Inflation: Internationale Arbeitsorganisation warnt vor sozialen Unruhen

Da die steigende Inflation die Kaufkraft von Geringverdiener:innen untergräbt und das Reallohnwachstum verringert, müssen die Regierungen Maßnahmen ergreifen, um den Schock aufzufangen und das Risiko sozialer Unruhen zu vermeiden, so die Internationale Arbeitsorganisation (ILO).

Euractiv.com
Yellow vests protest against energy prices
Einem neuen IAO-Bericht zufolge droht der Rückgang des Reallohnwachstums weitere soziale Unruhen zu schüren. [[EPA-EFE/OLIVIER HOSLET]]

Da die steigende Inflation die Kaufkraft der unteren Einkommensklasse untergräbt und das Reallohnwachstum verringert, müssen die Regierungen Maßnahmen ergreifen, um den Schock aufzufangen und das Risiko sozialer Unruhen zu vermeiden, so die Internationale Arbeitsorganisation (ILO).

In einem neuen Bericht über die weltweiten Löhne, der am Mittwoch (30. November) veröffentlicht wurde, warnte die IAO vor den Auswirkungen der Inflation auf das Reallohnwachstum, das in diesem Jahr zum ersten Mal seit der globalen Finanzkrise von 2008 negativ ausfiel.

Dem Bericht zufolge hat die globale Inflation, die bis Ende des Jahres voraussichtlich 8,8 Prozent erreichen wird, weltweit einen Rückgang der Reallöhne um 0,9 Prozent verursacht. In der EU, wo die jährliche Inflationsrate im Oktober 2022 11,5 Prozent erreichte, sanken die Reallöhne im ersten Halbjahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um satte 2,4 Prozent.

In Osteuropa sanken die Reallöhne in der ersten Jahreshälfte um 3,3 Prozent. Der Rückgang ist vor allem auf den russischen Krieg in der Ukraine und die Energiekrise zurückzuführen.

„Obwohl wir mit mehreren Krisen konfrontiert sind, wird ein Ende des Krieges sicherlich dazu beitragen, die inflationäre Situation in den Griff zu bekommen und somit die Spannungen bei den Reallöhnen zu verringern“, sagte Gilbert Houngbo, der Generaldirektor der IAO, in einem Interview mit EURACTIV.

Niedrige Einkommen am stärksten betroffen

Menschen mit niedrigerem Einkommen sind von der Inflationskrise besonders betroffen.

„Arbeitnehmer:innen mit niedrigem Einkommen sind am stärksten betroffen, da ein großer Teil ihres Gehalts für den Kauf lebenswichtiger Güter verwendet wird“, sagte Houngbo. Er fügte hinzu, dass dies eine direkte Auswirkung auf wachsende Ungleichheiten habe.

„Einkommensungleichheit und Armut werden zunehmen, wenn die Kaufkraft der Geringverdiener:innen nicht erhalten bleibt“, warnte er.

Laut Houngbo müssen unterstützende Maßnahmen ergriffen werden, um das Risiko sozialer Unruhen zu vermeiden.

„Die Regierungen müssen den sozialen Dialog verstärken, denn wenn dies auch im Jahr 2023 noch der Fall sein sollte, bin ich ziemlich besorgt, dass dies zu weiteren sozialen Bewegungen in verschiedenen Teilen der Welt führen könnte“, sagte er.

Dies ist auch auf die allgemeinen Produktivitätszuwächse trotz der anhaltenden Krise zurückzuführen, wobei 2022 die größte Kluft zwischen dem realen Arbeitsproduktivitätswachstum und dem Reallohnwachstum in Ländern mit hohem Einkommen seit zwei Jahrzehnten zu verzeichnen ist. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Diskrepanz lange unbemerkt bleiben wird.

„Das typische Beispiel sind die unerwarteten Gewinne, die einige große multinationale Unternehmen aus der Energiekrise gezogen haben“, sagte Houngbo und fügte hinzu, dass es ein „Gefühl der Ungerechtigkeit“ gebe.

Mögliche Maßnahmen

Der Organisation zufolge könnten die Regierungen mehr tun, um die Arbeitnehmer:innen bei der Bewältigung der Lebenshaltungskostenkrise zu unterstützen, einschließlich einer Anpassung der Mindestlohnsätze.

„In vielen Ländern scheint es Spielraum für Lohnerhöhungen zu geben, ohne eine Lohn-Preis-Spirale zu befürchten“, heißt es in dem Bericht.

In der Zwischenzeit schlägt die IAO auch den Einsatz anderer Instrumente vor, um die Lebenshaltungskostenkrise in den Haushalten zu lindern, zum Beispiel Gutscheine für lebensnotwendige Güter oder eine Senkung der Mehrwertsteuer.

[Bearbeitet von János Allenbach-Ammann/Nathalie Weatherald]