So unterschiedlich stehen Portugal und Spanien zu nachhaltigem Fleischkonsum

Die Iberische Halbinsel ist eine kulinarische Wundertüte und konsumiert im EU-Vergleich mit am meisten Fleisch. Die weltweite Diskussion über tierische Produkte und den Klimawandel ist heiß - so unterschiedlich reagieren Spanien und Portugal. 

/ EURACTIV.com
Bolhao Market In Porto
Während die globale Debatte über tierische Produkte und das Klima sich zuspitzt, haben Spanien und Portugal unterschiedliche Vorgehensweisen. [NurPhoto/Getty Images]

Die Iberische Halbinsel ist eine kulinarische Wundertüte und konsumiert im EU-Vergleich mit am meisten Fleisch. Die weltweite Diskussion über tierische Produkte und den Klimawandel ist heiß – so unterschiedlich reagieren Spanien und Portugal. 

Essgewohnheiten sind mittlerweile hochpolitisch. Über 80 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen EU-Treibhausgasemissionen stammen aus der Viehzucht. Die WHO will eine Umstellung auf eine „pflanzenbasiertere Ernährung“. Die Europäische Union hängt stark für die Produktion von Tiernahrung stark von Importen proteinreicher Pflanzen, wie Sojabohnen, ab.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich auf die iberische Halbinsel zu schauen: Portugal beispielsweise macht einen großen Schritt in Richtung einer „grüneren Ernährung“. Nach Dänemark ist es das zweite EU-Land, das eine nationale Strategie zur Förderung pflanzlicher Lebensmittel einführen will.

Im Rahmen eines neuen nationalen Energie- und Klimaplans will Lissabon eine „kohlenstoffarme Ernährung“ mit weniger Konsum von tierischen Proteinen fördern. So sollen die Emissionen aus dem Agrarsektor reduziert und eine gesündere Ernährung unterstützt werden.

„Das ist sehr mutig“, sagte Joana Oliveira, Direktorin der ProVeg Portugal. Die NGO setzt sich für ein „pflanzenbetontes Ernährungssystem“ ein.

Interessant ist: Die portugiesische Regierung wird von der konservativ-liberale „Volkspartei“ (PPD-PSD) angeführt, die Teil der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) ist. Die EVP wiederum hat sich lange Zeit geweigert, überhaupt an einer Debatte über die Reduzierung von tierischem Eiweiß aus Nachhaltigkeits- oder Gesundheitsgründen teilzunehmen.

EU-weiter Rahmen für nachhaltige Ernährung liegt auf Eis

Auch das politische Klima ist nicht gerade freundlich, wenn es um Veränderung geht.

Unter dem Druck der Bauernproteste und der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament hat die EU-Kommission im vergangenen Jahr ihre Pläne für einen EU-weiten Rahmen für nachhaltige Ernährung auf Eis gelegt.

Erst vor Kurzem forderte eine EU-Beratergruppe eine stärkere Produktion von Pflanzenproteinen und eine geringere Abhängigkeit von tierischen Produkten.

Doch die Kommission ignorierte diesen Rat in einer letzte Woche veröffentlichten Strategie weitgehend und vermied ausdrückliche Verpflichtungen bezüglich einer Strategie für pflanzliche Proteine.

Der portugiesische EU-Abgeordnete Paulo Do Nascimiento Cabral (EVP), sagte gegenüber Euractiv, dass Brüssel sich von Lissabons Ansatz inspirieren lassen könnte. Seiner Meinung nach sei er in einer „ausgewogenen und integrativen Ernährungspolitik“ verwurzelt.

Spanien zwischen Fleisch und Identitätspolitik

In Spanien, einer der letzten linken Bastionen Europas, könnte die Situation nicht unterschiedlicher aussehen als im Nachbarland Portugal.

Die Debatte über die Umweltauswirkungen von Fleisch erreichte erst 2021 die bereite Öffentlichkeit. Der sozialdemokratische spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez widersprach öffentlich seinem Verbraucherminister Alberto Garzón. Dieser hatte die Umweltauswirkungen der Massentierhaltung und die negativen gesundheitlichen Auswirkungen eines hohen Fleischkonsums angeprangert, aber nie eine vegetarische Ernährung gefordert.

Sánchez‘ Antwort dürfte den Spaniern als eines seiner berühmtesten Zitate im Gedächtnis geblieben sein: „Für mich ist ein perfekt zubereitetes, noch leicht blutiges Chuletón (Steak) unschlagbar.“

Landwirtschaftsminister Luis Planas hatte nachgelegt. Kommentare zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Fleisch seien „genauso falsch, wie Zucker tödlich ist“.

Für Samuel Brea, einen spanischen Forscher am Leipziger Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO), ist die konservative Haltung der fortschrittlichsten Regierung Europas in Bezug auf Lebensmittel eng mit der Identitätspolitik verbunden.

„Fleisch ist Teil der nationalen Identität […]. Wenn man keinen Jamón isst, ist es fast so, als wäre man kein Spanier“, sagte Brea. „Es ist schwierig, dagegen anzukommen, besonders in der Politik. Da gibt nur wenig zu gewinnen.“

Es gehe jedoch nicht nur um die spanische Identität, erklärte er. Auch in regionalen Küchen sind auf Fleisch basierende Gerichte fest verankert, angefangen bei Cachopo aus Kalbfleisch in Asturien bis hin zu Fuet in Katalonien.

„Ich denke, dass die Politik hier die Gesellschaft gut widerspiegelt. Wir befinden uns nicht wirklich in einer Situation, in der die spanische Gesellschaft mehr Maßnahmen fordert“, so der Forscher.

Was darf Wurst genannt werden?

Madrid ist weit davon entfernt, eine Umstellung auf eine stärker pflanzenbasierte Ernährung zu unterstützen. Die im Dezember vorgestellte neue nationale Lebensmittelstrategie erkennt nur zaghaft einige Verbrauchertrends an, die Alternativen zu Fleisch und Milchprodukten begünstigen.

Aus der Strategie geht hervor, dass spanische Verbraucher zunehmend Fleischalternativen wählen, angetrieben von „Gesundheits-, Umwelt- und Tierschutzbedenken“. Produkte wie Tofu und Seitan sind seit 2018 um 55 Prozent gestiegen.

Eine umweltfreundlichere Ernährung wird nur einmal subtil erwähnt: Der aufstrebende Sektor für pflanzliche Lebensmittel müsse aufgrund der steigenden Nachfrage „seinen Platz auf dem Markt haben.“ Es werden aber keine Zusagen getroffen, um die heimische Produktion zu steigern oder den Zugang zu solchen Produkten zu verbessern.

Andere EU-Länder führen den Vorstoß für pflanzliche Lebensmittel an – Madrid hat einen gegensätzlichen Weg eingeschlagen. Spanien ist eines der ersten Länder, das gesetzliche Beschränkungen für die Verwendung von Begriffen wie Burger oder Wurst für vegetarische Ersatzprodukte eingeführt.

Man erinnere sich an die „Veggie-Steak-Ban“-Saga in Frankreich. Der Europäische Gerichtshof hatte im Oktober entschieden, dass eine französische Verordnung, die die Benennung von pflanzlichen Produkten mit „Steak“ oder „Filet“ verbot, nicht mit EU-Recht konform war.

Madrid hat schon zehn Jahre vorher, im Jahr 2014, ein Gesetz verabschiedet, das mehr als 80 Fleischprodukte definierte – und Begriffsverwendungen für pflanzliche Alternativen so effektiv verbot.

Nun will Spanien noch weiter gehen. Es soll geprüft werden, ob das Gesetz im Nachgang des EuGH-Urteils modernisiert werden müsse, teilten Quellen des spanischen Landwirtschaftsministeriums gegenüber Euractiv mit.

Alles eine Frage der Darstellung

Für Forscher Brea liegt der Schlüssel zur Verhinderung einer reaktionären Antwort auf Maßnahmen wie den portugiesischen in der Darstellung der Änderungen. Vor allem gehe es darum, den Fleischsektor nicht als Schuldigen darzustellen.

Der portugiesische EU-Abgeordnete Do Nascimiento Cabral erklärte, Portugal werde „die Koexistenz verschiedener Nahrungsquellen“ sicherstellen und Fleisch und Fisch nicht ausschließen, denn sie seien „wesentliche Bestandteile“ des kulturellen und kulinarischen Erbes des Landes.

Portugals Regierung verpflichtet sich, die Produktion und den Verzehr von Hülsenfrüchten zu fördern., denn das könne dazu beitragen, „die Selbstversorgung mit Agrarerzeugnissen und die Ernährungssouveränität sicherzustellen“.

Das Konzept hat in der EU an politischer Zugkraft gewonnen und könnte als Wink mit dem Zaunpfahl auf die Rolle der Landwirte bei der Landesernährung verstanden werden.

NGOs sehen in dem neuen Plan eine Chance für den Agrarsektor. „Hülsenfrüchte sind tief in der portugiesischen Esskultur verwurzelt, doch das Land produziert nur 14 Prozent der Hülsenfrüchte, die es konsumiert“, erklärte NGO-Direktorin Oliveira. „Dies bietet den Landwirten eine klare Möglichkeit, die Produktion zu steigern.“

Die portugiesischen Landwirte zeigen sich weniger begeistert mit der Begriffswahl der Regierung. Der Verband der portugiesischen Landwirte begrüßte zwar Maßnahmen zur Produktionssteigerung von Pflanzenproteinen, lehnte es jedoch ab, dass dies „zu Lasten“ von tierischen Proteinen geschieht.

Während man auf die Umsetzung der neuen Strategie wartet, sollten die 20 Jahre alten Ernährungsrichtlinien aktualisiert werden und Alternativen wie Tofu und pflanzliche Getränke aufnehmen, meint Oliveira.

In anderen EU-Staaten haben sich die Ernährungsempfehlungen bereits in diese Richtung bewegt.

Brea sieht darin eine Chance, in Vergessenheit geratene spanischen Kochtraditionen wiederzubeleben. „Tradition muss nicht Chorizo und Morcilla [Blutwurst] sein, sondern ein Kichererbseneintopf oder gebratene Auberginen aus Córdoba sind Tradition in ihrer besten Form.“

[ADM/VB]