Versicherungsbranche warnt: Kapitalanforderungen blockieren Kapitalmarktunion

EU-Politiker hoffen, dass eine baldige Vollendung der Kapitalmarktunion mehr private Investitionen mobilisieren wird. Versicherer könnten hierbei eine wichtige Rolle spielen, doch diese warnen, dass die derzeitigen Regeln dem im Weg stehen.

Euractiv.com
Das Positionspapier von Insurance Europe stimmt mit den Schlussfolgerungen der EU-Staats- und Regierungschefs überein, die im Bericht des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta über den Binnenmarkt vorgestellt wurden. [Shutterstock-ESB Professional]

EU-Politiker hoffen, dass eine baldige Vollendung der Kapitalmarktunion mehr private Investitionen mobilisieren wird. Versicherer könnten hierbei eine wichtige Rolle spielen, doch diese warnen, dass die derzeitigen Regeln dem im Weg stehen.

Versicherer sind zentrale Akteure in den Plänen zur Kapitalmarktunion, da sie jährlich rund 6,6 Billionen Euro in Aktien, Unternehmens- und Staatsanleihen in der EU investieren.

Am Donnerstag (30. Mai) schlug jedoch der Branchenverband Insurance Europe Alarm und forderte eine Überarbeitung der Berechnungsregeln.

Die Branchengruppe warnte, dass die Art und Weise, wie Kapitalkosten berechnet werden, und die Bandbreite der Investitionen, die Versicherer tätigen können, ihre Rolle bei der Finanzierung eines breiteren Spektrums von Vermögenswerten und Unternehmen beeinträchtigen.

„Das Geschäftsmodell der Versicherer erlaubt es ihnen, einen langfristigen Anlagehorizont zu haben, sich auf die langfristige Wertentwicklung von Vermögenswerten zu konzentrieren, in illiquide Vermögenswerte zu investieren und als antizyklischer Puffer zu fungieren“, so der Verband.

Dies bedeute, dass die Kapitalanforderungen für sie im Allgemeinen niedriger sein sollten als für kurzfristig orientierte Investoren, forderte Insurance Europe.

Dies ging aus dem Positionspapier hervor, in dem die Prioritäten der Branche für die Überarbeitung der Kapitalmarktpläne dargelegt werden.

Das Ziel, den zehn Jahre alten Plan einer Kapitalmarktunion endlich umzusetzen, wurde vor kurzem wieder zur Priorität erklärt.

Die EU hofft, die private Finanzierung für wichtige Ziele wie die grüne Energiewende anzukurbeln. 2026 läuft nämlich der Pandemie-Wiederaufbaufonds der EU 2026 aus und dürfte dabei eine Investitionslücke von etwa 620 Milliarden Euro pro Jahr hinterlassen.

Die derzeitigen Kapitalvorschriften für Versicherer unter „Solvency II“ sehen vor, dass für jede Investition in Finanzmarktaktiva ein bestimmter Geldbetrag an Eigenkapital zurückgelegt werden muss, der auch als Kapitalbedarf bezeichnet wird. Damit sollen Risiken von Investitionen abgefedert werden, die sonst eventuell die Versicherten betreffen könnten.

Der genaue Kapitalbetrag hängt vom Grad des festgestellten Risikos ab.

Die jüngste Überarbeitung von Solvency II, die die Regeln sieben Jahre nach ihrem Inkrafttreten aktualisiert, wurde im April vom Europäischen Parlament verabschiedet, muss aber noch auf nationaler Ebene umgesetzt werden.

„Die Überarbeitung von Solvency II muss ihr Potenzial ausschöpfen, um die […] derzeitigen übermäßigen Kapitalanforderungen und die Volatilität zu beseitigen, die unnötige Hindernisse für langfristige, garantierte und gewinnbeteiligte Produkte darstellen“, schrieb der Verband.

„Im Falle von Aktien würde [die Überarbeitung der Kapitalbehandlung von Versicherern] bedeuten, dass die Kapitalkosten auf dem Risiko einer langfristigen unterdurchschnittlichen Entwicklung des Vermögenswerts basieren und nicht nur auf einem kurzfristigen Ansatz des Handelsrisikos“, heißt es in dem Positionspapier weiter.

Es sei daher von entscheidender Bedeutung, dass die technischen Details der Stufe II der Solvency-II-Überprüfung abgeschlossen werden. Zudem sollten auch die Auswirkungen auf das Erreichen der KMU-Ziele berücksichtigt werden.

Mehr Transparenz und Größe, um mehr Unternehmen zu finanzieren

Insurance Europe warnt dabei, dass private Verschuldung, privates Beteiligungskapital, Risikokapital, börsennotiertes Beteiligungskapital und Infrastrukturprojekte, derzeit für Versicherer kaum lohnend seien.

„Ein weiteres Hindernis besteht darin, dass [diese] KMU-ähnlichen Vermögenswerte für Versicherer schwer zugänglich sind, da sie nicht groß genug sind und es an geeigneten Informationen über diese Vermögenswerte mangelt.“

Es gibt jedoch „Beispiele auf nationaler Ebene für die Einrichtung von Fonds, oft unter Beteiligung von Versicherern und Regierungen, die [diese] Vermögenswerte enthalten“, so der Verband.

Diese würden „einer breiten Palette von Versicherern den Umfang und den Zugang zu diesen Anlageklassen ermöglichen“.

„Die Gesetzgeber sollten untersuchen, wo und warum solche Fonds erfolgreich waren und wie ihre Nutzung auf andere EU-Märkte ausgeweitet werden kann“, hieß es weiter.

Außerdem sollten „das Potenzial für multinationale oder EU-Versionen solcher Fonds und die potenziellen Vorteile von Finanzinstrumenten wie Invest EU untersucht werden“.

Der Verband warnte davor, dass grenzüberschreitende Investitionen von Versicherern durch das Fehlen harmonisierter Insolvenzverfahren und „klarer Streitbeilegungsverfahren zwischen Investoren und Mitgliedstaaten“ erschwert würden.

Die Vereinheitlichung des Insolvenzrechts in ganz Europa wurde kürzlich von den EU-Staats- und Regierungschefs auf einem Sondergipfel im April als gemeinsame Priorität der Kapitalmarktunion bezeichnet.

Verbraucher zu mehr Investitionen ermutigen

Das Positionspapier von Insurance Europe stimmt mit den Schlussfolgerungen der EU-Staats- und Regierungschefs überein, die im Bericht des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta über den Binnenmarkt vorgestellt wurden.

Der Verband fordert auch, dass EU-Bürger motiviert werden sollten, mehr von ihrem Geld in Sparprodukte zu investieren, da 72 Prozent von ihnen bisher „in kein Finanzprodukt“ investiert hätten.

„Die Erhöhung des Geldflusses in Spar- und Rentenprodukte ist der Schlüssel zur Erhöhung der Mittel, die institutionellen Anlegern, einschließlich Versicherern, für Investitionen zur Verfügung stehen“, schreibt der Verband.

Die Regierungen sollten „Rentenanzeiger und Überwachungssysteme“ einführen, um den Verbrauchern zu zeigen, wie gering ihre Rente ohne angemessene Investitionen sein könnte, betont Insurance Europe.

„Viele Europäer unterschätzten die Notwendigkeit, für ihren Ruhestand zu investieren, schreibt der Verband und weist darauf hin, dass solche Systeme „die Bürger ermutigen und ihnen helfen könnten, mehr zu investieren“.

*Anna Brunetti hat zur Berichterstattung beigetragen.

[Bearbeitet von Anna Brunetti/Rajnish Singh/Nick Alipour]