IWF-Chefökonom: „Elektroauto-Schock“ aus China spaltet Europa

Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds warnte vor einer Spaltung Europas durch den steigenden Import von chinesischen Elektroautos. Nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich würden sich die EU-Staaten in zwei Lager aufteilen.

EURACTIV.com
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Auf einer geoökonomischen Konferenz des Kieler Instituts für Weltwirtschaft in Berlin erklärte Pierre-Olivier Gourinchas (Bild) vom Internationalen Währungsfonds am Freitag (18. Oktober), dass die EU vor einem „Elektroauto-Schock“ stehe. [Celal Gunes/Anadolu/Getty Images]

Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds warnte vor einer Spaltung Europas durch den steigenden Import von chinesischen Elektroautos. Nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich würden sich die EU-Staaten in zwei Lager aufteilen.

Die Erhöhung des Anteils an Elektroautos ist eine der wichtigsten Strategien der EU, um ihre Klimaziele im Mobilitätssektor zu erreichen. Die Verkaufszahlen bleiben jedoch bisher hinter den Erwartungen zurück.

Auf einer geoökonomischen Konferenz des Kieler Instituts für Weltwirtschaft in Berlin erklärte Pierre-Olivier Gourinchas vom Internationalen Währungsfonds (IWF) am Freitag (18. Oktober), dass die EU vor einem „Elektroauto-Schock“ stehe. Dieser werde durch eine „Produktivitätssteigerung“ chinesischer E-Autohersteller und eine sinkende Verbrennernachfrage verursacht.

In wirtschaftlicher Hinsicht würde dies dazu führen, dass Europa in zwei Gruppen unterschiedlich betroffener Staaten aufgeteilt wäre, so der IWF-Chefökonom. „Die Gesamtauswirkung [auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts] läge nahe Null, aber die Auswirkungen in den verschiedenen Staaten könnten sehr unterschiedlich sein“, sagte er.

In Staaten, die „sehr stark in die Automobilherstellung integriert“ sind, wie die Slowakei, die Tschechische Republik und Ungarn, könnte der „Elektroauto-Schock“ zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von insgesamt bis zu einem Prozent im Vergleich zum Status quo führen.

Ebenso „würden die Auswirkungen auf die Erwerbstätigen beträchtlich sein“.

„In einigen dieser Staaten ist ein relativ großer Teil der Erwerbstätigen direkt oder indirekt mit dem [Automobil-]Sektor verbunden“, erklärte er. In der Slowakei und in Ungarn würden „1,6 bis 2,6 Prozent der Erwerbstätigen […] infolge dieser Verlagerung möglicherweise ihren Arbeitsplatz verlieren“, fügte er hinzu.

Während Deutschland formal ebenfalls zu dieser Gruppe gehöre, wären die Auswirkungen laut Untersuchungen des Internationalen Währungsfonds weniger gravierend. „Die negativen kurzfristigen Auswirkungen sind für kleinere Volkswirtschaften, die stark vom Automobilsektor abhängig sind, bedeutender.“

Für die zweite Gruppe von Staaten – die „Autonutzer“ – sei „der Zugang zu diesen günstigeren Elektrofahrzeugen aus China ein klarer Vorteil“, sagte Gourinchas.

Unter diesen Staaten würden Zypern, Irland und Malta wirtschaftlich am meisten profitieren. Das Bruttoinlandsprodukt dieser Staaten würde um mehr als ein Prozent steigen.

Zölle werden Staaten „gleichmäßig“ treffen

Trotz der erheblichen Auswirkungen des chinesischen Wettbewerbs auf einige europäische Volkswirtschaften, die von der Automobilindustrie abhängig sind, ist Gourinchas der Ansicht, dass die Einführung von Zöllen auf in China hergestellte Elektrofahrzeuge dem Euroraum „allgemein schaden“ würde.

Dies wäre der Fall bei Zöllen von 25 Prozent, 100 Prozent oder einem Wert, der chinesische Elektrofahrzeuge vollständig vom europäischen Markt ausschließen würde, und würde „die Staaten mehr oder weniger gleichmäßig treffen“, erklärte er.

„Natürlich wird dies einige der Beschäftigungsverluste in einigen der am stärksten gefährdeten Staaten verringern“, sagte Gourinchas.

„Aber die allgemeinen Gleichgewichtseffekte gehen in die andere Richtung, entweder durch eine Änderung des realen Wechselkurses oder durch einen Verlust der Wettbewerbsfähigkeit in anderen Branchen.“

Gourinchas argumentierte auch, dass „Wohlstandsverluste“ dadurch verstärkt würden, dass die Verwirklichung des Klimaschutzes durch Zölle kostspieliger werden würde.

Anfang dieses Monats reichte eine Ablehnung durch Deutschland und vier weitere Staaten sowie zwölf Enthaltungen bei einer Abstimmung der EU-Staaten nicht aus, um die bis Ende Oktober geplanten EU-Zölle von bis zu 35 Prozent auf in China hergestellte Elektroautos zu verhindern.

Unterdessen warnten einige europäische Autohersteller, dass die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen noch nicht das von den politischen Entscheidungsträgern erwartete Niveau erreicht habe. Dies erschwere es der Branche, die Ziele zur Reduzierung der CO2-Emissionen für neu verkaufte Autos bis 2025 und 2035 zu erreichen.

[Bearbeitet von Anna Brunetti/Alice Taylor-Braçe/Kjeld Neubert]