Städte sind für Menschen da
Stadtentwicklungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie Menschen anziehen, sagt der Ingenieur Matthew Kitson im Interview. Dazu müssen die Mischung der Nutzungen und die Infrastruktur stimmen. Und es braucht öffentliche Räume, in denen sich die Menschen gern aufhalten.
Stadtentwicklungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie Menschen anziehen, sagt der Ingenieur Matthew Kitson im Interview. Dazu müssen die Mischung der Nutzungen und die Infrastruktur stimmen. Und es braucht öffentliche Räume, in denen sich die Menschen gern aufhalten.
Zur Person
Matthew Kitson ist Direktor für Nachhaltigkeit bei Hilson Moran, ein Ingenieurbüro mit Filialen in Grossbritannien, Frankreich, Italien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Von den rund 250 Mitarbeitern arbeiten knapp 50 Mitarbeiter in Kitsons Abteilung.
Das Interview führte Steffen Klatt, Redakteur des EURACTIV.de-Partnerportals Nachhaltigkeit.org, wo der Text zuerst erschien.
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KLATT: Ist nachhaltige Stadtentwicklung mehr als ein Modethema?
KITSON: Es ist ein wichtiges Thema. Viele Stadtbehörden nehmen es sehr ernst. Nehmen Sie das Beispiel Mailand. Die Stadtverwaltung ist sich bewusst, dass die Luftverschmutzung sehr hoch ist. Sie entwickelt deshalb Projekte für eine bessere Steuerung des Verkehrs und setzt diese Projekte auch um. Auch in Grossbritannien ist Stadtentwicklung ein grosses Thema. Schauen Sie sich die Greenwich-Halbinsel in London an. Das ist ein phantastisches Beispiel für die Wiederbelebung von städtischen Brachen.
KLATT: Wo ist das Interesse an nachhaltiger Stadtentwicklung derzeit am grössten?
KITSON: Im Mittleren Osten. Die Wirtschaftskrise war ein grosser Schock für die Staaten am Golf. Für mich war es sehr aufschlussreich, kürzlich in die Überarbeitung des Masterplans für Yas Island (neuer Stadtteil von Abu Dhabi mit Formel-1-Rennstrecke, die im November 2009 eröffnet worden ist, Red) einbezogen gewesen zu sein. Jetzt wurde auch über diejenigen nachgedacht, die dort leben sollen. Vor zwei Jahren hätte man einfach gesagt, dass dort 60000 Menschen leben sollen.
Auch das Projekt von Grand Paris ist sehr interessant, die Einbeziehung der Gemeinden rund um Paris in die Stadtplanung. Generell nehmen Entwickler wie Politiker Stadtplanung nun ernst. Es geht nicht mehr nur darum, Häuser zu bauen. Jetzt wird auch daran gedacht, was dazwischen passiert. In diese Überlegungen werden auch Ökonomen einbezogen, und das ist sehr sinnvoll.
Nachhaltigkeit von Stadtentwicklungen: ungefähr 80 Kriterien
KLATT: Was sind die treibenden Kräfte der nachhaltigen Stadtentwicklung?
KITSON: Das sind die Leute, die in die neuen Stadtteile ziehen, Wohnungen kaufen, ihre Geschäfte einrichten wollen. Sie fragen sich, ob sie dort Erfolg haben werden.
KLATT: Was ist das Geheimnis? Wie kann ein städtischer Raum lebenswert gemacht werden?
KITSON: Das ist eine komplexe Frage. Wir haben deshalb SBETool entwickelt, ein Instrument, um die Nachhaltigkeit von Stadtentwicklungen zu beurteilen. Man muss sich ungefähr 80 Kriterien anschauen. Das reicht von der Herstellung von Lebensmitteln über Geschäften zu Gemeindezentren; es geht auch darum, ob die Strassen fussgängertauglich sind. Bisher wurde in der Regel nur ein gutes Drittel all jener Kriterien angeschaut, die einbezogen werden müssen.
KLATT: Wenn es so viele Kriterien gibt, wo muss man anfangen?
KITSON: Es beginnt auf der Ebene der Behörden. Sie müssen die Vision für ihre Stadt vorgeben. London ist dafür ein gutes Beispiel. Sowohl der jetzige wie der vorhergehende Bürgermeister haben sich sehr stark um die Entwicklung des öffentlichen Raums gekümmert. An der London Bridge war vor wenigen Jahren noch nichts. Jetzt gibt es dort eine Mischung aus Büros, Wohnungen, Freizeitmöglichkeiten. Und es gibt Plätze, an denen sich die Menschen gern aufhalten.
"Es macht keinen Sinn, eine Ikone im Nichts zu bauen"
KLATT: Kann man jede Industriebrache in einen Treffpunkt tausender Menschen umwandeln?
KITSON: Man kann, ja. In London haben Sie das Beispiel von Canary Wharf. Die alten Docks wurden nach dem Krieg kaum noch genutzt. Ein paar Visionäre sagten, wir entwickeln dieses Gebiet. Canary Wharf ist heute mehr als Hochhäuser und Büros. Es gibt dort Schulen, Einkaufszentren, die Leute leben dort. Es hat zwanzig Jahre gebraucht, aber das Viertel ist jetzt ein Erfolg.
KLATT: Wenn es solche Erfolge gibt, warum bauen dann Architekten immer noch Ikonen, ohne sich um den Raum rund um ihre Gebäude zu kümmern?
KITSON: Das müssen Sie solche Architekten fragen. Es macht keinen Sinn, eine Ikone oder ein Hochhaus mitten im Nichts zu bauen. Im richtigen Zusammenhang dagegen können solche Ikonen durchaus ihre Wirkung entfalten. Das gleiche gilt für Hochhäuser. Ein gutes Beispiel dafür ist Hongkong.
KLATT: Und ein schlechtes Beispiel, was in manchen Golfstaaten geschehen ist, etwa Dubai?
KITSON: Im Mittleren Osten hat man wiederholt den Fehler gemacht, Ikonen in den Sand zu setzen, ohne dass sie in einem räumlichen Zusammenhang standen. Nun kauft dort niemand Wohnungen. Es gibt für potentielle Interessenten keinen Grund, dort zu wohnen oder ein Büro einzurichten. Es ist ganz simpel: Städte sind für Menschen da. Man muss Orte schaffen, an denen die Menschen gern leben wollen.
KLATT: Was sind für Sie Beispiele nachhaltiger Städte?
KITSON: Kopenhagen und London. Beide Städte haben sich mehrfach neu erfunden und verfügen über eine gute Infrastruktur. In Kopenhagen sind die Organisation und die Mischung des Verkehrs phantastisch. Die Stadt ist fahrradtauglich gebaut. London hat es geschafft, sich als Finanzzentrum zu behaupten. Es gibt viele Orte, an denen sich die Leute gern aufhalten, der Verkehr ist organisiert.
Interview: Steffen Klatt (Nachhaltigkeit.org)