KI-Gipfel: Regulierung kommt in Paris aus der Mode
Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit haben auf dem KI-Gipfeltreffen in Paris Vorrang vor Sicherheit und Nachhaltigkeit. Der Übergang Europas von Regulierung hin zur Innovation wird von Frankreich gezielt vorangetrieben.
Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit haben auf dem KI-Gipfeltreffen in Paris Vorrang vor Sicherheit und Nachhaltigkeit. Der Übergang Europas von Regulierung hin zur Innovation wird von Frankreich gezielt vorangetrieben.
Paris – Aus Angst vor Irrelevanz erhöht Europa seine Investitionen und baut Bürokratie ab. Die Hoffnung: ihre Teilnahme am globalen KI-Wettlauf.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte am Sonntagabend Investitionen in Höhe von 109 Milliarden Euro in Rechenzentren und KI-Projekte an, gefolgt vom Start eines 150 Milliarden Euro schweren Konsortiums, bekannt als die EU-Initiative „AI Champions“. Gelder kommen aus den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich und Schweden.
Diese Größenordnung an KI-Investitionen ist in Europa beispiellos, doch die Wahrnehmung in Frankreich und der EU hat sich eindeutig verschoben.
Regulierung ist out – und Investitionen und Innovation sind in.
„Den Binnenmarkt beschleunigen, vereinfachen und vertiefen“, verkündete Macron in seinen Schlussbemerkungen am Montag auf dem ersten der beiden Veranstaltungstage des KI-Gipfels in Paris.
Das KI-Gesetz – das von der EU-Kommission als das weltweit erste derartige verbindliche Gesetz gelobt wurde – muss nun „sehr innovationsfreundlich“ umgesetzt werden, sagte zudem Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin für technologische Souveränität. Dazu sollen die digitalen Gesetze mit den kommenden „Omnibus“-Paketen der EU vereinfacht werden.
Der neue Ton der EU-Staats- und Regierungschefs war jedoch nicht ganz ohne Vorbehalte.
„Wir müssen sicherstellen, dass KI-bezogene Risiken behandelt werden“, sagte ein an der Organisation des Gipfels beteiligter Mitarbeiter des französischen Präsidenten anonym.
„Aber lasst uns zuerst innovativ sein und [europäische] Champions schaffen.“
Die Industrie zeigte sich offen für die Idee, dass Europa seinen Ansatz zur KI-Regulierung überdenken könnte, der, wie der Mitbegründer von LinkedIn, Reid Hoffman, sagte, darin bestand, alle möglichen Störungen im System vorherzusehen.
„Es gibt keine Innovation ohne Risiken und Fehler“, erklärt er.
Unternehmen im Höhenflug
Europas KI-Branche hat einen ähnlichen Ton angeschlagen: Sie sind der Meinung, dass es an der Zeit ist, Unternehmen und Start-ups beim Eintritt in Märkte mit hohen Hürden zu unterstützen und ihnen Zugang zu ausreichend Kapital zu verschaffen, um zu expandieren.
„Ich habe die Botschaft verstanden“, sagte Macron.
Die am Montag vorgestellte Initiative „AI Champions“ basiert auf einem vereinfachten KI-Rechtsrahmen und soll als Beispiel dafür dienen, was Frankreich und die EU erreichen können, wenn sie mit voller Kraft vorgehen.
„Frankreich hat ein Handbuch erstellt, dem andere europäische Nationen folgen sollten“, schrieb Sam Altman, Geschäftsführer von Open AI, am Wochenende in Le Monde.
Macron, hatte bereits im November vor den Risiken einer „strafenden“ KI-Regulierung gewarnt, um „Innovationen zu bewahren“. Am Montagabend hatte er die Gelegenheit, sich mit Altmans Kollegen über einem Abendessen im Elysée-Palast auszutauschen, zudem er eine Gruppe von Technologieführern und Staatsoberhäuptern einlud.
Seine KI-freundliche Strategie, die erstmals in seiner ersten Amtszeit im Jahr 2017 eingeführt wurde, scheint Früchte zu tragen. „Damit wird Paris auf die Landkarte gesetzt“, sagte Maya Noël, Geschäftsführerin von France Digitale, dem größten Start-up-Verband des Landes, gegenüber Euractiv.
Bedenken der Zivilgesellschaft
Doch trotz der Begeisterung äußerten sich einige Vertreter der Zivilgesellschaft und Unternehmer enttäuscht über den Vorstoß für weniger Bürokratie.
„Regulierung könnte uns tatsächlich helfen“, sagte Carla Hustedt, Organisationsdirektorin des Zentrums für Digitale Gesellschaft bei der Stiftung Mercator, gegenüber Euractiv.
Ihrer Meinung nach sollte es EU- und nationale Aufsichtsgremien geben, die als Beratungsstellen fungieren, um Unternehmen bei der Übernahme des KI-Rechtsrahmens der EU zu unterstützen.
Während die Staats- und Regierungschefs von Milliardenbeträgen sprechen, „heben KI-Experten Fragen im Zusammenhang mit geistigem Eigentum, Kreativität, kultureller Vielfalt und ökologischer Nachhaltigkeit hervor“, sagte Laura Caroli, Senior Fellow am Centre for Strategic and International Studies (CSIS) und zuvor technische Verhandlungsführerin des KI-Gesetzes.
Während des Gipfels werde es keine konkreten Maßnahmen zur Lösung solcher Probleme ergriffen werden, „absolut nichts.“
Macron und sein Organisationsteam würden dem jedoch wahrscheinlich widersprechen.
Am Montag wurde eine „globale Partnerschaft von öffentlichem Interesse“ ins Leben gerufen, um das Wachstum von KI-Projekten zu fördern. Diese sollen der Gesellschaft durch einfacheren Datenzugang, offene Standards und Rechenschaftsrahmen zugutekommen. In den nächsten fünf Jahren soll die neue Stiftung 2,5 Milliarden US-Dollar einbringen.
Es ist zu erwarten, dass die meisten in Paris anwesenden Staats- und Regierungschefs am Dienstag eine gemeinsame Erklärung zur nachhaltigen KI unterzeichnen, um anzuerkennen, dass sie zur Förderung menschlicher Interessen eingesetzt werden muss und nicht, um sie zu behindern.
Die Formulierung ist jedoch hochgestochen und unverbindlich – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war unklar, ob die USA sie ebenfalls unterzeichnen werden.
[OM/KN]