Interview: 'BIP-Wachstum verbessert nicht die Lebensqualität' [DE]
"Die einfache Stärkung des BIP und eine Verbesserung der Lebensstandards bedeutet nicht automatisch, dass die Menschen ihre Lebensqualität positiver bewerten." Dies sagt der Koordinator der Eurofound-Umfrage in einem Interview mit EURACTIV.com.
„Die einfache Stärkung des BIP und eine Verbesserung der Lebensstandards bedeutet nicht automatisch, dass die Menschen ihre Lebensqualität positiver bewerten.“ Dies sagt der Koordinator der Eurofound-Umfrage in einem Interview mit EURACTIV.com.
In ausnahmslos allen Mitgliedstaaten berichteten Arbeitslose von eine geringeren Lebensqualität, erklärt Robert Anderson, Forschungskoordinator des Programms für Lebensqualität und Lebensbedingungen der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound). Dabei bitte man sie nicht, sich mit Beschäftigten zu vergliechen, sondern frage lediglich nach der Zufriedenheit mit ihrem Leben und untersuche ihre Antworten, so Anderson.
In Hinblick auf die allgemeine Lebensqualität in Europa könne die Schaffung neuer Arbeitsplätze daher als eine der wichtigsten Herausforderungen betrachtet werden, mit der die EU konfrontiert sei. Die bloße Anhebung des BIP und der Lebensstandards führe nicht zu Verbesserungen oder verändere die individuelle Wahrnehmung von Lebensqualität nur sehr langsam, erklärte Anderson.
Andere Prioritäten könnten verbesserte Möglichkeiten für ältere Menschen in den neuen Mitgliedstaaten umfassen, da diese die Rentensysteme als nicht so effizient empfänden und in ihren Augen die Veränderungen der letzten zehn bis 15 Jahre nur die Möglichkeiten junger Leute in ihren Ländern verbessert hätten.
Außerdem würden mehr Menschen ihr Leben als zufriedenstellend bezeichnen, wenn sie sich gesünder fühlten. Dies sei eine zentrale Herausforderung, da die Menschen in vielen Mitgliedstaaten auf Probleme der Qualität der Gesundheitssysteme und des Zugangs zu den Dienstleistungen hinwiesen.
Auf die Frage, ob Geld in Europa glücklich mache, antwortete Anderson, dass im Vergleich der Höchstverdienenden in den vier ärmsten Ländern mit Menschen, die in reichen Ländern das niedrigste Einkommen bezögen, die Lebensqualität für Menschen mit den geringem Einkommen in wohlhabenden Ländern besser ausfalle. Dies sei auf die Qualität der Gesellschaft, der Umwelt, der Dienstleistungen und der Infrastrukturen zurückzuführen.
In Hinblick auf den sozialen Zusammenhalt in einer EU, in der 27 Mitgliedstaaten einen unterschiedlichen Grad an Lebensqualität aufweisen, meint Anderson, dass Unterschiede sich abschwächen würden. Für EU-Politiken gelte, dass die gleiche Politik oder Strategie nicht für zwei Länder in unterschiedlichen Situationen funktionieren könne. Zum Beispiel sei man sich allseits über einige Prinzipien hinter dem Konzept der „Flexicurity“ einig, aber man sei auch der gemeinsamen Meinung, dass ein festgelegtes Modell nicht auf jedes Land angewandt werden könne – dies bedeute nicht, dass man nicht voneinander lernen könne.
Anderson lenkte die Aufmerksamkeit auch auf die jüngste Initiative der Kommission zur Bestandsausnahme der sozialen Realität (siehe European Social Reality, Bericht zur Umfrage, Februar 2007). Es gehe um eine Einschätzung der persönlichen Lebensqualität durch die Menschen, erklärte Anderson, um ihr Wohlbefinden, die Lebenszufriedenheit und wie diese mit Bereichen der öffentlichen Ordnung zusammenhänge – gleich ob es sich um Pflege, Beschäftigung, Chancengleichheit handele – und wie Änderungen in diesen Bereichen sich schließlich auf die Einschätzungen der Menschen auswirkten.
Eine erste Umfrage zur Lebensqualität in Europa, welche die EU-25, Bulgarien, Rumänien und die Türkei umfasste, wurde 2003 von Eurofound veröffentlicht. Die Feldarbeit für die zweite Umfrage wird im Herbst 2007 in der EU-27 sowie in Kroatien, in der Türkei und in Norwegen ausgeführt werden.
Um das vollständige Interview mit Robert Anderson zu lesen, klicken Sie bitte hier.