Palmöl im Schafspelz

Die EU wird aufgerufen, die Verwendung gebrauchter Speiseöle als Kraftstoff einzuschränken, da deren Ursprung meist unklar ist und es oftmals Verknüpfungen zum umstrittenen Palmöl gibt.

EURACTIV.com
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Einige der importierten Öle dürften Palmöl enthalten - dessen Nutzung die EU eigentlich auslaufen lassen will, um die Abholzung in tropischen Ländern auszubremsen. [<a href="https://www.shutterstock.com/de/image-photo/deforestation-aerial-photo-rainforest-jungle-borneo-1098811376" target="_blank" rel="noopener">[Shutterstock/Rich Carey]</a>]

Die Importe von gebrauchten Speiseölen zum Einsatz für die Dekarbonisierung des EU-Verkehrs werden voraussichtlich deutlich ansteigen, so ein neuer Bericht. Allerdings wird die EU in dem Report auch aufgerufen, die Verwendung derartiger Öle einzuschränken, da deren Ursprung meist unklar ist und es oftmals Verknüpfungen zum umstrittenen Palmöl gibt.

Gebrauchte Speiseöle (Used Cooking Oils, UCO) gelten unter der EU-Richtlinie für erneuerbare Energien und zur Dekarbonisierung des europäischen Verkehrssektors als abfallbasierte Kraftstoffe. Allerdings unterscheidet die derzeitige Richtlinie nicht zwischen in der Union gesammelten Ölen und solchen, die aus Drittländern importiert werden.

Kritiker weisen darauf hin, dass einige der importierten Öle derweil auch Palmöl enthalten – dessen Nutzung die EU eigentlich auslaufen lassen will, um die Abholzung in tropischen Ländern auszubremsen.

Laut einem am Mittwoch (21. April) veröffentlichten Bericht der Umwelt-NGO Transport & Environment (T&E) liefert China mehr als ein Drittel (34 Prozent) der europäischen UCO-Importe, während fast 19 Prozent von den weltweit großen Palmölproduzenten Malaysia und Indonesien zusammen stammen.

„Europas wachsender Durst nach Altspeiseöl zum Antrieb seines Transportsektors übersteigt die Menge, die in den Küchen des Kontinents als Abfall übrig bleibt. Das macht uns abhängig von einem Abfallprodukt, das darüber hinaus noch vom anderen Ende der Welt verschifft wird,“ fasst Cristina Mestre, bei T&E für das Thema Biokraftstoffe zuständig, zusammen.

Länder, die normalerweise UCO als Tierfutter und für andere Produkte verwenden würden, könnten letztendlich ihre Speiseölreste exportieren, während sie zu Hause auf billiges Öl, wie eben Palmöl, bauen, warnt Mestre. Sie betont daher: „Die EU muss die Verwendung von UCO einschränken, um nicht mehr Schaden als Nutzen anzurichten.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die Herkunft von importierten UCO in Brüssel für Aufregung sorgt: Bereits im Juni 2019 hatte eine Quelle aus der Biokraftstoffindustrie gegenüber EURACTIV.com nahegelegt, dass ein Drittel der UCO, die auf dem europäischen Biokraftstoffmarkt verwendet werden, höchstwahrscheinlich aus zumindest dubiosen Quellen stammt und falsch deklariert ist.

Darüber hinaus haben das Vereinigte Königreich und die Niederlande offizielle Untersuchungen gegen Unternehmen eingeleitet, die angeblich nicht-nachhaltige UCO mit beigemischtem Palmöl verkauft haben. Darüber hinaus hat das Amt der EU-Bürgerbeauftragten im September 2020 ein Verfahren wegen der Weigerung der Europäischen Kommission eingeleitet, der Öffentlichkeit Zugang zu Dokumenten zu gewähren, die die Herkunft und Menge von UCO betreffen.

 

Die Europäische Kommission hat ihrerseits bereits eingeräumt, sie habe keinen „vollständigen Überblick“ über die Herkunft von Altspeisefetten, die für die Produktion von in der EU verbrauchtem Biodiesel verwendet werden. Man wolle bei der Überarbeitung der entsprechenden Gesetzgebung die Regeln verschärfen.

Von EURACTIV.com kontaktiert, teilte auch der Lobbyverband EWABA mit, die Kommission wolle in den kommenden Wochen einen Entwurf für einen Durchführungsrechtsakt zu überarbeiteten Standards für Zertifizierungssysteme veröffentlichen, der die Kontrollen entlang der gesamten Lieferkette von Biokraftstoffen verschärfen soll.

„Die EU-Zertifizierungssysteme werden diese strengeren Regelungen ab der Umsetzungsfrist der [Erneuerbare-Energien-Richtlinie] RED II im Juni dieses Jahres einhalten müssen. Die Verbesserungen der Zertifizierungssysteme beruhen zum Teil auf den Hinweisen der Industrie auf mögliche Schwachstellen in der Lieferkette. Diese bevorstehende Serie von Maßnahmen wird die Verifizierung deutlich verbessern,“ zeigte sich die EWABA in einer E-Mail zuversichtlich.

Der Verband teilte weiter mit, die Kommission entwickle derzeit eine EU-weite „Track-and-Trace-Datenbank“, die weit über den engen Rahmen der bisher bestehenden Gesetzgebung hinausgehe: Alle Handels-, Zertifizierungs- und Nachhaltigkeitsdaten zu allen in der EU gehandelten Biokraftstoffen und flüssigen Biobrennstoffen müssten demnach in einer von der Europäischen Kommission kontrollierten Datenbank registriert werden.

„Im Falle von Abfallrohstoffen wird der Anwendungsbereich der Datenbank am Ursprungsort des Rohstoffs beginnen. Diese Datenbank wird im Oktober in einer Pilotphase in Betrieb gehen und schrittweise verbessert werden, bis sie Ende 2022 voll einsatzfähig und dann auch verpflichtend wird,“ so die EWABA.

Indes wird auch die Doppelzählung solcher erneuerbarer Energien im Verkehrssektor seit Längerem kritisiert. T&E mahnte, dass die Doppelzählung die realen Zahlen über die Menge der im Verkehr eingesetzten erneuerbaren Energien verzerrt (was in diesem Fall die Kennzahlen und Werte für UCO in die Höhe treibt).

Die NGO zeigte sich besorgt, man werde die Klimaziele im Transportbereich ohne derartige „Buchhaltertricks“ wohl nicht erreichen können.

„Wir entwickeln derzeit unsere Position zu den Transportzielen für RED III,“ erklärte T&E gegenüber EURACTIV.com. „Für uns ist es wichtig, dass die Ziele auf nachhaltige Weise erreicht werden können, indem wir die Mengen an nachhaltiger erneuerbarer Energie verstehen, mit denen wir rechnen können – anstatt zu hohe Ziele ohne angemessene Nachhaltigkeitsgarantien zu haben, die den Einsatz von nicht nachhaltigen Biokraftstoffen vorantreiben.“

Auf der anderen Seite beharrte EWABA-Generalsekretär Angel Alberdi darauf, dass die Doppelzählung unabhängig vom Herkunftsland von UCO beibehalten werden sollte: „Sie hat sich als der richtige politische Mechanismus erwiesen, um problematische Rohstoffe wie Abfälle und Reststoffe zu fördern – sie hat diese Industrie quasi geschaffen. Ohne die Doppelzählung würde man billigeren konventionellen Biodiesel mit geringeren THG-Emissionen bekommen – allerdings aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]