Die Region dominiert die französische Schweineindustrie: Fast 60 Prozent der Tiere werden hier gehalten, rund 20.000 Jobs hängen daran.

Das Landschaftsbild prägen industrielle Mastanlagen, die stickstoffhaltige Gülle produzieren. Diese wird als Dünger auf Felder ausgebracht.

Doch die Pflanzen können nicht alle Nitrate aufnehmen – Überschüsse gelangen ins Grundwasser, in Flüsse und schließlich ins Meer, wo sie das Algenwachstum anheizen.

Die Journalistin Inès Léraud deckte 2017 in einer Recherche die „Schweigen-Fabrik“ auf: Agrarlobbys und Politiker verharmlosen den Skandal, um den lukrativen Schweinesektor zu schützen.

Der sozialdemokratische Regionalpräsident Loïg Chesnais-Girard erklärte gegenüber Euractiv, die Lage habe sich seither verbessert. „Jeder hat verstanden, dass es Übertreibungen gab.“

Tatsächlich sank der Nitratgehalt in den bretonischen Gewässern von 53 Milligramm pro Liter in den 1990ern auf stabile 25 mg/l seit den 2010er-Jahren – vor allem, weil es weniger Schweine gibt. Die Zahl der Tiere fiel zwischen 2001 und 2022 von 8,4 auf 6,8 Millionen.

Doch die Region läuft Gefahr, ihr Ziel zu verfehlen: Bis 2027 sollen die Werte auf 15 mg/l sinken.

Ein Lösungsansatz, so Chesnais-Girard: Hecken pflanzen, um den Abfluss von Nitraten zu bremsen. Güllebehälter werden auf Lecks geprüft, Lastwagen sammeln Algen an Stränden ein und bringen sie in Trockenschuppen.

Schminke fürs Schwein

Kritiker halten dagegen: Diese Maßnahmen griffen zu kurz.

„Das Problem ist nicht gelöst“, warnt Stéphane Galais von der links-grün orientierten Bauerngewerkschaft Confédération Paysanne.

Noch immer gebe es gesperrte Trinkwasserbrunnen, in manchen Regionen lägen die Nitratwerte bei 50 mg/l. Zwar habe die Verschmutzung durch sinkende Viehbestände abgenommen, aber „die strukturelle Ursache“ bleibe. Die Nitratpläne der Regierung seien ineffektiv, zu kompliziert und vom „starken Einfluss der Agrarlobby“ geprägt.

Die Gewerkschaft sieht nur einen Ausweg: Die Dominanz der Schweinehaltung – ein „historischer Irrtum“ – müsse gebrochen werden. „Ohne einen echten Plan zum Ausstieg aus der industriellen Tierhaltung lässt sich das Problem nicht lösen.“

Politische Zwickmühle

Doch ein Abschied vom Schwein fällt schwer.

Zwar räumt Chesnais-Girard ein, dass in besonders belasteten Gebieten ein Abbau der Tierbestände sinnvoll sei. Gleichzeitig warnt er vor einer Kulturkampf-Debatte um Landwirtschaft. „Wer beim ökologischen Wandel zu sehr Druck macht, treibt die Wähler ins Extrem“, sagt er.

Die Branche selbst weist die Kritik zurück.

„Wir müssen aufhören, die Schweinehalter verantwortlich zu machen. Sie verfügen über Güllebehälter mit strengen Auflagen und halten sich an die Vorschriften“, so Anne Richard, Chefin des französischen Branchenverbands INAPORC.

Auch die nationale Politik zeigt Rückendeckung: Am 12. August unterzeichnete Präsident Emmanuel Macron ein umstrittenes Gesetz, das die Erweiterung von Tierhaltungsbetrieben erleichtert.

Für Gewerkschafter Galais ein fatales Signal: „In der Bretagne brauchen wir genau das Gegenteil.“

(msa, ow, vib, jl)