Proteste in Griechenland - Parlament für Sparpläne

Das griechische Parlament hat den drastischen Sparplänen der Regierung zugestimmt. Damit wird die Zahlungsunfähigkeit des Landes weiter hinausgeschoben. Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Die EU-Spitzen hoffen auf ein weiteres "Ja" morgen im griechischen Parlament zum Ausführungsgesetz des Sparprogramms.

Zehntausende Menschen protestierten auf Athens Syntagma-Platz erneut gegen die rigorosen Sparpläne der griechischen Regierung. Die Polizei ging mit Tränengas gegen Steine werfenden Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude vor. Foto: dpa
Zehntausende Menschen protestierten auf Athens Syntagma-Platz erneut gegen die rigorosen Sparpläne der griechischen Regierung. Die Polizei ging mit Tränengas gegen Steine werfenden Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude vor. Foto: dpa

Das griechische Parlament hat den drastischen Sparplänen der Regierung zugestimmt. Damit wird die Zahlungsunfähigkeit des Landes weiter hinausgeschoben. Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Die EU-Spitzen hoffen auf ein weiteres „Ja“ morgen im griechischen Parlament zum Ausführungsgesetz des Sparprogramms.

155 Abgeordnete stimmten heute (29. Juni 2011) für das umstrittene Sparprogramm der Regierung, 138 Abgeordnete stimmten dagegen. Das Programm von Ministerpräsident Giorgos Papandreou sieht Leistungskürzungen, Steuererhöhungen und Privatisierungen vor und ist Voraussetzung für weitere Milliarden-Hilfen von EU und IWF.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Parlamentsentscheidung als wirklich gute Nachricht. In Erwartung einer Zustimmung hatten die Börsen und der Kurs des Euro zugelegt.

Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Ratspräsident Herman Van Rompuy sagten, dass auch morgen "die Augen Europas wieder auf Athen gerichtet sind". Der Grund: Die griechischen Abgeordneten stimmen morgen über das Ausführungsgesetz zu dem Sparprogramm ab. "Eine zweites positives Votum wird den Weg für die Auszahlung der nächsten Tranche der Finanzhilfe ebnen. Es würde auch dazu führen, dass schnell an einem zweiten Hilfspaket gearbeitet werden kann, damit das Land vorwärts schreiten kann und die Hoffnung des griechischen Volkes erneuert wird", heißt es in der Erklärung der EU-Doppelspitze.

Ein Abgeordneter der Sozialistischen Fraktion stimmte gegen das 28 Milliarden Euro umfassende Sparprogramm der Regierung. Er wurde prompt aus der Partei ausgeschlossen. Eine Abgeordnete der Opposition stimmte mit der Regierung. Papandreou warnte in der Debatte noch einmal vor einem Scheitern seiner Pläne: "Wir müssen einen Kollaps des Landes um jeden Preis verhindern."

Neben Merkel äußerte sich auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zufrieden über die Zustimmung. Er habe allerdings nie an der Weisheit der Griechen gezweifelt, sagte Ackermann in Berlin.

Am Donnerstag müssen die Abgeordneten noch die Einzelgesetze billigen, die zur Umsetzung der Sparmaßnahmen nötig sind. Finanzminister Evangelos Venizelos sagte, er sei zuversichtlich, dass auch hier eine Mehrheit zustande komme.

Geldvernichtung mit und ohne Umschuldung

Ungeachtet der Entscheidungen im Parlament rechnen viele Experten damit, dass es mittelfristig dennoch zu einer Umschuldung Griechenlands kommt. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sagte: "Ich bleibe dabei, dass es zum Zeitpunkt X zu einer Umschuldung kommen wird."

Der europapolitische Sprecher der CSU, Thomas Silberhorn, erklärte ebenfalls, dass er eine Umschuldung Griechenlands als die beste Option sieht. "Alle Optionen – ob nun weitere Finanzhilfen, ob Umschuldung oder ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone – werden zu einer Geldvernichtung führen. Alle Optionen bedingen, dass man mit weiteren Finanzhilfen aushelfen muss. Auch wer wie ich für Umschuldung streitet, muss realisieren, dass man dann Geld in die Hand nehmen muss, um zum Beispiel den Interbankenmarkt zu sichern und die Liquidität zu wahren", sagte Silberhorn gestern bei einer Veranstaltung des European Council on Foreign Relations (ECFR) in Berlin.

Proteste auf Syntagma-Platz

Auf Athens Syntagma-Platz vor dem Parlament versammelten sich erneut zehntausende Menschen, um gegen die Pläne der sozialistischen Regierung zu protestieren. Mit dem Einsatz von Tränengas verhinderte die Polizei das Vordringen von Steine werfenden Demonstranten auf das Parlamentsgebäude. Ein Generalstreik der Gewerkschaften legte das öffentliche Leben weitgehend lahm. Für den frühen Abend war die Hauptdemonstration geplant.

"Bullen, Schweine, Mörder" skandierte eine Menge vor einer Polizeikette. Tränengasschwaden zogen durch die Straßen. Manche Demonstranten fassten sich an den Händen zum traditionellen griechischen Tanz. Auf manchen Spruchbändern wurde die Auflösung des Parlaments verlangt. Rund 30 mit Stöcken und Eisenstangen bewaffnete Demonstranten griffen während der Abstimmung Büros des Finanzministeriums an. Dabei gingen Fensterscheiben zu Bruch.

Der Zorn über das Sparprogramm reicht über die Gewerkschaften und die radikale Linke hinaus. Das Programm hat in der durch Korruption und Vetternwirtschaft ohnehin desillusionierten Bevölkerung tiefe Empörung ausgelöst. Viele Griechen sind besonders über die harten Bedingungen von EU und IWF verbittert. EU und IWF machen die Zustimmung zum Sparprogramm zur Voraussetzung für die Zahlung einer weiteren Tranche von zwölf Milliarden Euro an Finanzhilfen.

Gewinne an der Börse

An den Finanzmärkten wurde die Entwicklung im griechischen Parlament positiv aufgenommen. In Erwartung einer Zustimmung hatten die Börsenindizes bereits in den vergangenen Tagen zugelegt.

Nach der Zustimmung des Parlaments dürften die EU-Finanzminister am Sonntag die zweite Hilfstranche für Griechenland freigeben, der IWF dürfte dann am 5. Juli folgen. Danach müssen die Arbeiten an einem zweiten, langfristigen Hilfspaket abgeschlossen werden, das das erste von 110 Milliarden Euro ablösen soll. Eine neues Hilfspaket dürfte eine Beteiligung des privaten Sektors in Höhe von 30 Milliarden Euro vorsehen, eine ähnliche Summe durch Privatisierungen und schätzungsweise 55 Milliarden Euro an neuen öffentlichen Hilfen.

EURACTIV/rtr

Links

IWF: IMF Executive Board Selects Christine Lagarde as Managing Director (28. Juni 2011)

EU-Kommission: Statement of Commissioner Olli Rehn on Greece (28. Juni 2011)

Europäischer Rat: 23./24. Juni 2011 – Schlussfolgerungen

EVP: EPP leaders to meet for Party Summit ahead of European Council (22. Juni 2011)

EU-Parlament: Wirtschaftpolitische Steuerung: EP legt seine Position vor Beginn des Europäischen Rates fest (23. Juni 2011)

EU-Parlament: Economic governance debate: ideological differences and a need for real change (23. Juni 2011)

IWF: Opening Remarks by Mr. John Lipsky, Acting Managing Director, IMF Press Conference at the Conclusion of the Euro Area Article IV Mission 2011 (20. Juni 2011)

IWF: Concluding Statement of the IMF Mission on Euro-Area Policies (20. Juni 2011)

Ecofin: Statement zu Griechenland (20. Juni 2011)

Bundesregierung: Video der Pressebegegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Staatspräsidenten der Französischen Republik, Nicolas Sarkozy (17. Juni 2011)

EU-Kommission: Statement by Commissioner Rehn on Greece (16. Juni 2011)

EU-Kommission: José Manuel Durão Barroso President of the European Commission Press conference in advance of the European Council (21. Juni 2011) 

Grüne: Kleine Anfrage an die Bundesregierung (7. Juni 2011)

IWF: Statement by the European Commission, the ECB and IMF on the Fourth Review Mission to Greece (3. Juni 2011)

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de

Rehn: "Es gibt keinen Plan B" (28. Juni 2011)

Frankreichs Banken beteiligen sich an Griechenland-Hilfe (27. Juni 2011)

Familienunternehmen zur Euro-Krise: Bundestag muss handeln (27. Juni 2011)

Griechenlands Oppositionsführer bleibt hart (24. Juni 2011)

Grüne zur Krise: "Keine Lebendversuche an Volkswirtschaften"! (24. Juni 2011)

Wirtschaftsregierung: Rehn lockt EU-Parlament mit Eurobonds (23. Juni 2011)

EU-Gipfel berät über Griechenland (23. Juni 2011)

EZB-Stark: "Schuldenerlass wäre Fehler" (23. Juni 2011)

Wirtschaftsweise: Harte Umschuldung unvermeidlich (23. Juni 2011)

Papandreou übersteht Vertrauensabstimmung (22. Juni 2011)

"Euro-Bonds ohne Transferunion" (22. Juni 2011)

Gegenvorschläge zur Rosskur in Griechenland (22. Juni 2011)

ESM-Vertrag: EU einig zum Euro-Rettungsfonds (20. Juni 2011)

Übersicht: Griechenland-Engagement der Banken (20. Juni 2011)

Eurogruppe vertagt Griechenland-Hilfe (20. Juni 2011)

Merkel und Sarkozy dringen auf schnelle Griechenland-Hilfe (17. Juni 2011)

Wie tief stecken die Finanzinstitute drin? (17. Juni 2011)

Griechenland-Hilfe: Juncker drängt Merkel zur Eile (17. Juni 2011)

Griechenland-Hilfe: Deutschland will Zeit gewinnen (16. Juni 2011)

Papandreou kündigt Regierungsumbildung an (16. Juni 2011)

Henkel: "Der Euro war ein Fehler" (15. Juni 2011)

Griechenland-Rettung wird vertagt (15. Juni 2011)

Spöri: Die Rebellion der Jugend in Europa ist berechtigt (14. Juni 2011)

Griechenland: "Wir werden diesen Krieg gewinnen" (14. Juni 2011)

S&P-Rating: Griechenland am Rande der Pleite (14. Juni 2011)

Griechenland: "Privatisierungen in Siegermacht-Manier" (10. Juni 2011)

Neue Griechenland-Hilfe: "Schäubles Trojanisches Pferd" (10. Juni 20119

Regierungsfraktionen stimmen für neue Griechenland-Hilfen (10. Juni 2011)

Jetzt erst recht: Die Vereinigten Staaten von Europa (10. Juni 2011)

Allianz-Chefvolkswirt: "Problem Griechenland ist lösbar" (9. Juni 2011)

Schäuble: Griechenland muss umschulden (8. Juni 2011)

Michelbach (CSU) drängt auf Privatisierungsagentur für Griechenland (6. Juni 2011)

Aufatmen in Athen: IWF zahlt weiter (3. Juni 2011)

EU-Finanzministerium? Berlin ist skeptisch (3. Juni 2011)

Allianz skizziert Rettungsplan für Griechenland (3. Juni 2011)

Eine Treuhand für Griechenland? (19. Mai 2011)

EURACTIV.de-Interviews zur europäischen Schuldenkrise

Fuest zu Europas Schuldenkrise: "Die Lage ist kritisch". Interview mit Clemens Fuest (Oxford) (4. Juni 2011)

Europas Schuldenkrise: "Banken nötigen die Politik" (13. Mai 2011)

Holznagel zur Eurokrise: "Merkel hat Weg zur Haftungsgemeinschaft geebnet" (20. April 2011)

Neumann: "Umschuldung Griechenlands unabdingbar". Interview mit Manfred Neumann (19. April 2011)

"Herr Katainen wird die Euro-Rettung nicht gefährden". Interview mit Risto Tähtinen (18. April 2011)

Europäische Schuldenkrise: "Der Kern des Problems liegt im Bankensektor". Interview mit Kai Konrad (7. April 2011)

"Irland-Hilfe nicht vertretbar".Interview mit Wolfgang Gerke (31. März 2011)

"Der ESM ist nicht alternativlos". Interview mit Andreas Haufler (23. März 2011)