Lockerungen von Umweltregeln zeigen kaum Wirkung auf Getreideproduktion
Trotz der Bemühungen der EU zur Steigerung der Getreideproduktion angesichts des Ukraine-Krieges durch eine Lockerung von Umweltvorschriften ist die Anbaufläche für Getreide unter den Fünfjahresdurchschnitt gesunken.
Trotz der Bemühungen der EU zur Steigerung der Getreideproduktion angesichts des Ukraine-Krieges durch eine Lockerung von Umweltvorschriften ist die Anbaufläche für Getreide unter den Fünfjahresdurchschnitt gesunken. Die Europäische Kommission geht davon aus, dass die Produktion deutlich zurückgehen wird.
Die Getreideproduktion in der EU wird voraussichtlich 5,1 Prozent hinter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt zurückbleiben und dieses Jahr um fast acht Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgehen. Dies geht aus der jüngsten kurzfristigen Agrarprognose der EU hervor, die von der Kommission am Mittwoch (5. September) veröffentlicht wurde.
Den vorgelegten Daten zufolge ist dies zum großen Teil auf die diesjährigen schweren Dürreperioden zurückzuführen, denen zufolge sich die Hektarerträge in vielen Regionen verringerten, aber auch darauf, dass die für die Getreideerzeugung genutzte Ackerfläche zurückging – trotz der Maßnahmen der EU, die gezielt auf die Ausweitung der Getreideanbauflächen ausgerichtet sind.
Angesichts der Auswirkungen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auf die Agrarmärkte hat die Kommission es den Mitgliedstaaten erlaubt, bestimmte Umweltauflagen für Zahlungen aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), dem umfangreichen Agrarsubventionsprogramm der EU, vorübergehend zu lockern.
Abgesehen von den Vorschriften für die Fruchtfolge betreffen diese Ausnahmen die Verpflichtung, einen Teil der landwirtschaftlichen Flächen als ökologische Vorrangflächen, wie etwa Brachen oder Grünland, auszuweisen.
Durch die Lockerung dieser Vorschriften soll die Fläche, die Landwirt:innen für die Erzeugung von Getreide und Ölsaaten nutzen können, vergrößert werden, um den Rückgang der ukrainischen Ausfuhren in die EU und auf den internationalen Markt zu kompensieren.
Dennoch hat sich die für die Getreideerzeugung genutzte Fläche nicht vergrößert, sondern ist dem Bericht zufolge im Vergleich zum Fünfjahresdurchschnitt um 1,3 Prozent gesunken.
Im Bereich der Ölsaaten wie Raps oder Sonnenblumen scheinen die Lockerungen dagegen Wirkung zu zeigen. „Angesichts der hohen Preise und der befristeten Ausnahmeregelung, die den Anbau bestimmter Kulturen auf stillgelegten Flächen erlaubt, dürfte die Anbaufläche für Ölsaaten ein Allzeithoch erreichen“, heißt es in dem Bericht.
Kürzlich hatte ein EU-Beamter während einer Sitzung des Sonderausschusses für Landwirtschaft eingeräumt, dass die EU-Exekutive noch kein klares Bild davon habe, wie sich die beschlossenen Ausnahmeregelungen auf die Erträge auswirken werden.
Dürre dämpft Erträge
Unterdessen sind die Getreideerträge, also die geerntete Menge pro Hektar, im Vergleich zu 2021 um fast sieben Prozent und im Vergleich zum Fünfjahresdurchschnitt um drei Prozent gesunken. Laut der Kommission ist dies hauptsächlich auf die Dürre zurückzuführen, mit der viele europäische Regionen in diesem Sommer zu kämpfen hatten.
„Die Wetterbedingungen in der EU haben sich im Sommer 2022, einem der heißesten Sommer in der Geschichte, außergewöhnlich verschlechtert, mit rekordverdächtig heißen und/oder trockenen Bedingungen“, heißt es in dem Bericht.
Die Sommerkulturen wurden besonders hart getroffen, allen voran Mais, der für die Futtermittelproduktion von zentraler Bedeutung ist und bei dem die Produktion im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Viertel zurückging.
Viele Landwirt:innen haben bereits davor gewarnt, dass der Mangel an frischem Futter auf dem Markt es nötig mache, die Futtervorräte für den Winter viel früher als üblich anzubrechen.
Auch die Europäische Dürrebeobachtungsstelle warnte am Mittwoch, dass weite Teile Europas weiterhin von der Dürre geplagt würden. So belegt die Stelle derzeit mehr als ein Viertel des EU-Gebiets mit der höchsten Alarmstufe.
Als weiteren Grund für die niedrigen Erträge in diesem Jahr nennt der Bericht einen geringeren Einsatz von Düngemitteln aufgrund von Kostensteigerungen.
Die Versorgung mit Mineraldünger in der EU war zuletzt zunehmend unter Druck geraten.
Dies ist auf die im März eingeführten Sanktionen gegen die Einfuhr von Kali aus Belarus sowie Unterbrechungen des Handels mit Russland, zwei Hauptlieferanten von Mineraldünger, zurückzuführen. Gleichzeitig bremsen auch die hohen Gaspreise die heimische Produktion.
Lagerbestände verhelfen zu wachsenden Exporten
Der Kommissionsbericht sieht in den Kosten und der Verfügbarkeit von Düngemitteln ein „großes Problem für die Landwirtschaft“ in der kommenden Saison.
Am Donnerstag (6. Oktober) kündigte Agrarkommissar Janusz Wojciechowski an, dass die Kommission eine neue Mitteilung vorlegen werde, um auf den jüngsten Anstieg der Düngemittelpreise infolge des Krieges und der Energiekrise zu reagieren.
Derweil werden die EU-Getreideausfuhren trotz des Produktionsrückgangs voraussichtlich weiter zunehmen, so der Bericht. Er prognostiziert einen Anstieg der Ausfuhren um 6,5 Prozent im Vergleich zur letzten Saison und um 21 Prozent im Vergleich zum Fünfjahresdurchschnitt.
Grund dafür seien noch verfügbare Endbestände, also noch gelagertes Getreide aus einer früheren Saison.
„Die EU wird auch in Zukunft ihren Beitrag zur weltweiten Ernährungssicherheit leisten“, so der Bericht.
[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Zoran Radosavljevic]