Neues europäisches Verhütungs-Ranking zeigt Unterschiede zwischen Ost und West
Westeuropa hat in der jüngsten Rangliste über den Zugang zu Verhütungsmitteln gut abgeschnitten. Polen hingegen war erneut Schlusslicht und schnitt schlechter ab als je zuvor - ein Zeichen für die wachsende Kluft zwischen Ost und West.
Westeuropa schneidet im jüngsten Ranking über den Zugang zu Verhütungsmitteln und Aufklärung darüber gut ab. Polen hingegen blieb das zweite Jahr in Folge das Schlusslicht und schnitt schlechter ab als je zuvor – ein Zeichen für die wachsende Kluft zwischen Ost und West.
Der Verhütungsatlas, den das Europäische Parlamentarische Forum für sexuelle und reproduktive Rechte (EPF) am Mittwoch (9. Februar) veröffentlichte, zeigt eine deutliche Kluft zwischen Ost- und Westeuropa beim Thema Verhütung.
Der Atlas zeigt, was Regierungen unternehmen, um den Zugang zu Verhütungsmitteln in Europa zu erleichtern. Insgesamt umfasst er 46 Länder. Zu den Kriterien gehören dabei der Zugang zu Verhütungsmitteln, der Zugang zu Beratung und auch die Bereitstellung von Online-Informationen über Verhütung.
Die Nutzung von Verhütungsmitteln trage dazu bei, dass es weniger ungewollte Schwangerschaften und damit wiederum weniger Abtreibungen gibt, sagte EPF-Sekretär Neil Datta bei der Vorstellung des Atlas auf einer Veranstaltung am Mittwoch.
„Europa hat eine der höchsten Verhütungsraten und die niedrigsten Abtreibungsraten der Welt“, sagte Datta. „Aber dieser Fortschritt ist sehr ungleichmäßig: Wie Sie sehen werden, schneiden einige Länder sehr gut ab und andere nicht.“
Die Kluft zwischen Ost und West sei größer als im letzten Jahr, betonte er. „Fast alle westeuropäischen Länder stehen sehr gut da, aber im Osten des Kontinents gibt es noch viel zu tun“, sagte er.
Kluft zwischen Ost und West
Die Ergebnisse waren insgesamt positiv, wobei Frankreich und das Vereinigte Königreich neben Belgien die besten Ergebnisse erzielten. „Letztes Jahr hatten wir einen Sieger, und das war Belgien. Dieses Jahr haben wir drei gleichwertige Co-Champions“, sagte Datta.
Deutschland, die Niederlande, Luxemburg, Schweden und Estland folgen dicht dahinter.
„Wir haben sechs Länder, die im letzten Jahr Maßnahmen zur Verbesserung des Zugangs zu Verhütungsmitteln eingeführt haben. Die Regierungen erhöhen das Alter, bis zu dem Verhütungsmittel [von der Versicherung] abgedeckt werden, und schließen lang wirkende reversible Verhütungsmittel ein“, so Datta.
Er wies auf positive Veränderungen in Frankreich hin, wo jungen Frauen die Kosten für Verhütungsmittel bis zum Alter von 25 Jahren erstattet werden.
Außerdem gibt es in Island neue Bestimmungen darüber, wer hormonelle Verhütungsmittel verschreiben darf, während Italien einige „unnötige administrative Hindernisse“ beseitigt habe.
In der Zwischenzeit stellt Litauen eine Form der lang wirkenden reversiblen Verhütung für jüngere Frauen zur Verfügung, während im Vereinigten Königreich Verhütungspillen neu klassifiziert wurden, um sie leichter zugänglich zu machen.
Auf der östlichen Seite ist das Bild jedoch weniger rosig. „Die Länder, die schlecht abgeschnitten haben, schneiden weiterhin schlecht ab. Wir haben keine Fortschritte in Osteuropa gesehen“, sagte Datta. Die Slowakei, Griechenland, Kroatien, Ungarn und Polen gehören zu den EU-Ländern, in denen demnach keine Fortschritte zu verzeichnen sind.
Während der Zugang zu modernen, wirksamen und erschwinglichen Verhütungsmitteln für viele Frauen in Europa nach wie vor eine unnötige Herausforderung darstellt, betonte Datta: „Der Verlierer in diesem Jahr bleibt Polen, und es hat noch mehr verloren als im letzten Jahr.“
Polen ist auch das einzige Land, das in Bezug auf Verhütung als „außergewöhnlich schlecht“ eingestuft wird. Für Datta wird Polen gegenüber dem Vorjahr schlechter eingestuft, „nicht weil Polen schlechter abgeschnitten hat, sondern weil wir uns mehr Dinge angeschaut haben und herausgefunden haben, dass Polen noch schlechter ist, als wir erwartet haben.“
Politischer Antrieb für die Gesundheit von Frauen
Irène Tolleret, eine französische Europaabgeordnete der liberalen Renew Europe Group, betonte, dass das, „was in Polen passiert, auch anderswo passieren könnte“.
„Diese Dinge passieren aufgrund von Politiker:innen, die populistisch sind und sich entschieden haben, an der Macht zu bleiben, indem sie gegen LGBTQI-Mitglieder vorgehen, aber auch, indem sie die Rechte von Frauen und insbesondere sexuelle und reproduktive Rechte angreifen“.
Ilona Kikbusch, die Gründerin des Global Health Centre am Graduate Institute in Genf, äußerte sich bei einer Veranstaltung am Dienstag (8. Februar) ähnlich. „Die Gesundheit von Frauen und ihre Rechte werden eingeschränkt, weil wir in einigen Ländern eine autoritäre und religiös motivierte Politik haben.“
Tolleret betonte, dass Indikatoren wie der Atlas „entscheidend sind, um Gesetzesänderungen in den europäischen Ländern und auf EU-Ebene voranzutreiben“.
„Wir müssen die Lücken in ganz Europa schließen, was die hohen Kosten der Verhütungsmittel, die unzureichende Verfügbarkeit, Informationen und diskriminierende Politik angeht“, sagte sie.
Aufruf zum Handeln
Diskussionen über Gesundheit in der EU beginnen und enden oft mit dem Hinweis, dass die Gesundheit in die nationale Zuständigkeit der einzelnen Mitgliedstaaten fällt.
„Können wir also direkt eingreifen? Nein. Aber können wir es auf die Tagesordnung setzen? Ja“, sagte eine andere niederländische liberale Europaabgeordnete, Sophie in ‚t Veld.
Im Juni letzten Jahres stimmte das Europäische Parlament für eine Entschließung zur sexuellen reproduktiven Gesundheit und den Rechten von Frauen, die vom kroatischen sozialdemokratischen Abgeordneten Predrag Matić geleitet wurde und auch das Thema Verhütung einschließt.
Tolleret sagte, dass „dieser starke und rechtzeitige Aufruf des Europäischen Parlaments“ nun von den Mitgliedstaaten umgesetzt werden müsse, um „die Gleichstellung der Geschlechter und sexuelle reproduktive Gesundheit und Rechte in den Mittelpunkt der europäischen Agenda zu stellen.“
In ‚t Veld fügte hinzu, dass aufgrund der Coronapandemie „die Menschen mehr von der Notwendigkeit einer Gesundheitsunion überzeugt sind“, was einen „Aufschwung erzeugt, um auf die Einbeziehung der [sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte]“ in die allgemeine öffentliche Gesundheitsstrategie zu drängen.
„Ich zähle darauf, dass die französische [EU-Rats-]Präsidentschaft dies in den ersten Entwürfen für eine solche Gesundheitsunion ganz fest verankert und nicht zulässt, dass, sagen wir mal, ideologische Kräfte auf europäischer Ebene bestimmen, dass Frauen und Männer geringere Leistungen erhalten sollten“, so in ‚t Veld.
Im Januar hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärt, das Recht auf Abtreibung solle in die Charta der Grundrechte aufgenommen werden.
[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Zoran Radosavljevic]