Könnten Tier-zu-Mensch-Transplantationen den Organmangel in der EU beheben?

Nach der ersten erfolgreichen Organtransplantation von Tier zu Mensch sind die Hoffnungen groß, damit den weltweiten chronischen Organmangel zu beheben. Während dies in den USA langsam Realität wird, ist die EU dicht auf den Fersen.

/ EURACTIV.com
Kidney Transplant in Budapest
Laut Emanuele Cozzi, dem Vorsitzenden des Europäischen Ausschusses für Organtransplantation beim Europarat, übersteigt der Bedarf der Patient:innen das verfügbare Angebot bei allen Arten von Organen. [[EPA/BALAZS MOHAI]]

Nach der ersten erfolgreichen Organtransplantation von Tier zu Mensch sind die Hoffnungen groß, dass dies ein Weg sein könnte, den weltweiten chronischen Organmangel zu beheben. Während dies in den USA langsam Realität wird, ist die EU dicht auf den Fersen.

Die Nachfrage nach Organtransplantationen übersteigt sowohl in der EU als auch weltweit drastisch das Angebot, womit die Zahl der Patient:innen auf den Wartelisten immer weiter ansteigt.

Laut Emanuele Cozzi, dem Vorsitzenden des Europäischen Ausschusses für Organtransplantation beim Europarat, übersteigt der Bedarf der Patient:innen das verfügbare Angebot bei allen Arten von Organen.

Am kritischsten ist der Mangel jedoch bei Nieren. Nach Angaben von Eurotransplant warteten Ende 2021 fast 10.000 Patient:innen in Deutschland, Österreich, Belgien, Kroatien, Ungarn, Luxemburg, den Niederlanden und Slowenien auf eine Nierentransplantation. In den genannten Ländern wurden in diesem Jahr jedoch weniger als 3.000 Nieren transplantiert.

Für die EU insgesamt schätzt Cozzi, dass bis zu 30.000-40.000 Patient:innen auf eine Niere warten.

Zwar können viele Patient:innen mit terminalem Organversagen dank der Dialyse, einer mechanischen Methode zur Lebenserhaltung, am Leben erhalten werden, doch gilt dies nur in bestimmten Fällen.

„Aber wir haben keine Dialyse für das Herz. Wir haben keine Dialyse für die Leber, wir haben keine Dialyse für die Lunge“, betonte Cozzi. Dazu gäbe es nur sehr wenige künstliche Organe, wie zum Beispiel künstliche Herzen.

Tier-Mensch-Transplantation 

Nicht nur haben wir weltweit mit einem „enormen Organmangel und dem Fehlen mechanischer Organe“ zu kämpfen, auch der Fortschritt bei gentechnisch hergestellten Organen aus der regenerativen Medizin ist „enorm langsam“. Die Transplantation von Tieren auf Menschen, die so genannte Xenotransplantation, wird jedoch als Lösung zur Rettung von Patientenleben gehandelt.

„Zurzeit warten in Italien etwa 5.000 Menschen auf eine Niere. Wenn ich keine 5.000 menschlichen Nieren habe, aber 5.000 Schweinenieren zur Verfügung stellen kann, ist das großartig“, sagte Cozzi. Das ultimative Ziel bestehe darin, jedem ein Organ zur Verfügung stellen zu können.

Das Konzept mag wie Science-Fiction klingen, aber Anfang Januar 2022 ist es einem Team von Wissenschaftler:innen aus den USA tatsächlich gelungen, mit der ersten erfolgreichen Herztransplantation eines genetisch veränderten Schweins Geschichte zu schreiben.

Darüber hinaus läuft in den USA ein Programm zur Nierentransplantation von Schweinen auf Menschen sowie ein klinischer Versuch mit Schweinehaut bei Patient:innen mit schweren Verbrennungen.

Und es scheint, als sei die EU den Vereinigten Staaten dicht auf den Fersen.

In Europa gibt es derzeit keine klinischen Versuche zur Transplantation von Tieren auf Menschen. Doch präklinische Studien, bei denen Organe von Schweinen auf Primaten transplantiert wurden, zeigen „seit einigen Jahren sehr vielversprechende Ergebnisse“, so Cozzi.

„Es gibt Daten aus präklinischen Studien, die zeigen, dass gentechnisch veränderte Schweineorgane das Leben von Pavianen erhalten können“, sagte Cozzi und fügte hinzu, dass Europa „definitiv das Know-how und die Expert:innen hat“.

Auf die Frage, wann wir mit etwas Ähnlichem in der EU rechnen können, zeigte sich Cozzi vorsichtig optimistisch.

„Das ist schwer zu sagen, aber vielleicht irgendwann in diesem Jahr, warum nicht“, schlug er vor.

Keine EU-Rechtsgrundlage

Einem Sprecher der Kommission zufolge gibt es derzeit keinen EU-Rechtsrahmen für Organtransplantationen von Tieren auf Menschen. Damit werden die rechtlichen Aspekte der Xenotransplantation von den einzelnen Mitgliedstaaten geregelt.

Bei der Forschung an Tieren im Rahmen von Gentechnik-Studien muss jedoch die EU-Richtlinie zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere eingehalten werden. Hinzu kommen verschiedene Richtlinien und Verordnungen über die Anwendung von genetisch veränderten Organismen (GVO) in geschlossenen Systemen, ihre absichtliche Freisetzung und ihre grenzüberschreitende Verbringung.

Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2018 fallen gentechnisch veränderte Organismen grundsätzlich in den Anwendungsbereich der GVO-Richtlinie und unterliegen daher den in dieser Richtlinie festgelegten Verpflichtungen.

Noch viele offene Fragen

Die Daten aus den USA seien zwar „sehr ermutigend“, spiegelten aber nur einige wenige Fälle wider, betonte Cozzi. Es müssten mehr Forschungsdaten generiert werden, um eine Reihe offener Fragen in Bezug auf Sicherheit und Wirksamkeit zu beantworten, die vor einer Ausweitung der Versuche am Menschen untersucht werden müssten.

Erst wenn die Daten vorliegen, könne die Anwendung „schrittweise in einer begrenzten Anzahl von erstklassigen Zentren mit Erfahrung in der Xenotransplantation ausgeweitet werden“.

„Es könnte sich herausstellen, dass wir Leben retten können. Und dann haben wir wirklich grünes Licht, um Hunderte oder Tausende von Patient:innen zu behandeln. Es ist ein Anfang, aber sehr vielversprechend“, sagte Cozzi.

Eine Möglichkeit, die Xenotransplantation als besonders attraktiv zu gestalten, liegt im Preis.

Denn selbst wenn man berücksichtigt, dass die Tiere in einer pathogenfreien Umgebung gezüchtet werden müssen, wäre dies immer noch billiger als andere Optionen, wie die Dialyse, so Cozzi.

„Das wird zwar etwas kosten, aber wenn man die Kosten für die Dialyse bedenkt, wird es sehr billig sein“, sagte er und wies darauf hin, man könne „theoretisch mit einem Schwein ein Herz, eine Niere und möglicherweise auch eine Lunge bekommen“.

Eine Büchse der Pandora? 

Der Vorstoß in dieses neue Reich der Möglichkeiten hat jedoch auch eine Fülle von Fragen aufgeworfen, zu denen nicht zuletzt ethische Überlegungen gehören.

So hat beispielsweise die Xenotransplantation bei Tierschutzorganisationen erhebliche Bedenken hervorgerufen, die darauf hinweisen, dass die EU das Ziel verfolgt, den Nutzen von Tieren in der Wissenschaft schrittweise einzustellen.

Luisa Bastos, Leiterin des Programms „Tiere in der Wissenschaft“ bei der Eurogroup for Animals, erklärte gegenüber EURACTIV, dass sie stattdessen „wachsende Investitionen in die Krankheitsvorbeugung, in die Verbesserung des immer noch ineffektiven Systems der Organspenden und in die Förderung von Technologien, die bereits Lösungen für einige Transplantationsbedürfnisse bieten“, erwarten würde.

Es gibt zwar noch keine Technologie oder Methode, die die Herstellung eines ganzen synthetisch hergestellten Herzens für die Transplantation ermöglicht, doch Bastos nannte Beispiele wie die Biomimikry unter Verwendung synthetischer Materialien oder auch die Züchtung von Gewebe aus den eigenen Stammzellen des oder der Patient:in.

Sie wies auch auf eine Reihe von Gefahren für das Wohlergehen von Tieren im Zusammenhang mit der genetischen Veränderung hin, deren Auswirkungen ebenfalls „schwer vorhersehbar“ sind.

Dazu gehören Schmerzen, Leiden und Ängste sowie die Sorge, dass Tiere zunehmend als „biologische Werkzeuge und nicht als empfindungsfähige Tiere mit einem Eigenwert“ betrachtet werden.

„Tiere sollten nicht als Ressource für ‚Ersatzteile‘ für den Menschen betrachtet und genutzt werden“, sagte sie. Es gäbe stattdessen eine Reihe anderer Möglichkeiten, darunter Organspenden und im Labor gezüchtete künstliche Organe oder Gewebe, zum Beispiel die Harnblase.

Als Antwort auf diese Kritik wies Cozzi darauf hin, dass in den USA jährlich 50 Millionen Schweine für Lebensmittel verwendet werden. Er hofft, dass es möglich sein wird, „mehrere 100 oder mehrere 1.000 Schweine für klinische Anforderungen zu verwenden“, und schlägt vor, dass „die Menschen aus ethischer und emotionaler Sicht akzeptieren werden, dass wir ein Schwein nicht nur als Nahrungsquelle, sondern auch als Quelle von Organen verwenden“.

Er fügte hinzu, dass bis zu zwei Drittel der für Transplantationen verwendeten Herzklappen bereits von Schweinen oder Kühen stammen.

„Das wäre also eine breitere Anwendung von etwas, das wir bereits nutzen, nämlich Schweineorgane als Gewebe für den klinischen Bedarf“, so Cozzi abschließend.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Nathalie Weatherald]