Putin: "Nabucco hat wenig Erfolgschancen"
Die Ukraine will Russland davon überzeugen, die geplante Gaspipeline South Stream zu kippen. Der ukrainische Außenminister bezeichnete South Stream als "unnötiges Projekt". Drei staatliche Förderbanken sagten derweil zu, ein Kredit-Paket von bis zu vier Milliarden Euro für die Nabucco-Pipeline zu prüfen. Wladimir Putin sieht jedoch wenig Erfolgschancen für das von Europa favorisierte Bauprojekt.
Die Ukraine will Russland davon überzeugen, die geplante Gaspipeline South Stream zu kippen. Der ukrainische Außenminister bezeichnete South Stream als „unnötiges Projekt“. Drei staatliche Förderbanken sagten derweil zu, ein Kredit-Paket von bis zu vier Milliarden Euro für die Nabucco-Pipeline zu prüfen. Wladimir Putin sieht jedoch wenig Erfolgschancen für das von Europa favorisierte Bauprojekt.
Kiew will versuchen, Moskau von der Gaspipeline South Stream abzubringen. Als Alternative biete die Ukraine die Modernisierung seiner Pipelines an, erklärte Außenminister Kostjantyn Gryschtschenko am Montag (6. September) in London. Über South Stream soll russisches Erdgas unter Umgehung der Ukraine nach Europa geleitet werden.
Der Transport des Gases über die Ukraine sei der kürzeste Weg, erklärte Gryschtschenko. "South Stream ist ein unnötiges Projekts, das noch gekippt werden kann." Im Rahmen der Neuverhandlungen der Gas-Verträge mit Russland wolle er das Thema zur Sprache bringen.
Noch keine endgültige Finanzierungszusage
Die Weltbank, die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) prüfen, ob sie bis zu vier Milliarden Euro Darlehen für das Nabucco-Projekt bereitstellen – das wäre rund die Hälfte der geschätzten Kosten von 7,9 Milliarden Euro.
Ein entsprechendes Mandat zur Prüfung des Projekts unterzeichneten Weltbank, EIB und EBRD am Montag in Brüssel mit dem Konsortium, dem auch der Energieriese RWE angehört. Bis Mitte kommenden Jahres wollen die öffentlichen Geldgeber über den Zuschuss entscheiden. Das Mandat ist noch keine endgültige Finanzierungszusage.
Die potenziellen Geldgeber wollen in ihrer Analyse die wirtschaftlichen Aussichten, aber auch soziale und Umweltaspekte bewerten, teilten sie mit. Neben Weltbank, EIB und EBRD müssen noch weitere Geldgeber gefunden werden. Auch die Versorgung mit genügend Gas muss sichergestellt sein. Nabucco-Geschäftsführer Reinhard Mitschek sagte, Gespräche mit Kreditgebern und potenziellen Gasversorger verliefen von nun an parallel.
Putin: Es gibt keine Gasquelle für Nabucco
Die Gaspipeline South Stream zur Versorgung Südeuropas werde genau so schnell wie ihr nördliches Pendant Nord Stream gebaut. Dies erklärte Russlands Regierungschef Wladimir Putin am Montag bei einem Treffen mit Mitgliedern des internationalen Diskussionsclubs Waldai in Sotschi am Schwarzen Meer. "Mit dem Bau der Ostseepipeline haben wir bereits begonnen. Im nächsten Jahr soll erstes Gas (nach Deutschland) fließen." Auch im Süden werde Russland alles genau so schnell machen, sagte der Premier auf die Frage nach dem Schicksal des von Europa favorisierten Gasprojekts Nabucco in Umgehung Russlands.
"Nabucco hat wenig Erfolgschancen. Das Hauptproblem des Projekts besteht darin, dass bislang niemand die erforderlichen Gasmengen für die Pipeline garantiert hat. Es gibt also keine Gasquellen für diese Röhre. Russland wird nichts in die Nabucco-Leitung pumpen, Felder im Iran sind noch nicht erschlossen, Aserbaidschan fördert noch zu wenig Gas. Zudem wurde vor kurzem ein Vertrag unterzeichnet, nach dem Russland doppelte Gasmengen in Aserbaidschan beziehen wird."
Territorialstreit zwischen Turkmenistan und Aserbaidschan
Es gebe noch Erdgas in Turkmenistan. "Aber die Möglichkeiten der Lieferung (für Nabucco) sind noch nicht klar, weil die zentralasiatische Republik über eine vor kurzem gebaute Pipeline bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich nach China transportieren wird." Vorhanden seien auch andere Probleme, die der Realisierung des Nabucco-Projekts im Wege stünden.
Dazu zählte Putin unter anderem einen Territorialstreit zwischen Turkmenistan und Aserbaidschan, die sich nicht auf ihre nationalen Sektoren im Kaspischen Meer einigen können. "Unter diesen Bedingungen wäre es nach meiner Meinung problematisch, um nicht zu sagen unmöglich, ein (Pipeline-)System zu bauen. Das alles ergibt ein großes Fragezeichen (für Nabucco)."
Theoretisch wäre der Bau dieser Gasleitung möglich, falls sich ein Unternehmen findet, das ohne langfristige Lieferverträge Milliarden in das Projekt pumpen werde. "Möge es mit Gottes Hilfe geschehen", sagte der russische Regierungschef.
Hintergrund
Streitigkeiten zwischen der Ukraine und Russland hatten wiederholt die Erdgasversorgung in Europa gefährdet. Um sich von den russischen Gaslieferungen unabhängiger zu machen, wollen die Europäer die Pipeline Nabucco bauen, um Gasquellen am Kaspischen Meer und im Nahen Osten anzuzapfen. Diese soll die Erdgasleitung mit den europäischen Verbrauchermärkten verbinden und vom Osten der Türkei über Bulgarien, Rumänien und Ungarn zu einem Erdgasknotenpunkt in Österreich führen. Der Baubeginn der Pipeline ist für 2012 vorgesehen – ein Jahr später als geplant. Erste Lieferungen sollen 2015 starten. Den Russen ist das Projekt aber ein Dorn im Auge. Sie wollen zusammen mit Italien als Konkurrenz die Pipeline South Stream bauen.
EURACTIV / rtr / RIA Novosti / dto
Links / Dokumente
Europäische Investitionsbank: EIB, EBRD und IFC starten mit Bewertung der Nabucco-Pipeline (6. September 2010)
European Bank for Reconstruction and Development: EBRD, EIB and IFC start appraisal of Nabucco pipeline (6. September 2010)
Nabucco Gas Pipeline International GmbH: Website
RWE: Gas-Pipeline-Projekt Nabucco
EURACTIV.de: Kiew will Gasvertrag mit Russland revidieren (27. August 2010)
EURACTIV.de: Ukraine will Russland von South Stream abbringen (6. August 2010)
EURACTIV.de: Oettinger: Marktanteil Russlands steigt erheblich (30. Juli 2010)
EURACTIV.de: South Stream punktet im Wettlauf mit Nabucco (19. Juli 2010)
EURACTIV.de: Kasachstan kritisiert Untätigkeit der Europäer bei Nabucco (19. Juli 2010)
EURACTIV.de: Gazprom will Nabucco-Konsortium sprengen (12. Juli 2010)
EURACTIV.de: Ukraine schließt Fusion von Naftogaz mit Gazprom aus (21. Juni 2010)
EURACTIV.de: Ukraine und Russland verhandeln ums Gas (7. April 2010)