Qualitätssiegel für Betriebe könnten EU-Agrarpolitik 'grüner' machen
Europäische Qualitätssiegel könnten der EU helfen, ihre Umweltziele zu erreichen, so eine aktuelle Studie. EU-Abgeordnete haben jedoch Zweifel an der Durchführung einheitlicher Qualitätskontrollen und warnen vor ungewollten Auswirkungen auf die Landwirt:innen.
Europäische Qualitätssiegel könnten der EU helfen, ihre Umweltziele zu erreichen, so eine aktuelle Studie. EU-Abgeordnete haben jedoch Zweifel an der Durchführung einheitlicher Qualitätskontrollen und warnen vor ungewollten Auswirkungen auf die Landwirt:innen.
Eine aktuelle Studie, die dem Europäischen Parlament am Mittwoch (31. August) vorgelegt wurde, kommt zu dem Schluss, dass Qualitätszertifizierungen bestimmter Produkte oder landwirtschaftlicher Praktiken – wie das französische Label „Hoher Umweltwert“ (Haute Valeur Environnementale, HVE), die sogenannten geschützten Herkunftsbezeichnungen oder das französische C02-Label – als wirksames Instrument zur Erreichung der EU-Umweltziele dienen könnten.
Die Studie untersuchte 198 Zertifizierungen, die derzeit in der EU und den wichtigsten Drittländern existieren.
Nach der Zusammenstellung der verschiedenen Gütesiegel und der Klassifizierung nach Thema und Aktionsbereich bewerteten die Expert:innen deren Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen der EU, wie sie im Europäischen Green Deal und insbesondere in der „Farm-to-Fork“-Strategie festgelegt sind.
Ein wesentliches Ergebnis dabei: Die existierenden Siegel sind sehr heterogen. Zwar erfüllen die Zertifizierungen insgesamt die in der europäischen Verordnung festgelegten Anforderungen, aber sie „erfüllen die Ziele nicht im gleichen Maße.“
Einige von ihnen, wie IP Sigill (Schweden), Leaf (England), Naturland (Deutschland) und Equalitas (Italien), weisen „ein breites Spektrum an Verpflichtungen“ auf und dürften „einen direkten oder hohen Beitrag zu fast allen Nachhaltigkeitszielen der EU leisten.“
Einige gehen dagegen spezifischer auf ein, zwei oder drei Ziele ein, wie Ressourcenmanagement, Umweltschutz, Tiergesundheit und Tierschutz, während andere sich speziell auf ein einziges Ziel konzentrieren, zum Beispiel den Tierschutz (Beter Leven in den Niederlanden und die Tierwohl-Initiative in Deutschland) oder das Klima (Label Bas-Carbone in Frankreich).
GAP-Umweltziele
Der Studie zufolge berücksichtigt „ein erheblicher Teil“ dieser Zertifizierungen die Umweltziele der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), insbesondere die Ziele im Zusammenhang mit guten landwirtschaftlichen Praktiken.
Die Expert:innen bemerken jedoch, dass die einbezogenen Praktiken je nach Zertifizierung sehr unterschiedlich sind und im Allgemeinen weniger als ein Viertel der 22 von der Europäischen Kommission aufgelisteten potenziellen landwirtschaftlichen Praktiken abdecken, die durch die Öko-Regelungen – Direktzahlungen, die Landwirt:innen für die Einhaltung umweltfreundlicher landwirtschaftlicher Praktiken belohnen – unterstützt werden könnten.
Einige von ihnen decken mehr als ein Drittel dieser guten Praktiken ab, wie im Fall von Naturland (68 Prozent), IP Sigill (50 Prozent), Beter Leven (41 Prozent) und HVE (36 Prozent).
Auf der Grundlage dieser Analyse befürworten die Verfasser:innen daher den Einsatz von Zertifizierungssystemen in den nationalen Strategieplänen der Mitgliedstaaten und plädieren für eine breitere Nutzung dieses Instruments, um „die Einführung oder Beibehaltung landwirtschaftlicher Praktiken, die von den Öko-Regelungen und den Agrar-Umwelt-Klimamaßnahmen (AECM) gefordert werden“, zu erreichen.
Kontrollmechanismen
Die meisten EU-Abgeordneten begrüßten während der Ausschusssitzung die Studie, einige warfen jedoch Fragen auf – unter anderem, wie der Privatsektor mit diesen Zertifizierungen umgeht.
Von den 198 Zertifizierungen wird nur ein Drittel von öffentlichen, nationalen oder supranationalen Stellen ausgestellt. Die spanische Abgeordnete Clara Aguilera García wies auf das „Risiko hin, dass es am Ende um Marketing für das Unternehmen geht, ohne dass der Verbraucher davon profitiert.“
Tanguy Chever, einer der drei Autor:innen der Studie, antwortete darauf: „Eigenmarken sind nicht nur Marketing und Werbung. Es ist möglich, dass die Gütesiegel von professionellen Organisationen verwaltet werden. Und sie können manchmal über die Vorschriften für den ökologischen Landbau hinausgehen, wenn die staatlichen Behörden dazu nicht bereit sind.“
„Die Kontrolle dieser Siegel muss gewährleistet sein. Aber wie? Durch wen?“ fragte der italienische Europaabgeordnete Herbert Dorfmann.
Die deutsche Europaabgeordnete Ulrike Müller schlug vor, dass der erste Schritt darin bestehen sollte, die Zertifizierungssysteme zu identifizieren, die am häufigsten verwendet werden und die vielversprechendsten sind, um die Umweltziele der EU zu erreichen.
„Kontrollen benötigen finanzielle Mittel, und wenn sie zusätzlich von der Kommission durchgeführt werden müssen, habe ich ein Problem damit“, sagte die Berichterstatterin und Chefunterhändlerin der GAP-Reform für den Bereich Finanzierung, Verwaltung und Kontrolle.
Während Gütesiegel und andere Qualitätszertifizierungen auf nationaler Ebene verwaltet und kontrolliert werden, ist dies bei privaten Zertifizierungen nicht der Fall.
Um das Risiko des Greenwashings – der Praxis, bei der sich Unternehmen gegenüber der Öffentlichkeit unberechtigterweise als umweltfreundlich und verantwortungsbewusst präsentieren – zu vermeiden, fordern die Autor:innen eine spezifische Bewertung der Anforderungen und der Umsetzung dieser Zertifizierungen.
Mehrwert
Die Expert:innen unterbreiteten eine Reihe von Vorschlägen für die Verknüpfung von Zertifizierungen mit GAP-Instrumenten: die Forderung nach einem Beitrag zu mindestens einem Umwelt- oder Klimaziel der GAP, obligatorische Anforderungen an einen „klaren Mehrwert“ oder die Einrichtung eines EU-Kontrollsystems.
Der niederländische Europaabgeordnete Bert-Jan Ruissen betonte den „Mehrwert“ dieser Zertifizierungen für die Landwirt:innen selbst. „Diese Initiativen zeigen ihr Verantwortungsbewusstsein. Der Landwirt erhält eine Belohnung für seine Bemühungen.“
Er betonte jedoch die Notwendigkeit, diese Leistungen zu erhöhen. „Die Landwirte müssen viele Anforderungen erfüllen, und die finanzielle Belohnung fehlt manchmal“, sagte er.
Das sei eine komplexe Angelegenheit, antwortete Chever. „Wir haben einen Mehrwert festgestellt, vor allem bei spezifischen Anforderungen wie geografischen Angaben oder biologischem Anbau. Es eröffnen sich Möglichkeiten, das Einkommen steigt. Aber wenn die Labels breiter angelegt sind, ist der Mehrwert geringer oder sogar gleich null.“
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]