Harms: ITER-Rat in der "Welt des Surrealen"

Die internationalen Partner haben sich auf die weitere Finananzierung des Kernfusionsprojektes ITER geeinigt. "Jetzt bewegen wir uns in die echte Bauphase", so der neue Generaldirektor Osamu Motojima. Scharfe Kritik kommt von Rebecca Harms (Grüne).

Die Grundidee eines Fusionsreaktors stammt aus dem Jahr 1952. Die Umsetzung kann aber noch dauern. Für Rebecca Harms (Grüne) wurde genug Geld in die Erforschung gesteckt. Fotos: EC/EP.
Die Grundidee eines Fusionsreaktors stammt aus dem Jahr 1952. Die Umsetzung kann aber noch dauern. Für Rebecca Harms (Grüne) wurde genug Geld in die Erforschung gesteckt. Fotos: EC/EP.

Die internationalen Partner haben sich auf die weitere Finananzierung des Kernfusionsprojektes ITER geeinigt. „Jetzt bewegen wir uns in die echte Bauphase“, so der neue Generaldirektor Osamu Motojima. Scharfe Kritik kommt von Rebecca Harms (Grüne).

Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im EU-Parlament, hat den Finanzierungsbeschluss zum internationalen Kernfusionsprojekt ITER scharf kritisiert. "’Augen zu und durch‘ scheint das Motto der verschworenen Fusionsgemeinschaft zu sein", so Harms in einer Erklärung. "Die Pressemitteilung des internationalen ITER-Rates wirkt, als hätten die Mitglieder des Rates von den Problemen des Projektes nie etwas gehört: Mit keinem Wort gehen die Verantwortlichen auf die Kostenexplosion für den Bau des Forschungsreaktors ein."

Der "International Thermonuclear Experimental Reactor" (ITER) im südfranzösischen Cadarache soll die Energieerzeugung mittels der Verschmelzung von Atomkernen erproben. Der EU-Kommission zufolge bietet die neue Technik die "Aussicht auf eine schier unerschöpfliche Quelle für sichere und saubere Energie". Kritiker wie der Kernphysiker Heinz Smital bezweifeln, dass die Technologie je für die kommerzielle Stromerzeugung nutzbar sein wird. Die Politik versenke "sinnlos" Geld in einer Technologie, die ihre Verheißungen nicht erfüllen könne, so Smital im Interview mit EURACTIV.de.

Projektträger sind neben der EU die USA , China, Russland, Japan, Indien und Südkorea. Die Partner haben sich heute auf die weitere Finanzierung des Fusionsreaktors geeinigt, dessen Kosten weit höher liegen als ursprünglich angenommen. 

Die EU will bis zu 6,6 Milliarden Euro investieren. Zunächst waren nur 2,7 Milliarden Euro veranschlagt. Ungenutzte EU-Mittel und Gelder aus dem 7. Forschungsrahmenprogramm sollen die zusätzlichen Kosten abdecken (EURACTIV.de vom 20 Juli 2010).

Erste Versuche sollen Ende 2019 stattfinden, was eine Verzögerung von gut einem Jahr bedeutet. "Wir haben von nun an eine sehr solide Basis, um das Programm voranzutreiben", sagte der Präsident des ITER-Rates, Jewgeni Welichow. Die Organisation ernannte einen neuen Generaldirektor, Professor Osamu Motojima. "Heute ist ein bedeutender Tag für das ITER-Projekt, jetzt bewegen wir uns in die echte Bauphase", so Motojima. Die Konstruktionsphase für den Fusionsreaktor soll noch in diesem Sommer beginnen.

"Seit Jahrzehnten ist die zuverlässige Konstante der Fusionsforschung die regelmäßige und extrem lange Verzögerung", kritisiert nun Harms. "Die Erklärung des ITER-Rates, man könne möglicherweise den Deutrium-Tritium-Einsatz statt im März 2027 schon einige Monate früher starten, belegt einmal mehr, dass die Verantwortlichen sich weiter in die Welt des Surrealen verabschieden."

Die Grünen fordern das Ende des Projekts. "In der EU sind dringendere Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu verwirklichen, die in naher Zukunft dazu beitragen werden, die Energieversorgung klimafreundlich, sicher und nachhaltig zu gewährleisten", so Harms. "Eine verschwenderische Ausgabe wie die für ITER ist erst recht in Zeiten knapper Kassen nicht zu verantworten." Vor Beginn der eigentlichen Baumaßnahmen sei jetzt womöglich der "letzte Moment, den Unsinn zu stoppen".

awr

Mehr zum Thema

EURACTIV.de: ITER – "Kernfusionsforscher blenden die Politik" (15. Juni 2010)

Links / Dokumente / Download

 
EU-Kommission:
Kommission schlägt Finanzierungsplan für ITER vor. Pressemitteilung (20. Juli 2010)

EU-Kommission: ITER: aktueller Stand und Zukunftsperspektiven. Mitteilung (4. Mai 2010)

Rat: Tagung des Rates Wettbewerbsfähigkeit (Binnenmarkt, Industrie und Forschung) (26. Mai 2010)

ITER: Internetseite

bundeskanzlerin.de: Videoblog zur Kernfusion – "Die Zukunft der Energie" (30. Januar 2010) " /