Kopenhagen – erste kohlendioxidfreie Stadt der Welt?

Masdar ist Disneyland, Kopenhagen die Wirklichkeit, sagt Claus Björn Billehöj von der Stadtverwaltung Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt will bis 2025 kohlendioxidfrei werden. Sie wäre die erste Hauptstadt der Welt, die dieses Ziel erreicht. Doch die dänische Regierung tritt auf die Bremse – der Ausgang des Klimagipfels von Kopenhagen hat ihre Lust an Klimapolitik gebremst.

Mit Masdar City, der geplanten Ökostadt in den Emiraten, will Kopenhagen nicht verglichen werden. Das Wüstenmodell gilt den Dänen bloß als Disneyland (Foto: Masdar)
Mit Masdar City, der geplanten Ökostadt in den Emiraten, will Kopenhagen nicht verglichen werden. Das Wüstenmodell gilt den Dänen bloß als Disneyland (Foto: Masdar)

Masdar ist Disneyland, Kopenhagen die Wirklichkeit, sagt Claus Björn Billehöj von der Stadtverwaltung Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt will bis 2025 kohlendioxidfrei werden. Sie wäre die erste Hauptstadt der Welt, die dieses Ziel erreicht. Doch die dänische Regierung tritt auf die Bremse – der Ausgang des Klimagipfels von Kopenhagen hat ihre Lust an Klimapolitik gebremst.

Kopenhagen hat vor anderthalb Jahren versprochen, bis 2025 die erste kohlendioxidfreie Hauptstadt der Welt zu werden. Was ist seither geschehen?

BILLEHÖJ: Der Aktionsplan, um dieses Ziel zu erreichen, ist detaillierter und um Bezüge zur Finanzierung und zum Budget erweitert worden. Kopenhagen hat dieses Ziel vor der COP15 (Klimagipfel von Kopenhagen im Dezember 2009) beschlossen. Der Gipfel war so intensiv, dass nachher eine Pause nötig war, um uns wieder selbst zu finden. Außerdem haben wir nun einen neuen Oberbürgermeister. Es musste eine neue Struktur aufgebaut werden.

Heißt dies, dass Kopenhagen hinter seinem Plan hinterherhinkt?

BILLEHÖJ: Nein. Das heißt nur, dass nicht immer gleich viel Kapazitäten darauf verwendet werden können. Die Budgetdiskussionen im vergangenen Jahr, sechs Monate nach dem Gipfel, hatten einen starken Fokus auf grüne Gebäude und nachhaltige Entwicklung, auf eine kohlendioxidarme Wirtschaft und entsprechende Investitionen. Zu den nächsten Budgetdiskussionen im nächsten Sommer wird es einen konkreten Aktionsplan geben, um die Ziele zu erreichen.

Tritt Kopenhagen jetzt also aus der Phase der Visionen in die der Realisierung?

BILLEHÖJ: So ist es. Es braucht auch Zeit, die verschiedenen Partner an einen Tisch zu bekommen, die Investoren, die nationale Regierung. Die Regierung fokussiert heute nicht mehr so stark auf die Klimapolitik wie vor COP15. Es ist der Eindruck entstanden, dass die nationale Regierung am Gipfel gescheitert ist und nun die Städte die Verantwortung übernehmen müssen. Es braucht Zeit, sich daran anzupassen.

Ein Beispiel: Wir wollen die Nutzung von Biomasse für die Erzeugung von Strom ausweiten. Das nationale Recht macht das unmöglich. Am Anfang war die Regierung sehr willig, uns zu helfen. Jetzt nicht mehr.

Das Ziel, Kopenhagen kohlendioxidfrei zu machen, ist sehr ehrgeizig. Wie können Sie es erreichen?

BILLEHÖJ: Dafür gibt es drei Wege: grüne Mobilität, grüne Stromerzeugung, grüner Energieverbrauch. Auf allen drei Wegen müssen eine ganze Reihe von Projekten verwirklicht werden. Kopenhagen startet aber mit einem großen Vorsprung. Die Fernwärme sichert 98 Prozent unserer Wärmeversorgung. Jetzt müssen die letzten Schritte gehen, eben mehr Biomasse als bisher für die Stromerzeugung zu nutzen, smart grid einführen…

Was meinen Sie mit grüner Mobilität? Wollen Sie bis 2025 Autos aus der Stadt aussperren?

BILLEHÖJ: Wir investieren derzeit in eine neue Ring-U-Bahn. Wir investieren in andere U-Bahnlinien, etwa in Nordhavnen (neues Entwicklungsgebiet im heutigen Nordhafen, das zu einem nachhaltigen Vorzeigequartier werden soll, Anm.d.Red.). Bei der Mobilität reiben wir uns an der Politik der Regierung. Wir wollen eine Innenstadtmaut einführen, das nationale Recht erlaubt das nicht.

Warum funktioniert eine Innenstadtmaut in Stockholm, aber nicht in Kopenhagen?

BILLEHÖJ: In Dänemark wird die Maut als eine Steuer angesehen, und die Stadt ist nicht berechtigt, eine Steuer zu erheben. Wir haben ein Projekt für eine Innenstadtmaut, das wir an dem Tag aus dem Schreibtisch ziehen können, an dem uns die Regierung das tun lässt.

Können Sie Ihr Ziel auch ohne eine Innenstadtmaut erreichen?

BILLEHÖJ: Es würde schwierig werden. Aber wir haben auch andere Möglichkeiten, mit denen wir den Anteil des öffentlichen Verkehrs und der Fahrräder am gesamten Verkehrsaufkommen noch erhöhen können. Heute benutzen mehr als 60 Prozent aller Kopenhagener täglich ihr Fahrrad.

…obwohl das Klima nicht gerade fahrradfreundlich ist.

BILLEHÖJ: Wir hatten gerade den härtesten Winter in vielen Jahren. Aber der Anteil der Fahrräder am Verkehr hat deshalb nicht abgenommen. Das hat auch mit politischen Entscheidungen zu tun: Der Schnee wurde zuerst auf den Fahrradwegen geräumt, dann auf der Straße.

Welchen Anteil haben heute die einzelnen Verkehrsträger?

BILLEHÖJ: Das hängt davon ab, wie man zählt. Wenn man nur den Verkehr innerhalb der Stadt zählt, dann werden 60 Prozent aller Fahrten mit dem Fahrrad gemacht, 20 Prozent mit dem öffentlichen Verkehr und 20 Prozent mit dem Privatauto. Wenn man die Pendler hinzurechnet, die über die Stadtgrenzen hineinkommen, dann sind es jeweils rund ein Drittel.

Und deshalb brauchen Sie eine Innenstadtmaut, um die Pendler auf den öffentlichen Verkehr zu lenken?

BILLEHÖJ: Ja. Oder um sie wie in London dazu bewegen, Stromautos zu benutzen.

Sie haben als dritten Weg den grünen Energieverbrauch erwähnt. Was machen Sie da?

BILLEHÖJ: Die nationale Regierung hat angekündigt, die Energievorschriften für neue Gebäude alle fünf Jahre etwas zu verschärfen. Kopenhagen hat die nationalen Vorschriften, die in 15 Jahren gelten sollen, schon heute als Ziel formuliert. Die Stadt Kopenhagen ist zudem in der einzigartigen Lage, über die Fernwärme die Herkunft der Energie für Wärme und Kühlung zu kontrollieren.

Was wird es kosten, Kopenhagen kohlendioxidfrei zu machen?

BILLEHÖJ: kostet viel. Aber es gibt keine Zahlen dafür.

Über welche Zahlen reden Sie in der Budgetdiskussion?

BILLEHÖJ: Im Budget für 2011 sind 200 Millionen Euro dafür vorgesehen. Im nächsten Jahr werden es mehr. Diese Ausgaben schaffen aber auch Arbeitsplätze und regen neue Investitionen an. Das ist eine Situationen, in der alle gewinnen.

Wie sehen das die Unternehmen?

BILLEHÖJ: Ohne Zusammenarbeit mit der Wirtschaft können wir unsere Ziele nicht erreichen. Unser Oberbürgermeister hat die 20 wichtigsten Unternehmen in diesem Bereich an einen Tisch gebracht. Die Unternehmenschefs treffen sich zwei Mal im Jahr. Aber auf der Arbeitsebene finden die Treffen jeden Monat statt. Wir arbeiten dabei auch mit großen Pensionsfonds zusammen, mit Stromunternehmen, mit anderen.
Das ist auch für diese Unternehmen ein Vorteil. Sie können nach außen kommunizieren, dass sie mit uns zusammenarbeiten, weil sie eine starke Marke sind und ein starkes Angebot haben. Deshalb zahlt es sich für sie aus, bei uns neue Technologie zu testen.

Wenn sie in Kopenhagen funktioniert, dann funktioniert sie auch anderswo. Schauen Sie nach Toronto, wo Gebäude in der Stadt mit dem kalten Wasser aus dem Ontariosee gekühlt werden: Daran haben wir seit zehn Jahren gearbeitet und unser Wissen mit Toronto geteilt.

Sie haben einmal Kopenhagen mit Masdar verglichen, der geplanten Ökostadt bei Abu Dhabi, und Kopenhagen als das Masdar Westeuropas bezeichnet. Wird nun Kopenhagen ähnliche Verzögerungen wie Masdar erleben?

BILLEHÖJ: Ich sehe Masdar nicht als eine nachhaltige Stadt. Es ist nicht nachhaltig, eine Stadt in der Wüste zu bauen, weit weg von allem, in einer merkwürdigen politischen und wirtschaftlichen Umgebung – auch wenn viel Geld dafür zur Verfügung steht. Masdar ist Disneyland. Kopenhagen ist die Wirklichkeit. Im Disneyland ist alles möglich. In der wirklichen Welt muss man Antworten auf die Herausforderungen finden. Aber selbst in der Finanzkrise sind die Investitionen in Cleantech in Kopenhagen gewachsen. Deshalb erleben wir nicht die gleichen Verzögerungen wie in Masdar.

Zur Person:
Claus Björn Billehöj ist Leiter des Teams Grünes Wachstum und Nordhafen des Zentrums für Stadtentwicklung im Wirtschaftsdepartement der Stadtverwaltung von Kopenhagen.

Das Interview mit Claus Björn Billehöj hat Steffen Klatt auf der Global Energy Basel geführt. Es wurde EURACTIV.de von www.nachhaltigkeit.org zur Verfügung gestellt.