Ungarische Ratspräsidentschaft will "kulinarische Tradition" der EU verteidigen
Auf Initiative Budapests werden die EU-Landwirtschaftsminister am Montag (15. Juli) darüber diskutieren, ob Insekten, pflanzenbasierte Lebensmittel oder im Labor gezüchtetes Fleisch die kulinarischen Traditionen Europas gefährden könnten.
Auf Initiative Budapests werden die EU-Landwirtschaftsminister am Montag (15. Juli) darüber diskutieren, ob Insekten, pflanzenbasierte Lebensmittel oder im Labor gezüchtetes Fleisch die kulinarischen Traditionen Europas gefährden könnten.
Nächste Woche treffen sich die 27 EU-Landwirtschaftsminister im Rahmen der Tagung des Rates für Landwirtschaft und Fischerei (AGRIFISH). Laut einem Vermerk der ungarischen Ratspräsidentschaft, der an die EU-Delegationen verteilt und von Euractiv eingesehen wurde, werden sie während des Mittagessens einen informellen Meinungsaustausch darüber führen, ob Insekten, pflanzenbasierte Lebensmittel oder Fleisch aus dem Labor die kulinarischen Traditionen Europas gefährden.
In dem Dokument betonte die ungarische Ratspräsidentschaft, dass Fleisch und Milchprodukte trotz eines starken Anstiegs des Konsums von pflanzenbasierten Alternativen ein Eckpfeiler der europäischen Esskultur bleiben.
Wenn wir über europäische Lebensmitteltraditionen sprechen […], denken wir an Roquefort, Paella, Pierogi, Pizza […]“, heißt es in dem Dokument. Darin werden die Mitgliedstaaten eingeladen, auf der Tagung des Rates für Landwirtschaft und Fischerei (AGRIFISH) in der kommenden Woche an einer Debatte über Ernährungsgewohnheiten teilzunehmen.
Nach Angaben der Europäischen Kommission hat sich der Konsum von pflanzenbasierten Alternativen zu Fleisch-, Milch- und Meeresfrüchteprodukten seit 2011 verfünffacht und wird voraussichtlich weiter steigen.
Die ungarische Ratspräsidentschaft wies auch darauf hin, dass in der EU etwa 200 „neuartige Lebensmittel“ zugelassen wurden und „mehrere hundert Anträge“ bearbeitet werden.
Nach EU-Recht sind neuartige Lebensmittel „alle Lebensmittel, die [vor Mai 1997] nicht in ’signifikantem‘ Umfang konsumiert wurden.“ Diese Kategorie umfasst innovative Lebensmittel, Substanzen und Erzeugungsmethoden, aber auch Lebensmittel, die in anderen Teilen der Welt als traditionell gelten.
Ungarn betonte jedoch, dass „die traditionelle Lebensmittelerzeugung und der traditionelle Lebensmittelkonsum Teil unserer europäischen Lebensweise sind.“ Die Ratspräsidentschaft hob hervor, dass die Bürger diesen Innovationen weiterhin skeptisch gegenüberstünden.
Letztes Jahr hat Italien ein nationales Verbot des Verkaufs von im Labor gezüchtetem Fleisch beschlossen (aber nie durchgesetzt), obwohl diese Produkte auf EU-Ebene noch nicht zugelassen sind.
Im Januar gehörte Ungarn zu den Mitgliedstaaten, die ein von Österreich, Frankreich und Italien verfasstes Dokument unterstützten, in dem argumentiert wurde, dass im Labor gezüchtetes Fleisch eine Bedrohung für „echte Lebensmittelerzeugungsmethoden“ darstelle.
Um die Diskussion zu steuern, fragte die ungarische Ratspräsidentschaft die Landwirtschaftsminister, ob pflanzliche Alternativen zu tierischen Produkten „eine bedeutende Rolle in der EU-Landwirtschaft spielen sollten.“ Dabei sollten die Konsumtrends und die Tatsache berücksichtigt werden, dass die Bürger „zumindest in einigen Regionen“ zögerlich seien, ihre Ernährungsgewohnheiten „grundlegend zu ändern.“
Ein EU-Diplomat erklärte gegenüber Euractiv, dass das informelle Mittagessen eine Möglichkeit sein könnte, die Diskussion über Beschränkungen für im Labor gezüchtetes Fleisch zu eröffnen. Es wird erwartet, dass Italien und Polen diesen Schritt unterstützen werden.
Eine andere diplomatische Quelle aus dem Umfeld der Verhandlungen sagte, der Rahmen der Gespräche sei kein „neutraler Weg, um die Diskussion zu beginnen.“
„Es ist eindeutig die ungarische Agenda, die hier vorangetrieben wird“, fügte er hinzu.
Der Quelle zufolge würde Budapest, wenn es die Wettbewerbsfähigkeit der EU stärken wolle, nicht versuchen, die Innovation zu „töten“ und die Position der Union im Vergleich zu Staaten wie den USA und Singapur, die in Laborfleisch investieren, zu „schwächen.“
„Wie soll Europa ohne innovative Methoden die Lebensmittelsicherheit gewährleisten?“, fragte die Quelle. Dabei verwies sie auf die potenzielle Rolle der Innovation bei der Deckung der künftigen Nachfrage nach tierischem Eiweiß.
[Bearbeitet von Angelo Di Mambro/Rajnish Singh/Kjeld Neubert]