Was Europa aus den ersten Tagen des Krieges im Nahen Osten lernen kann

Vier Lehren aus dem Krieg, die Europa nicht ignorieren darf. Alle hätten bereits vor einigen Jahren als Kernkompetenzen eingeleitet werden sollen.

EURACTIV.com
Iran war – Ramstein Air Base
Ein US-C17 Globemaster Transportflugzeug. [Foto: Thomas Frey/picture alliance via Getty Images]

Angesichts des anhaltenden Krieges an der Ostflanke der Europäischen Union und des neuen Konflikts zwischen den USA und Israel gegen den Iran, der nun auch den östlichen Mittelmeerraum erreicht hat, denken die europäischen Staats- und Regierungschefs noch sorgfältiger über die Verteidigung des Kontinents nach.

Wie lange die US-amerikanisch-israelische Kampagne gegen den Iran dauern wird, bleibt ungewiss. Es gibt jedoch bereits vier erste Lehren, die Europa aus dem komplexen Kriegsgeschehen im Nahen Osten ziehen kann. In Verbindung mit den Lehren aus vier Jahren weitgehend erfolgloser russischer Invasion in der Ukraine verfügt die EU nun über einen Entwurf für die Kernkompetenzen, die sie zur Aufrechterhaltung der europäischen Verteidigung stärken sollte.

Nachrichtendienstliche Informationen sind von entscheidender Bedeutung 

Die erste Erkenntnis ist, dass nachrichtendienstliche Fähigkeiten für jede erfolgreiche Operation von entscheidender Bedeutung sind.

Die USA und Israel begannen ihre Operation gegen den Iran am Samstag, dem 28. Februar, weil gemeinsame nachrichtendienstliche Informationen den Ort und den Zeitpunkt einer Sitzung des iranischen Oberkommandos im Komplex des inzwischen verstorbenen Obersten Führers Ayatollah Chamenei bekannt gaben. Seine Eliminierung zusammen mit mehreren Mitgliedern des Oberkommandos war ein starker Auftakt für die Operation. 

Die Geheimdienste spielten auch eine zentrale Rolle bei der Lokalisierung der Abschussstellen von Luftabwehrsystemen, von denen viele ebenfalls in den ersten Stunden der gemeinsamen Operation ausgeschaltet wurden, sodass die USA und Israel innerhalb eines Tages die Luftüberlegenheit erringen konnten.

Die EU-Länder haben oft starke Vorbehalte gegen den Austausch von Geheimdienstinformationen. Ebenso spiegelt die starke Abhängigkeit Europas von US-Geheimdienstinformationen strukturelle Schwächen wider, wie sich in der Ukraine gezeigt hat, als die USA im vergangenen Jahr den Austausch von Geheimdienstinformationen vorübergehend ausgesetzt haben.

Sowohl die Ukraine als auch der Nahe Osten zeigen, wie wichtig es ist, jederzeit so viel wie möglich über den Gegner zu wissen.

Eine starke Luftabwehr ist entscheidend

Die zweite klare Erkenntnis ist die Notwendigkeit einer starken Luftabwehr. Während die Ukraine weiterhin unter Engpässen leidet, unterstreicht Israel die Bedeutung eines robusten, mehrschichtigen Systems, das Überwachung, Frühwarnung, Abfangmaßnahmen und KI-gestützte Entscheidungsprozesse umfasst.

Bei einem direkten Treffer auf ein Gebäude in Beit Shemesh am Sonntag durchdrang eine iranische ballistische Rakete das Luftabwehrsystem, nachdem israelische Kommandeure beschlossen hatten, den Arrow-Abfangjäger nicht einzusetzen. Eine nachträgliche Analyse legt nahe, dass das System möglicherweise eine bessere Chance auf eine Abfangaktion geboten hätte, aber die Entscheidung wurde in den letzten Sekunden getroffen.

Deutschland hat bereits die neueste Version des Arrow-Systems erworben, das gemeinsam von den Vereinigten Staaten und Israel entwickelt wurde, aber es bleibt unklar, welche Systeme in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten verfügbar sind, geschweige denn, wie die gesamte europäische Luftabwehrkapazität aussieht.

Die Reichweite ist entscheidend

Dieses neue Schlachtfeld erstreckt sich über Tausende von Kilometern und wird mit Flugzeugen und Jets, Raketen und Drohnen bestritten. Im Falle der USA hat auch die Marine Raketen abgefeuert. Die Frontlinie ist diffuser geworden und weniger an physische Truppenpositionen gebunden, da ein zunehmender Anteil der Kämpfe von unbemannten Systemen durchgeführt wird.

Auch in der Ukraine wurde die Reichweite als Problem angesehen, insbesondere da Russland täglich Drohnen gegen zivile Infrastruktur einsetzt. Es gibt jedoch auch eine physische Frontlinie, die sich, wie Euractiv letzte Woche enthüllte, gegenüber früheren Zeiten stark verändert hat.

Den Kampf aufrechterhalten

Der letzte Punkt gilt für alle Schlachtfelder und wurde bekräftigt: die Notwendigkeit der Durchhaltefähigkeit. Es gibt viele Spekulationen über die Fähigkeiten des Iran in dieser Hinsicht, aber auch der politische Wille muss während der gesamten Operation aufrechterhalten werden, wenn sie erfolgreich sein soll.

Die Ukraine ist aufgrund ihrer eigenen Entschlossenheit und der anhaltenden Unterstützung durch europäische Staaten im Kampf geblieben. Andererseits ist sie nach wie vor stark von militärischen Lieferungen abhängig, insbesondere aus den USA, weshalb sie so viele eigene militärische Produktionskapazitäten aufbaut.

Alle vier Kategorien von Erkentnissen werden im Kriegsfall für Europa gelten, und alle hätten bereits vor einigen Jahren als Kernkompetenzen eingeleitet werden sollen. Anstatt die Verzögerung zu beklagen, bleibt zu hoffen, dass die Ereignisse den Europäern einen Impuls geben.

(cm, aw)