Vorsichtige Lockerungen im hart getroffenen UK
Das Vereinigte Königreich wird in dieser Woche schrittweise mit der Lockerung der Einschränkungsmaßnahmen beginnen, kündigte Premierminister Boris Johnson an. Sein Plan und dessen "mangelnde Klarheit" wurden umgehend von der Opposition kritisiert.
Das Vereinigte Königreich wird in dieser Woche schrittweise mit der Lockerung der Einschränkungsmaßnahmen beginnen. Einige Menschen sind aufgerufen, an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren, und unbegrenzte Bewegungsfreiheit soll garantiert werden, kündigte Premierminister Boris Johnson am Sonntag an. Sein Plan und dessen „mangelnde Klarheit“ wurden jedoch umgehend von der Opposition kritisiert.
Mit einer Fernsehansprache hat Premierminister Johnson gestern die schrittweise Abschaffung der Lockdown-Maßnahmen eingeläutet. Dabei betonte er, dass die meisten Menschen nach Möglichkeit zwar weiter von zu Hause aus arbeiten sollten, insbesondere Bau- und Fabrikarbeitende jedoch aufgerufen sind, wieder an ihre Arbeitsplätze zu gehen.
Dabei sollten die Bürgerinnen und Bürger es jedoch vermeiden, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, die weiterhin mit stark eingeschränkten Kapazitäten von nur etwa zehn Prozent des üblichen Angebots fahren werden, so Johnson.
„Es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt, den Lockdown diese Woche einfach zu beenden. Stattdessen unternehmen wir die ersten vorsichtigen Schritte und passen unsere Maßnahmen an,“ erklärte der Premier.
Der Regierungsplan sieht die Wiedereröffnung von Geschäften und Grundschulen ab dem 1. Juni vor, während Gastgewerbebetriebe und andere öffentliche Einrichtungen am 1. Juli wiedereröffnet werden könnten – „wenn die Zahlen es zulassen“, sagte Johnson.
Er betonte, der Plan sei „an bestimmte Bedingungen geknüpft“ und abhängig davon, dass die Infektionsrate niedrig bleibt. Weitere Kriterien seien ein Rückgang der Sterberate, mehr Tests auf COVID-19 sowie die Verfügbarkeit von Betten auf den Intensivstationen.
Johnson machte deutlich, er werde im Fall der Fälle „nicht zögern, die Bremsen wieder anzuziehen.“
Viele Tote
Das Vereinigte Königreichen hat inzwischen Italien überholt und weist die höchste Zahl an Todesfällen in Zusammenhang mit COVID-19 in Europa auf (Stand Montagmorgen: 31.930 Tote).
Die Regierung in Westminster ist scharf kritisiert worden: Sie habe sich mit der Einführung von Lockdown-Maßnahmen und dem Ausbau der Testkapazitäten zu viel Zeit gelassen und sich auch bei der Beschaffung von persönlicher Schutzausrüstung für das Gesundheitspersonal schwer getan.
Johnson, der selbst erkrankt war, sagte gestern dazu, die Zahl der Todesopfer sei „tragisch“ und verursache „unermessliches Leid“. Seiner Ansicht nach habe der von seiner Regierung eingeführte Lockdown aber dabei geholfen, zu vermeiden, dass das Land „von einer Katastrophe verschlungen wird […] bei der realistisch geschätzt 500.000 Todesopfer denkbar gewesen wären“.
Angesichts solcher Schätzungen sei es auch „schlichtweg Wahnsinn, jetzt eine zweite Welle zu riskieren“ und ein vollständiges Ende des Lockdowns zu erlauben, fügte er hinzu.
Nach einem verlängerten Wochenende, an dem die Menschen bei gutem Wetter in Scharen in Parks und an die Strände strömten, kündigte Johnson als weiteren Schritt an, dass ab Mittwoch wieder „kontaktloser“ Sport im Freien in unbegrenztem Umfang erlaubt sein soll. In Bezug auf Mannschaftssportarten wollte sich die Regierung noch nicht festlegen.
Die genauen Details der nun geltenden Maßnahmen sollen dem Parlament heute Abend vorgestellt werden.
Anspannung und Kritik
Während Johnson zwar darauf beharrte, dass es einen „echten Konsens“ zwischen den vier Ländern des Vereinigten Königreichs gebe, zeichnen sich in Wirklichkeit einige Meinungsverschiedenheiten ab: Die Regierungen in Schottland und Wales, die eigene Befugnisse in Bezug auf Sperrmaßnahmen haben, teilten mit, sie würden ihre Empfehlung, dass die Menschen weiterhin zu Hause bleiben sollen, nicht ändern.
Die nordirische Exekutive will unterdessen am heutigen Montag ihre eigenen Pläne überprüfen und gegebenenfalls anpassen.
Keir Starmer, der Vorsitzende der oppositionellen Labour Party, kritisierte indes, Johnsons Plänen mangele es an „Klarheit und Konsens“. Für jede nun beantwortete Fragen gebe es „mindestens genau so viele neue Fragen“.
Starmer sagte weiter: „Der Premierminister scheint Millionen von Menschen effektiv zu sagen, dass sie ohne einen klaren Sicherheitsplan zur Arbeit zurückkehren können; und auch ohne klare Anleitung, wie sie ohne öffentliche Verkehrsmittel überhaupt dorthin gelangen sollen. Was das Land heute Abend wollte, waren Klarheit und Konsens, aber beides haben wir nicht bekommen.“
Kleinere Unklarheiten gab es außerdem bei der Frage nach Quarantänebestimmungen für Personen, die ins Vereinigte Königreich einreisen wollen. Solche Bestimmungen sollen nun gelten – wobei Johnson und der französische Präsident Emmanuel Macron jedoch umgehend klarstellten, dies betreffe keine Reisen zwischen ihren beiden Ländern.
[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]