Große EU-Banken halten massiv klimaschädliche Kredite
Viele der größten EU-Banken haben 2021 Kredite in Milliardenhöhe an Aktivitäten vergeben, die in Verbindung mit fossilen Brennstoffen stehen, wie ein neuer Bericht der Organisation Finance Watch aufdeckt.
Viele der größten EU-Banken halten Kredite in Milliardenhöhe , die in Verbindung mit fossilen Brennstoffen stehen, wie ein neuer Bericht der Organisation Finance Watch aufdeckt.
Der am Dienstag (4. Oktober) veröffentlichte Bericht analysiert die Bilanzen 60 großer internationaler Banken, darunter 22 in der EU, auf der Grundlage von Daten von 2021.
Insgesamt schätzt der Bericht, dass die 60 Banken Vermögenswerte im Bereich fossiler Brennstoffe in Höhe von rund 1,35 Billionen US-Dollar halten. Davon werden 239 Milliarden Dollar von EU-Banken gehalten.
Hierbei handelt es sich um Kredite, die die Banken für bestehende Aktivitäten mit fossilen Brennstoffen vergeben haben.
In Europa halten die sechs in der Studie untersuchten französischen Banken mit 142,3 Milliarden Dollar die meisten Vermögenswerte in dem Bereich, was 1,31 Prozent ihrer gesamten Aktiva ausmacht.
Bei den vier deutschen Banken ist die Summe mit 22,8 Milliarden Dollar oder 0,74 Prozent ihrer Gesamtaktiva relativ klein. Die fünf italienischen Banken in der Studie halten Vermögenswerte, die in Verbindung mit fossilen Brennstoffen stehen, im Wert von 16,9 Milliarden Dollar oder 0,61 Prozent ihrer Gesamtaktiva.
Im Durchschnitt halten die EU-Banken etwas weniger Kredite in dem Bereich als die US-Banken: In der EU sind es 1,05 Prozent der Gesamtaktiva, verglichen mit 1,28 Prozent in den USA.
Risiko für die Finanzstabilität
Auch wenn der prozentuale Anteil der Vermögenswerte aus fossilen Brennstoffen nicht überwältigend erscheinen mag, argumentiert die NGO Finance Watch, diese würden nicht nur ein Risiko für das Klima, sondern auch für die Finanzstabilität darstellen.
Da sich die Wirtschaft von fossilen Brennstoffen abwenden müsse, bestehe die Gefahr, dass Unternehmen, Kredite in diesem Bereich halten, in Zahlungsschwierigkeiten geraten.
Der Generalsekretär von Finance Watch, Benoît Lallemand, wies zudem darauf hin, dass die Anlagen in fossile Brennstoffe das Makrorisiko einer durch den Klimawandel verursachten wirtschaftlichen Störung erhöhten. „Jedes Mal, wenn man in fossile Brennstoffe investiert, erhöht man die Risiken“, sagte er gegenüber EURACTIV.
Laut Lallemand subventionieren die derzeitigen Kapitalanforderungen für Banken die fossile Brennstoffindustrie künstlich, da die Klimarisiken nicht angemessen berücksichtigt werden.
Heute müssen Banken für Kredite an die Fossilindustrie oft nur wenig Kapital, da diese Unternehmen von guten Kreditratings profitieren, die Klimarisiken nicht berücksichtigen.
„Dadurch werden die Kapitalkosten für Unternehmen, die fossile Brennstoffe einsetzen, künstlich gesenkt“, so Lallemand.
Höhere Kapitalanforderungen für den Bereich der fossilen Brennstoffe?
Aus diesem Grund plädiert Finance Watch dafür, dass Banken im Bereich der fossilen Brennstoffe höhere Kapitalpuffer anlegen sollen.
Die NGO plädiert für eine Risikogewichtung von 150 Prozent, was bedeutet, dass jeder Kredit, der an Unternehmen für bestehende Aktivitäten im Bereich fossiler Brennstoffe vergeben wird, mit 12 Prozent Kapital unterlegt werden müsste.
Derzeit werden diese Kapitalanforderungen für Banken überprüft. Letztes Jahr hatte die Kommission eine Änderung der EU-Vorschriften für die Eigenkapitalausstattung von Banken vorgeschlagen, um die EU-Bankenregulierung mit dem internationalen Rahmenwerk Basel III in Einklang zu bringen.
Obwohl der Kommissionsvorschlag keine verbindlichen klimabezogenen Kapitalanforderungen enthält, drängen einige Abgeordnete im europäischen Parlament auf die Aufnahme solcher Maßnahmen.
So haben die Sozialdemokrat:innen Paul Tang und Aurore Lalucq einen Änderungsantrag zum Berichtsentwurf des Parlaments eingebracht, um die Risikogewichtung für bestehende Kredite für fossile Brennstoffe auf 150 Prozent und die Risikogewichtung für neue Kredite für fossile Brennstoffe auf 1250 Prozent anzuheben.
Dies würde bedeuten, dass ein Kredit zur Ausbeutung neuer fossiler Brennstoffreserven zu 100 Prozent mit Bankkapital unterlegt werden müsste.
Die liberalen Abgeordneten Pascal Canfin und Gilles Boyer und ihr grüner Kollege Ville Niinistö haben ähnliche Änderungsanträge zum Berichtsentwurf von Jonás Fernández eingereicht.
Banken halten Vorschläge für kontraproduktiv
Der Europäische Bankenverband (EBF) lehnt diese Änderungen ab und bezeichnet sie als „kontraproduktiv.“
„Sie würden das Bankwesen starrer und nicht robuster machen“, sagte ein EBF-Sprecher gegenüber EURACTIV und argumentierte, dass die Ökologisierung der braunen Industrien „eine Kreditvergabe durch den Bankensektor erfordern wird, um ihnen bei der Umstellung zu helfen.“
„Wenn man das Angebot an Finanzmitteln jetzt einschränkt, könnte das die Kosten des Übergangs [zu mehr Nachhaltigkeit] erheblich erhöhen“, fügte der EBF-Sprecher hinzu.
Lallemand vermutet indessen einen anderen Beweggrund. „Die Eigenkapitalrendite ist das, was für sie zählt“, sagte er gegenüber EURACTIV. Höhere Kapitalanforderungen würden das Eigenkapital erhöhen und damit die Banken sicherer, aber weniger profitabel machen.
Darüber hinaus argumentierte er, dass die Banken nicht unbedingt um die finanzielle Stabilität besorgt seien, da sie wüssten, dass der Staat letztendlich eingreifen würde, wenn die von ihnen eingegangenen Risiken sie zu Fall bringen würden.
40 Prozent der Bankengewinne
Der Finance-Watch-Bericht berechnet auch, wie viel Kapital die EU-Banken benötigen würden, um ihre Puffer genügen aufzufüllen, um Kredite im Bereich fossile Brennstoffe mit 12 Prozent Eigenkapital zu unterlegen.
Den Berechnungen der NGO zufolge müssten die 22 größten EU-Banken einmalig 34 Milliarden Dollar an Kapital aufbringen, was etwa 40 Prozent ihrer Gewinne aus dem Jahr 2021 entspricht.
„Das ist sehr gut machbar, sehr akzeptabel“, bemerkte Lallemand.
Bemerkenswerterweise müssten die US-Banken jedoch nur etwa 14 Prozent ihrer Gewinne im Jahr 2021 investieren, um ihr bestehendes Exposure in Bezug auf fossile Brennstoffe zu decken, obwohl sie ein relativ größeres Exposure haben.
Das ist ein Zeichen dafür, dass die US-Banken viel profitabler sind als die EU-Banken.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]