„Polen hat keine Komplexe mehr“
Willy Brandts Kniefall vor vierzig Jahren vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos: eine Geste der Versöhnung, ein Wendepunkt in den deutsch-polnischen Beziehungen. Aber wie steht es heute um Deutschland und sein Nachbarland? Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, spricht mit EURACTIV.de über Erfolge und Hindernisse einer Beziehung zwischen zwei Ländern in Europa.
Willy Brandts Kniefall vor vierzig Jahren vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos: eine Geste der Versöhnung, ein Wendepunkt in den deutsch-polnischen Beziehungen. Aber wie steht es heute um Deutschland und sein Nachbarland? Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, spricht mit EURACTIV.de über Erfolge und Hindernisse einer Beziehung zwischen zwei Ländern in Europa.
EURACTIV.de: Wie wichtig war der Kniefall Willy Brandts, der sich am 7. Dezember zum 40. Mal jährte, für die deutsch-polnische Geschichte?
BINGEN: Das Bild von dem knienden deutschen Bundeskanzler vor dem Ghettodenkmal in Warschau wurde zu einer Ikone, quasi zum Sinnbild eines Neuanfangs in den deutsch-polnischen Beziehungen. Auf der politischen Ebene, aber auch als Zeichen eines moralischen Verantwortungsgefühls – dass Willy Brandt als ehemaliger Widerstandskämpfer für das deutsche Volk Abbitte leistet. Außerdem wurde der sogenannte Normalisierungsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der damaligen Volksrepublik, in der die Grenzfrage für die polnische Seite besonders wichtig war, unterzeichnet.
EURACTIV.de: Hat das die deutsch-polnischen Beziehungen verbessert?
BINGEN: Kurzfristig war für Polen besonders der Artikel, in dem die Bundesrepublik Deutschland die Oder-Neiße-Grenze als deutsch-polnische Grenze anerkennt, wichtig, aber für die langfristige Entwicklung war sicher der Kniefall ein „Opener“, ein Öffner. So hat die polnische Gesellschaft, als sie dieser Geste wegen der Zensur mit Verspätung oder über Umwege gewahr wurde, das Gefühl bekommen, dass die Deutschen und ihr Land sich geändert haben. Der Kniefall war ein wichtiges Symbol. Die Politik lebt von Symbolen, Handlungen und Gesten, die das unterstreichen, was man politisch will.
EURACTIV.de: In Deutschland war die Reaktion ja eher zweigeteilt…
BINGEN: Seinerzeit stand die gesamte Ostpolitik der damaligen Bundesregierung stark unter Beschuss von Seiten der Konservativen, vor allem der CDU/CSU. Der Vertrag von 1970 ist stark kritisiert worden, auch diese Geste war sehr strittig. Die deutsche Gesellschaft war auf so etwas einfach noch nicht vorbereitet. Es gab ja keine politischen Beziehungen mit Polen, überhaupt nur wenige Kontakte, keinen Tourismus, keine diplomatischen Beziehungen – die Beziehungen zu Polen waren eben noch auf einem sehr marginalen Stand. Heute dagegen ist das Bild vom knieenden Willy Brand eine unstrittige Ikone, ein Sinnbild, das von allen politischen Lagern anerkannt wird.
EURACTIV.de: Das war aber ja nur die BRD. Welche Unterschiede gab es in den Beziehungen im Vergleich zur DDR?
BINGEN: Zwischen der DDR und Polen gab es diese offiziell verordnete politisch-ideologische Freundschaft, seit 1950 der Grenzvertrag abgeschlossen worden ist. Aber das kam ja von oben. Diese gesellschaftliche Ebene gab es in diesen kommunistischen Staaten nicht, so war also der Austausch zwischen Ostdeutschen und Polen bis Anfang der 70er Jahre nur gering ausgeprägt. Erst als die Grenze zwischen der DDR und Polen 1972 geöffnet wurde, kamen erstmals Hunderttausende von DDR-Bürgern und Polen zusammen.
Die Freundschaft aber war vor allem von oben getragen, über die Parteischiene, und nicht so, wie sich die Beziehungen zwischen offenen Gesellschaften gestalten, wo unterschiedlichste Kräfte, ob gesellschaftlicher, kultureller, kulturpolitischer oder religiöser Art, zusammen wirken.
EURACTIV.de: Welche Rolle haben denn andere Akteure gespielt – Kirchen, Vereine, Verbände?
BINGEN: Die erste Öffnung gab es im kulturellen Bereich, sporadisch schon seit der zweiten Hälfte der 50er Jahre mit der Wahrnehmung der polnischen Literatur, des polnischen Jazz oder der Plakatkunst beispielsweise, allerdings nur in bestimmten Kreisen der Bundesrepublik. Auf diesem Wege gab es in Westdeutschland einige Informationen über Polen, in die andere Richtung war das dagegen viel schwieriger.
Wichtige Akteure ab Mitte der 60er Jahre waren die Kirchen, in der Bundesrepublik vor allem auch die evangelische Kirche. So wurde in evangelischen Kirchenkreisen etwa die Frage nach einer Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestellt. Oder 1965 der Briefwechsel zwischen polnischen und deutschen Bischöfen, wo es im polnischen Brief hieß: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Das war natürlich eine ganz große Geste, die in Polen von vielen damals nicht verstanden worden ist – was müssen wir Polen die Deutschen um Vergebung bitten, nach dem was die uns angetan haben? – und viel Kritik geerntet hat.
Auch kirchliche Verbände, Jugendverbände oder gesellschaftliche Initiativen haben schon vor 1989 eine große Rolle gespielt.
EURACTIV.de: Wie sah der Neuanfang im Wendejahr 1989 aus?
BINGEN: Da gab es ein demokratisches Deutschland und ein freies Polen als Nachbarn. Am Anfang gab es in Polen noch Ängste, dass die Grenzanerkennung von Brandt und Scheel damals nicht für Deutschland als Ganzes gelten könnte. Also musste 1990 noch einmal ein Grenzvertrag abgeschlossen werden. Für Polen war die deutsche Wiedervereinigung nachvollziehbar, allerdings unter der Bedingung, dass die Oder-Neiße-Grenze endgültig anerkannt wird und dass Deutschland in die europäische Integration eingewoben bleibt und Polen hineinkommt. Die Wiedervereinigung war auch eine beiderseitige Chance, ein neues Kapitel in den bilateralen Beziehungen aufzuschlagen.
EURACTIV.de: Wenn man sich ansieht, wie sich die Beziehungen seitdem entwickelt haben, kann man heute von einer Normalisierung sprechen?
BINGEN: Deutschland und Polen sind auf dem Weg zu einer noch ungewohnten Normalität. Es herrscht auch weiterhin noch eine große Asymmetrie, aber es gibt eine Annäherung, und Polen gehört – als sich wirtschaftlich schnell entwickelndes Land – zu den größten Außenhandelspartnern und Investitionsgebieten der deutschen Wirtschaft.
Der Unterschied zu Frankreich besteht beispielsweise darin, dass die Deutschen Frankreich immer als Kulturnation respektiert haben und es gegenseitigen Respekt gab. Im deutsch-polnischen Verhältnis war das nicht der Fall. Zwar hegten die Polen eine große Anerkennung für die deutsche Kultur, aber nicht umgekehrt.
Polen war für die Deutschen einfach kein Partner und nicht interessant. Allerdings ist in den letzten Jahren unheimlich viel aufgeholt worden, es gibt nun auch sehr viel Normalität, wenngleich noch alte Bilder und Vorstellungen überwunden werden müssen. Viele haben gar keine Vorstellung von Polen, also weder Vorurteile noch Positives, sie haben schlicht kein besonderes Interesse.
EURACTIV.de: Warum verschwinden diese alten Klischees nicht?
BINGEN: Naja, es ist ja vieles besser geworden, indem man vieles abgearbeitet hat. Aber es gibt eben in beiden Ländern noch Kräfte, die sich mit dem einen oder anderen nicht abfinden können und versuchen, bestimmte Ängste aufrechtzuerhalten. Also die gesamten Fragen von Schuld und Verantwortung. Es gibt neben der deutschen verbrecherischen Politik bis 1945 eben auch die Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Gebieten im heutigen Polen, was einen Bruch in der deutschen Geschichte darstellt.
Wenn die Frage des deutschen Leids diskutiert wird, führt das in Polen – je nachdem, wie die Diskussion in Deutschland geführt wird – auch bei Jüngeren zu Fragen, ob die Deutschen irgendwie ihre Geschichte revidieren wollen. Diese historischen Fragen versuchen manche in Deutschland und Polen für ihre Politik und Interessen zu instrumentalisieren.
EURACTIV.de: Wie hat sich denn die Beziehung zwischen der Zivilgesellschaft entwickelt, beispielsweise durch Austausch?
BINGEN: Da, wo es ihn gibt, ist es sehr gut. Es könnten noch mehr Menschen sein, die sich dafür engagieren, die mal nach Polen fahren oder es als interessantes Land wahrnehmen. Aber grundsätzlich hat sich auf dem zivilgesellschaftlichen Wege viel entwickelt, ob durch Schüleraustausch und Schulpartnerschaften, durch Austausch im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich.
Auch in Bezug auf die Wirtschaft und die europäische Politik gibt es Fortschritte. Zwar immer wieder Rückschläge, aber tendenziell tut sich was. In den letzten zwei Jahren sogar in der polnischen Sprachvermittlung in Deutschland.
EURACTIV.de: Wie wichtig sind denn gute bilaterale Beziehungen für beide Länder, welche Erwartungen haben beiden Seiten?
BINGEN: Es ist wichtig, in gutem Frieden mit den Nachbarn zu leben, offene Grenzen zu haben, sich sicher zu fühlen, sich auszutauschen und zu sehen, dass auch Krakau, Breslau oder Warschau und nicht nur Amsterdam oder Paris etwas bieten können. Polen ist für Deutschland von Bedeutung, weil es das wichtigste Land unter den neuen Mitgliedern der EU ist und die gesamte EU sich nur gemeinsam weiterentwickeln kann.
So können Deutschland und Polen beispielsweise in Osteuropa gemeinsam etwas voranbringen. Es ist gut, wenn die beiden Länder nicht nur über Vergangenheit und Probleme reden, sondern auch gemeinsame Ziele und Instrumente haben. Klar gab es auch unterschiedliche Positionen, wie im Irakkrieg, aber so in der Art sollte es nicht wieder passieren. Es wäre gut gewesen, wenn man mehr miteinander geredet hätte, gerade dann, wenn man unterschiedliche Positionen hat, damit es dann nicht zu unnötigen Reibereien kommt. Kommunikation ist das A und O.
EURACTIV.de: Hat sich das denn jetzt verbessert, was kann man für die Zukunft sagen?
BINGEN: Nach dem Ende der Kaczy?ski-Regierung ist es mit dem Ministerpräsidenten Tusk sicher besser. Mit dem jetzigen Präsidenten Komorowski kann Bundespräsident Wulff auf einer ziemlich unkomplizierten Art sprechen, die polnischen Gesprächspartner haben keine Komplexe. Unter der alten Regierung wurde mit Minderwertigkeitskomplexen und Unterlegenheitsgefühlen gearbeitet, um sich stark zu machen; das ist jetzt entspannter. Natürlich kann generell immer etwas sein, aber im Großen und Ganzen sind die Beziehungen recht stabil.
EURACTIV.de: Nochmals zum 7. Dezember: Was bedeutet der Jahrestag noch heute?
BINGEN: Der Tag ist nicht nur für die historische Einbettung wichtig, sondern auch als Zukunftsprojekt. Es ist ein schönes Symbol, dass am Tag davor der russische Präsident nach Warschau kam und die beiden Länder Polen und Russland nun am Beginn eines Weges stehen, den Deutschland und Polen vor Jahrzehnten begonnen haben. So sind die deutsch-polnischen Beziehungen ein Vorbild für andere komplizierte Beziehungen in Europa geworden.
Interview: Daniela Heimpel
Zur Person:
Prof. Dr. Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts (seit 1999), Honorarprofessor für das Gebiet „Kultureller Wandel und gesellschaftliche Transformationsprozesse in Europa“ am FB Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Zittau/Görlitz (seit 2004). Bingen ist u.a. Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (seit 2000), Mitglied der Gesellschaft des Instituts für Mittel-Osteuropa (Instytut Europa ?rodkowo-Wschodniej) (seit 2004), Lublin, Mitglied der Jury des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, Mitglied der Jury des Deutsch-Polnischen Preises, Mitglied des Kuratoriums des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau.
Seine Forschungsschwerpunkte sind Polnische Zeitgeschichte und Politik, Politisches System Polens, Religion und Kirche in Polen nach 1945, Polnische Außen- und Sicherheitspolitik, Politische Systeme und Systemtransformation in Ostmittel- und Südosteuropa, Deutsch-polnische Beziehungen, Integrationspolitik in Europa (seit 2003)
Links:
Homepage Deutsches Polen-Institut (DPI)
Jahrbuch Polen 2010 Migration
Artikel auf EURACTIV.de: Deutsch-polnische Beziehungen derzeit phänomenal (24. September 2010)
Artikel auf EURACTIV.de: Weimarer Dreieck: Laurent Wauquiez, der Neue aus Paris als treibende Kraft (16. November 2010)