Greises Europa fühlt sich jung

Europa befindet sich auf dem Weg in eine alterslose Gesellschaft. Davon geht eine neue Demographie-Studie aus. Überalterung sei keine Bedrohung, betont der frühere SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi.

Klaus von Dohnanyi (links) bei der Präsentation der Studie „Die freie Generation 2009“. Foto: Isabel Robles
Klaus von Dohnanyi (links) bei der Präsentation der Studie "Die freie Generation 2009". Foto: Isabel Robles

Europa befindet sich auf dem Weg in eine alterslose Gesellschaft. Davon geht eine neue Demographie-Studie aus. Überalterung sei keine Bedrohung, betont der frühere SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi.

Die Zahlen in dem Bericht über die demographische Alterung in Europa, die die EU-Kommission vorgelegt hat, sprechen eine andere Sprache: Auf jeden Menschen über 65 kommen bald nur noch zwei im arbeitsfähigen Alter. Bisher waren es vier. Mit dem stärksten Einschnitt ist ab 2015 zu rechnen, wenn die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Ist das Europa der Zukunft also doch alt und greise?

Agiles Altern in Europa

Nein, kontert eben die Studie über das Lebensgefühl der Menschen ab 45 Jahre. Die Untersuchung der KarstadtQuelle-Versicherung zeigt: Die deutsche Gesellschaft vergreist keinesfalls. Ganz im Gegenteil. Die Alten fühlen sich immer jünger. Und dieses Phänomen ist nach Dieter Otten, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Osnabrück und Leiter des Forschungsprojekts, ein gesamteuropäisches. Er spricht von einem Paradigmenwechsel, die "Klischeealten" würden immer mehr von einer Generation fitter, attraktiver Menschen in den besten Jahren vertrieben. "Die Gesellschaft altert zwar, aber sie wird nicht zu einem kollektiven Altersheim", so Otten.

Lebensmitte bei 60?

Das Altsein ist für mehr als 90 Prozent der Befragten nichts mehr, das sie selbst betrifft. Die Mehrzahl der Befragten schätzt ihre Lebensmitte auf etwa 60 Jahre. Man geht also davon aus, dass man über eine stark verlängerte Lebenserwartung verfügt. Die Fünfzig- bis Siebzigjährigen von heute verstehen sich laut Otten als "alterslose Bürger". Sie sind gesund, fit, sexuell aktiv und politisch engagiert. Und wer sich nicht alt fühlt, denkt auch nicht an Rente: Mehr als die Hälfte der Menschen über 50 Jahre (59 Prozent) gibt an, auch jenseits der Rentengrenze berufstätig sein zu wollen.

Zu diesem Schluss kommt auch die EU-Kommission: "Erstmals in der Geschichte ist es der überwiegenden Mehrheit der europäischen Bürger möglich, bis ins hohe Alter ein aktives, gesundes Leben zu führen und an der Gesellschaft teilzuhaben", so der EU-Alterungsbericht.

Reform der Rentensysteme

Doch sind die europäischen Rentensysteme darauf vorbereitet? Bei deren Reform sind in den vergangenen Jahren beachtliche Fortschritte erzielt worden. Die Entwicklung der gestiegenen Lebenserwartung wurde dabei stärker berücksichtigt. Faktoren, die einer längeren Lebensarbeitszeit entgegenstehen, wurden abgebaut, wohingegen Anreize verstärkt wurden. Die Niederlande, Dänemark und Schweden sind hierbei Vorreiter, Deutschland dagegen hinkt hinterher.

Der ehemalige Bildungsminister Klaus von Dohnanyi (Jahrgang 1928) hält ein Umdenken für mehr als notwendig: "Es herrscht immer noch das Gefühl vor, dass diese Überalterung mit einem Bedrohungspotenzial verbunden ist", sagte er bei der Präsentation der Studie. Dabei seien die Alten von heute überhaupt nicht mehr alt. "Erst wenn sie 70 sind, kommen sie darauf, dass sie nicht mehr 30 sind." Und diese "neuen Alten" wollen sich nützlich fühlen. "Man muss ihnen das Gefühl geben, dass die Gesellschaft sie immer noch braucht. Und das tut sie!" Dohnanyi bezeichnete es als Unding, dass man in Deutschland mit 65 "ausrangiert" werde. Die Rentensysteme aus den 50er Jahren hätten sich überlebt.

Isabel Robles

Weitere Dokumente

Karstadtquelle Versicherungen: Studie: Die freie Generation 2009:
Kommission: Alterungsbericht 2009