Uran - "Problematische Versorgungslage"

Für den weltweiten Ausbau der Atomkraft fehlt es an Uran, erklärt die Grünen-Energieexpertin Astrid Schneider im EURACTIV.de-Interview. Die Importabhängigkeit der EU sei immer wieder verschleiert worden. Die Förderung in Zentralasien und Afrika sei hochproblematisch.

Wartungsarbeiten im Kernkraftwerk Krümmel. Das Uran für die Brennelemente wird weltweit knapp. Abbaustaaten in Afrika werden mit den hochgiftigen Resten allein gelassen, sagt die Berliner Abgeordnete Astrid Schneider (Bündnis 90 / Grüne). Foto: dpa.
Wartungsarbeiten im Kernkraftwerk Krümmel. Das Uran für die Brennelemente wird weltweit knapp. Abbaustaaten in Afrika werden mit den hochgiftigen Resten allein gelassen, sagt die Berliner Abgeordnete Astrid Schneider (Bündnis 90 / Grüne). Foto: dpa.

Für den weltweiten Ausbau der Atomkraft fehlt es an Uran, erklärt die Grünen-Energieexpertin Astrid Schneider im EURACTIV.de-Interview. Die Importabhängigkeit der EU sei immer wieder verschleiert worden. Die Förderung in Zentralasien und Afrika sei hochproblematisch.

ZUR PERSON

" /Astrid Schneider ist Mitglied des Berliner Abgeordneten- hauses (MdA) und Mitautorin des Buches ‚Störfall Atomkraft‘ (Koch/Schneider/Kappler 2010). Schneider ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Energy Watch Group und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Energie von Bündnis 90 / Die Grünen. Die Architektin ist außerdem Sprecherin für Verbraucherpolitik im Berliner Abgeordnetenhaus für Bündnis 90 / Die Grünen.
____________

EURACTIV.de: Es gibt immer wieder Verwirrung darüber, wie lange die Uranvorräte der Erde noch reichen. "Neueste Daten zeigen die langfristige Sicherheit der Uranversorgung", hieß es Ende Juli von Seiten der OECD Nuclear Energy Agency (NEA). Nun sprechen Sie mit Blick auf denselben Bericht von einer rapiden Verknappung des Brennstoffs…

SCHNEIDER: Bei den verschiedenen Atomenergie-Agenturen gibt es große Unstimmigkeiten zwischen den Detailanalysen auf der einen Seite und deren Zusammenfassungen auf der anderen Seite. In Pressestatements werden die Aussagen der Analysen verzerrt dargestellt. Dieselben Publikationen führen deshalb zu einem widersprüchlichen und verwirrenden Bild in der Öffentlichkeit. Der Uranmarkt ist kaum transparent. Es gibt nur fünf maßgebliche Uranhändler weltweit.

EURACTIV.de: Welches Bild haben Sie sich gemacht?

SCHNEIDER: Das sogenannte "Red Book" zur Uranversorgung ("Uranium 2009: Resources, Production and Demand", Red.), herausgegeben von der OECD Nuclear Energy Agency (NEA) und der International Atomic Energy Agency (IAEA), zeigt bei genauerem Hinsehen eine problematische Versorgungslage. Es wird gezeigt, dass die zu erwartende Uranproduktion aus den bestehenden und geplanten Kapazitäten nicht ausreicht, um einen massiven Ausbau der Atomkraft zu ermöglichen. Das angestrebte Szenario mit dem größten Ausbau könnte mit den momentanen und geplanten Uran-Kapazitäten im Jahr 2035 nur zu 49 Prozent abgedeckt werden. Derzeit planen China und Indien den massiven Ausbau der Atomkraft. Es könnte wieder zu Preisexplosionen kommen. Zwischen 2003 und 2007 stieg der Uranpreis um 1300 Prozent.

Uranknappheit: Reaktoren könnten abgeschaltet werden


EURACTIV.de:
Betrifft die Verknappung die deutsche Debatte um die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke?

SCHNEIDER:
Schwarz-Gelb diskutiert eine Verlängerung bis 2035. Zu diesem Zeitpunkt ist Uran in jedem Fall noch knapper und teurer als heute. Das "Red Book" zeigt, dass das preiswerteste Uran am Markt in den vergangenen zwei Jahren um 73 Prozent abgenommen hat. Dafür hat man eine Kategorie mit Uran für bis zu 260 US-Dollar pro Kilogramm neu geschaffen – in den letzten 30 Jahren zählten solche Vorkommen gar nicht zu den abbaubaren Reserven.

EURACTIV.de: Es wird schon heute mehr Uran verbraucht, als gefördert wird…

SCHNEIDER: Schon seit Beginn der 90er Jahre können die Uranminen den aktuellen Bedarf nicht decken. Der Rest kommt aus Lagerbeständen. Die  Lagerbestände kommen zu einem großen Teil aus abgerüsteten russischen Atomraketen. Ab 2013 wird Russland die Lieferung von Uran aus abgerüsteten Waffen an die USA einstellen. Dann entsteht schlagartig eine Lücke von mehr als 10 Prozent des heutigen Weltbedarfes. In manchen Ländern könnten Reaktoren schlichtweg abgeschaltet werden müssen. Indien hat heute schon Probleme, genügend Uran zu bekommen.

Atomwirtschaft drängt nach Zentralasien und Afrika

EURACTIV.de: 2009 bezog die EU mehr als 97 Prozent seiner Uranlieferungen aus dem EU-Ausland. Die Euratom Supply Agency (ESA) empfiehlt der EU aufgrund der Importabhängigkeit eine weitere Diversifizierung der Bezugsquellen….

SCHNEIDER: Diese Importabhängigkeit wurde immer wieder verschleiert. Der frühere CSU-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos und der frühere EU-Energiekommissar Andris Piebalgs sagten sogar, die Atomenergie vermindere die Abhängigkeit von Importen. Das war völliger Unsinn. Auch die Diversifizierung ist kritisch zu bewerten.

EURACTIV.de: Warum?

SCHNEIDER: Die Atomwirtschaft versucht, die Förderung in politisch unsicheren Ländern wie Kasachstan und Usbekistan hochzufahren. Bei der Förderung hat sich Kasachstan 2009 an die Spitze gesetzt und will den Abbau noch weiter steigern. Dort wurde vor zwei Jahren der Chef der staatlichen Atomagentur verhaftet, weil er angeblich ohne Erlaubnis der Führung Lizenzen für Uranbergwerke an ausländische Unternehmen vergeben hat.

Das zeigt, mit welchen Verhältnissen man es hier zu tun hat. Den jüngsten Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Kasachstan konnte man mit dem Motto versehen: "Shopping für die Laufzeitverlängerung". Auch die Chinesen wollen das kasachische Uran. Konflikte um die Rohstoffe machen Zentralasien zum Pulverfass. Afghanistan, Usbekistan und Kirgisien mit ihren Konflikten sind unmittelbar in der Nachbarschaft. Kasachstan liegt mitten in der berühmten ’strategischen Ellypse‘, in der auch zwei Drittel der bekannten Öl- und Gasvorräte liegen.

Abbaustaaten werden allein gelassen


EURACTIV.de:
In Afrika soll die Förderung ebenfalls hochgefahren werden.

SCHNEIDER: Das ist sehr problematisch. In Staaten wie Namibia gibt es keine Umweltgesetzgebung. In den meisten afrikanischen Staaten gibt es keine Strahlenschutzgesetze. Der größte afrikanische Uranlieferant Niger, eines der ärmsten Länder des Kontinents, hat nicht einmal eine eigene Atombehörde. Der französische Staatskonzern Areva, die dort das Uran abbaut, überprüft die Gesundheit seiner Arbeiter selbst. Eine unabhängige Kontrolle gibt es nicht. Die Bergbaustadt Arlit ist nicht weit entfernt von den Uranminen. Uranhaltiger Staub wird in die Stadt geweht. Das Trinkwasser hat stark erhöhte Uranwerte. Die Gesundheit der lokalen Bevölkerung ist stark gefährdet. Uran ist ein toxisches Schwermetall, das Krebs erregt.

Inzwischen wird sich Niger, aus dem 10 Prozent der EU-Uranimporte stammen, der riesigen Probleme bewusst. Als die neue nigerianische Regierung begann, die Förderbedingungen für die größte Uranmine Afrikas mit Areva nachzuverhandeln, setzte Areva den Ausbau der Mine kurzerhand aus. Würden alle Folgekosten des Abbaus einbezogen, wäre Uran noch sehr viel teurer als heute. Die Wahrheit ist, dass wir die Uranabbaustaaten mit den hoch giftigen Abbauüberresten heute einfach alleine lassen.

Interview: Alexander Wragge

Hinweis

Das Buch ‚Störfall Atomkraft‘ von Karl-W. Koch, Astrid Schneider, Ralph Thomas Kappler (Hg.) ist 2010 im VAS-Verlag erschienen.

Grafiken zur Uranversorgung:

Initiates file download
Herkunft des Urans 2009 – Anteile der Förderländer

Initiates file downloadHerkunft des Urans 2009 in 1000 Tonnen

Initiates file downloadVergleich Urangewinnung und Uranbedarf Atomreaktoren weltweit

Links


Euratom Supply Agency (ESA):
Annual report 2009 (August 2010)

EU-Kommission: Nuclear Observatory. Nuclear News Digest. Nachrichten zum Atomsektor

EU-Kommission: Generaldirektion Energie. Übersicht zur Atomenergie

OECD Nuclear Energy Agency (NEA): Internetseite

OECD Nuclear Energy Agency (NEA): Latest data shows long-term security of uranium supply (20. Juli 2010

U.S. Energy Information Administration (EIA): Bericht zur Uranversorgung in den USA (2008)

NGO’s:

uranium-network.org: Internetseite

Energy Watch Group: Internetseite

Mehr zum Thema:

Frankfurter Rundschau: Das Uran wird knapp (8. August 2010)

EURACTIV.de: Barroso sieht Atomkraft im Aufwind (29. April 2010)

EURACTIV.de: Atom-Comeback in Europa? (28. April 2010)

EURACTIV.de: Mez: Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)

Spiegel.de: Uranförderung in Niger – Der gelbe Fluch (2. April 2010)