Journalistenmord zeigt bulgarische Mängel auf [DE]

Gestern (5. Januar) wurde ein kontroverser Journalist im Zentrum Sofias erschossen. Die unverfrorene Tat fand gerade einmal 50 Meter vom Polizeipräsidium und in nächster Nähe zum Justizpalast statt.

gun_pic_Fredrik_Schjold.jpg
gun_pic_Fredrik_Schjold.jpg

Gestern (5. Januar) wurde ein kontroverser Journalist im Zentrum Sofias erschossen. Die unverfrorene Tat fand gerade einmal 50 Meter vom Polizeipräsidium und in nächster Nähe zum Justizpalast statt.

Bobi Zankow, der als „Chronist der Mafia” bekannt war und gegen den mehrere Gerichtsverfahren wegen Unterschlagung anhängig waren, wurde mittags nach einem Schusswechsel zwischen einer Gruppe von zwei und einer Gruppe von drei Männern erschossen.

Zwei der Beteiligten seien verletzt und ins Krankenhaus gebracht worden, so Dnevnik, die bulgarische Partnerherausgabe von EURACTIV.

Berichten zufolge befand sich der bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow bei Ausbruch der Schießerei nur mehrere Hundert Meter entfernt.

Zankov, einst Radionachrichtensprecher, war in letzter Zeit für seine in der Boulevardpresse veröffentlichten Artikel bekannt, in denen er Einzelheiten über das abenteuerliche Leben der Spitzenpersonen der Unterwelt offen legte.

Der Mord erinnert an den vor kurzem verübten Mord an den Schriftsteller Georgi Stoev, der sich selbst als „Schriftsteller der Mafia“ bezeichnete und dessen Romane in der Öffentlichkeit sehr erfolgreich waren. Stoev wurde im April 2008 vor einem Hotel in Sofia niedergeschossen, ebenfalls zur Mittagszeit.

Aufsehen erregende Morde sind sinnbildlich für den bulgarischen Übergang von der kommunistischen Herrschaft. Insgesamt sind seit 1995 mehr als 100 Persönlichkeiten der Unterwelt sowie kontroverse Geschäftsmänner ermordet worden. Dabei bleiben Drahtzieher und Ausführende in der Regel unbekannt.

Einigen Analytikern zufolge wurde die organisierte Kriminalität in Bulgarien durch ein Embargo gegen das ehemalige Jugoslawien gestärkt, das Mitte der Neunziger vom Westen eingeführt wurde und das Kriminellen die Möglichkeit für groß angelegten Schmuggel eröffnete.

Andere machen den Einfluss der mächtigen russischen Mafia als wesentlichen Faktor für die Entwicklung des organisierten Verbrechens in einem Land aus, das zuvor über keine derartige „Tradition“ verfügte. So werden viele bulgarische ‚Oligarchen’ in Wirklichkeit für Verwalter von russischem ‚schmutzigen Geld’ gehalten.

EU verliert wesentliches Druckmittel gegenüber Bulgarien 

Bulgarien ist wiederholt von der Europäischen Kommission unter Druck geraten, den Kampf gegen das organisierte Verbrechen und die Korruption zu verstärken.

Doch Brüssel kann solchen Druck nicht länger ausüben. Eine Schutzklausel, die es der EU erlaubte, Gerichtsurteile nicht anzuerkennen, lief drei Jahre nach dem EU-Beitritt des Landes am 1. Januar 2010 ab.

Obwohl das Kooperations- und Kontrollverfahren zur Begleitung des bulgarischen Beitritts immer noch in Kraft ist, wird der Mechanismus ohne die schneidende Schutzklausel nach Auffassung örtlicher Medien bald irrelevant werden.

Svetoslaw Terziew, Kolumnist bei der Tageszeitung Sega, schreibt, der Europäische Kommissionspräsident José Manuel Barroso sei zum Lob der bulgarischen „Fortschritte“ beim Kampf gegen die Korruption und das organisierte Verbrechen gezwungen, damit er nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann, den Balkanstaat zu früh als EU-Mitglied aufgenommen zu haben.

„Ein Regierungswechsel ändert in Bulgarien nichts, weil die wirklichen Regierenden des Landes von Wahlen unabhängig sind”, schreibt Terziew.

Wenn Sie auf diesen Artikel reagieren möchten, klicken Sie bitte hier.