Steigende Energiepreise: EU-Gartenbausektor ringt um Sicherung der Ernte

Steigende Energiekosten setzen den europäischen Gartenbausektor kurz vor Beginn der Ernte stark unter Druck. Manche Unternehmen erwägen nun, ihre Pflanzen einfach verrotten zu lassen, statt sie abzuernten - und sie künftig möglicherweise nicht einmal mehr anzubauen.

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Die Energierechnungen in der Branche sind bis zum 12-fachen ihres Durchschnitts angestiegen. Ein belgischer Landwirt berichtete, dass seine jährliche Rechnung von 3.000 Euro in diesem Jahr auf mehr als 50.000 Euro in die Höhe geschnellt sei. [ [EPA-EFE]]

Steigende Energiekosten setzen den europäischen Gartenbausektor kurz vor Beginn der Ernte stark unter Druck. Manche Unternehmen erwägen nun, ihre Pflanzen einfach verrotten zu lassen, statt sie abzuernten – und sie künftig möglicherweise nicht einmal mehr anzubauen.

Während die Debatten zur Lebensmittelproduktion auf EU-Ebene eher auf Getreide und Tierhaltung fokussierten, bleibe der Obst- und Gemüsesektor „der Schlüssel für die Ernährungssicherheit in der EU“, so Luc Vanoirbeek, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Obst und Gemüse des EU-Bauernverbands COPA-COGECA.

„Viele Menschen sind von diesem Sektor abhängig – aber wir müssen dieses Jahr überleben“, sagte er gegenüber EURACTIV und betonte, dass die Produktionskosten zwar auf ein Rekordhoch gestiegen seien, die Verkaufspreise jedoch „nicht mitziehen.“

Die Energiekosten in der Branche sind bis zum Zwölffachen des Durchschnitts angestiegen. Ein belgischer Landwirt berichtete beispielsweise, dass seine jährliche Rechnung von 3.000 Euro in diesem Jahr auf mehr als 50.000 Euro in die Höhe geschnellt sei.

Laut Vanoirbeek wirken sich die rasant steigenden Energiekosten in dreifacher Hinsicht aus.

Auf der Produktionsseite wurden Produktionsfaktoren wie Energie und die Instandhaltung der Gewächshäuser deutlich teurer.

In Verbindung mit der rekordverdächtigen Hitzewelle in diesem Sommer ist das Volumen einiger Produkte, wie beispielsweise Tomaten, um bis zu 20 Prozent zurückgegangen.

Doch nun, da die Erntesaison für die 12 Millionen Tonnen Äpfel und 2 Millionen Tonnen Birnen in der EU in vollem Gange ist, stehen die Erzeuger:innen vor einer weiteren Hürde – der effektiven Lagerung dieser Obstsorten.

„Die Leute müssen entscheiden, was sie in der kommenden Woche tun wollen – die Birnen sind gepflückt, und sie müssen gelagert werden, sonst sind sie nicht mehr zu gebrauchen“, sagte Vanoirbeek gegenüber EURACTIV.

Von dem Moment an, in dem das Obst oder Gemüse geerntet wird, muss es kühl gelagert werden, damit es nicht verdirbt, doch die Kühlung hat einen hohen Energieverbrauch.

Die seit Monaten andauernde Notlage hat die Erzeuger:innen vor schwierige Entscheidungen gestellt, und einige haben sich in den sozialen Medien zu Wort gemeldet, um auf den Ernst ihrer Lage hinzuweisen.

„Nächste Woche müssen wir uns entscheiden, ob wir weiter unter Verlusten ernten oder alles verrotten lassen, Äpfel, Birnen und den Rest“, schrieb ein Landwirt auf LinkedIn in einem Beitrag mit dem Titel ‚Chronik eines sicheren Todes‘.

Schon jetzt geht weltweit ein Drittel der für den menschlichen Verzehr produzierten Lebensmittel verloren oder wird verschwendet, was überwiegend auf unzureichende Lösungen für die Lagerung oder auf ineffiziente Lieferketten zurückzuführen ist.

Die Warnung kommt inmitten wachsender Sorgen um die Ernährungssicherheit aufgrund der Versorgungsunterbrechungen durch den Krieg in der Ukraine.

Doch für Vanoirbeek ist Verschwendung keine Option.

„Ich habe Landwirte sagen hören, dass sie nicht mehr ernten wollen, aber das ist keine Alternative“, sagte er.

Intelligente Lösungen

Stattdessen setzt Vanoirbeek auf einige innovative Lösungen, um die Ernte zu retten. Dazu gehören kürzere, intelligentere Kühlsysteme und ein schnellerer Verkauf – aber auch das wird durch Unterbrechungen in der Lieferkette behindert.

„Wir werden versuchen müssen, die Ernte zu den aktuellen Preisen sofort zu verkaufen – aber andererseits sehen wir, dass der Verkauf und die Vermarktung angesichts der gestörten Exportströme im Moment wirklich schwierig sind“, sagte er.

Einige EU-Länder, wie zum Beispiel Polen, haben in diesem Jahr eine Rekordernte von Äpfeln verzeichnet.

Unter normalen Umständen würde ein großer Teil davon in die benachbarte Ukraine und nach Belarus exportiert werden, aber in diesem Jahr müssen sie nun innerhalb des EU-Binnenmarktes einen Platz finden.

„Im Grunde genommen befinden wir uns in einer Situation, in der die Kosten steigen, die Exporte zurückgehen und der Verbrauch sinkt“, so Vanoirbeek abschließend.

Eine Zukunft voller Ängste

Zwar haben einige Länder, wie etwa Belgien, den Kleinerzeugern eine gewisse finanzielle Unterstützung angeboten, doch diese sei weitgehend „symbolisch“, so Vanoirbeek.

Und während sich der Sektor derzeit bereits im Krisenmodus befinde, liege die wahre Sorge in der Zukunft, warnte er.

„Im Moment haben viele [Erzeuger] langfristige Verträge bis 2023-2024, sodass sie noch nicht die volle Wucht der steigenden Preise zu spüren bekommen haben“, sagte er.

Aber mit Blick auf die Zukunft machten sich viele Gedanken über ihre Zukunft in der Branche.

„Sie denken jetzt darüber nach, was sie in der nächsten Anbausaison tun werden, ob sie weiter anbauen werden oder nicht“, sagte er und betonte, dass es anders als in früheren Krisenzeiten „kein Licht am Ende des Tunnels“ zu sehen sei.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]