Großbritannien leidet unter Lieferengpässen bei Obst und Gemüse
Obst und Gemüse sind in Großbritannien inzwischen vielerorts Mangelware. Die Lieferengpässe reichen von Brokkoli, Gurken und Salat bis hin zu Tomaten, Paprika und Himbeeren.
Obst und Gemüse sind in Großbritannien inzwischen vielerorts Mangelware. Die Lieferengpässe reichen von Brokkoli, Gurken und Salat bis hin zu Tomaten, Paprika und Himbeeren.
Ist der Brexit, das schlechte Wetter in Spanien, der Preiskrieg in den Supermärkten, die steigenden Energierechnungen als Folge des Ukraine-Krieges oder die britische Regierung für die knappen Regale verantwortlich?
Angesichts der geringen Bestände rationieren immer mehr Einzelhändler ihre Waren, wobei einige nicht mehr als drei Einkäufe pro Kunde für bestimmte Artikel zulassen.
Der Wocheneinkauf von Millionen von Briten wird seit Monaten auch durch den Mangel an Eiern aufgrund der Vogelgrippe beeinträchtigt.
Die Regierung beharrt darauf, dass das schlechte Wetter die Ernten in Südeuropa und Nordafrika beeinträchtigt hat, während Behörden und Supermarktketten davor warnen, dass es noch wochenlang zu Engpässen bei Frischwaren kommen wird.
Rüben als Alternative
London weist Behauptungen, der Brexit sei schuld, zurück und besteht darauf, dass nach dem Austritt aus der Europäischen Union Anfang 2021 die vollständige Kontrolle über die Agrarpolitik übernommen wurde.
Auch der spanische Landwirtschaftsminister Luis Planas sagte der Financial Times, dass der Brexit nicht die Ursache für die Knappheit sei, räumte aber ein, dass die steigenden Kosten einige kleinere Erzeuger gezwungen hätten, ihre Exporte einzuschränken.
Mark Spencer, der für Lebensmittel zuständige britische Staatssekretär/Juniorminister, hat die Supermarktbetreiber dazu aufgefordert, zu erklären, was sie konkret tun, um die Regale wieder aufzufüllen.
Umweltministerin Therese Coffey rief die Briten dazu auf, mehr einheimische Saisonprodukte wie Rüben zu essen, anstatt importierte Lebensmittel, die knapp sind.
Dies löste einen Streit über den Vorschlag aus, dass die Briten – die bereits mit einer durch die galoppierende Inflation ausgelösten Lebenshaltungskostenkrise konfrontiert sind – Rüben, die im Allgemeinen als langweiliges Wurzelgemüse gelten, zu schätzen wissen.
Experten glauben inzwischen, dass das Problem umfassender ist als bloß schlechte Anbaubedingungen in den wichtigsten Obst- und Gemüseproduzenten Spanien und Marokko.
‚Kaputtes‘ Lebensmittelsystem
„Niemand gibt wirklich zu, dass unser derzeitiges Lebensmittelsystem völlig kaputt ist“, sagte die Köchin Thomasina Miers dem BBC-Fernsehen.
„Die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben, ist unglaublich ölintensiv und trägt zu 30 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen bei“, fügte sie hinzu.
„Die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben, trägt also nicht nur zur (globalen) Erwärmung bei, sondern verschlechtert auch unsere Böden.“
Miers forderte die Erzeuger auf, moderne Technologien zu nutzen, um sowohl die Produktion als auch die Artenvielfalt zu verbessern.
Minette Batters, Präsidentin der National Farmers Union (NFU) in Großbritannien, lobte das britische System, das billige Lebensmittel produziert, warnte aber vor einer enormen Kosteninflation – insbesondere für lebenswichtige Elemente wie Futtermittel, Energie und Düngemittel.
Die rekordverdächtigen Temperaturen im vergangenen Sommer haben die landwirtschaftliche Produktion in Großbritannien ebenfalls stark belastet und die Preise langfristig in die Höhe getrieben.
Laut einer Umfrage des Datenanbieters Kantar stieg die Inflation der Lebensmittelpreise in Großbritannien im letzten Monat auf über 17 Prozent.
Batters hat die Regierung aufgefordert, eine Strategie umzusetzen, die den britischen Landwirten hilft, die Produktion zu steigern, die Umwelt zu schützen und die Volatilität zu bewältigen.
„Wir brauchen eine radikale Umstrukturierung der Beziehungen vom Erzeuger zum Verbraucher“, sagte Batters.
‚Dann kam noch der Brexit‘
Der einflussreiche Lebensmittelkritiker der Zeitung The Guardian, Jay Rayner, hat die Haltung der britischen Regierung ebenfalls verurteilt.
„Das ist nicht nur eine kleine Sache“, sagte er über die aktuelle Krise. „Sie ist ein Symptom für ein dysfunktionales Lebensmittelsystem.“
Er warf den Supermarktriesen vor, dass sie die Kosten gedrückt hätten, da sie die Preise im Wettbewerb um die Kunden gesenkt hätten.
„Jahrzehntelang hatten die Regierungen beider Seiten dem Supermarktsektor freie Hand in unserer Lebensmittelversorgungskette gelassen“, schrieb Rayner in einem Kommentar.
„Unsere Selbstversorgung … verkümmerte.“
Der Anbau vieler frischer Produkte sei aufgrund steigender Energiekosten und der Auswirkungen des Brexit – einschließlich zusätzlicher Bürokratie und Arbeitskräftemangel – „wirtschaftlich unrentabel“ geworden.
Die Briten müssten laut ihm akzeptieren, dass sie in Zukunft mehr für ihre Lebensmittel zahlen müssen.