Was ist die „Paracetamol-Challenge“, die Europa nervös macht?

Beim vermeintlichen TikTok-Trend der „Paracetamol Challenge“ werden überhöhte Dosen des frei verkäuflichen Schmerzmittels eingenommen. Europäische Gesundheitsministerien und Behörden sind in Alarmbereitschaft. Euractiv ist dem Trend nachgegangen. 

EURACTIV.com
Paracetamol Reportedly Not Effective Drug For Back Pain
„Jugendliche – eure Gesundheit ist viel wichtiger als Online-Challenges!“, hieß es in der gemeinsamen slowensichen Erklärung. [Photo by Scott Barbour/Getty Images]

Beim vermeintlichen „Paracetamol Challenge“-TikTok-Trend werden überhöhte Dosen des frei verkäuflichen Schmerzmittels eingenommen. Europäische Gesundheitsministerien und Behörden sind in Alarmbereitschaft. Euractiv ist dem Trend nachgegangen. 

Ersten Medienberichte über die Challenge, die zu Leberversagen und zum Tod führen kann, erschienen am 18. Januar in den Niederlanden und zwei Tage später in Belgien.

Ursprünglich stammt der Trend aus den USA, doch sei nun auch „hier spürbar“, teilte ein Sprecher des belgischen Giftinformationszentrums dem belgischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk RTBF mit.

Seitdem haben sich sowohl Berichterstattung als auch Besorgnis allmählich in Europa ausgebreitet.

Medien in der Schweiz (31. Januar), Frankreich (5. Februar) und Deutschland (6. Februar) berichteten, dass vermehrt Mediziner und Ärzteverbände vor den potenziellen Risiken der Challenge warnen.

Dies liegt daran, dass Paracetamol oft ohne Rezept frei verkäuflich und eines der am häufigsten verwendeten Schmerzmittel ist.

Zu hoch dosiert kann es zu irreparablen Leberschäden, Blutungen, Hirnschäden und sogar zum Tod führen, warnt Dr. Elmar Kroth, stellvertretender Hauptgeschäftsführer von Pharma Deutschland.

Diese Woche gaben auch das slowenische Gesundheitsministerium, seine Arzneimittelbehörde und die nationale Apothekerkammer eine gemeinsame Erklärung ab und warnten vor dem „gefährlichen Trend“, der sich auf TikTok ausbreitet.

„Jugendliche – eure Gesundheit ist viel wichtiger als Online-Challenges!“, hieß es und macht auf den abschreckenden Fall eines 11-jährigen Kindes aufmerksam, das letzten Monat in den USA an einer Überdosis starb.

Auf Anfrage von Euractiv gab TikTok an, dass seine internen Recherchen keine Beweise für die Challenge gefunden hätten. Die Aussage deckt mit der Berichterstattung von BFTM Tech & Co, die ebenfalls angaben, dass die Plattform keine Videos gefunden habe, die auf die Existenz einer solchen Challenge hinweisen.

Eine Recherche von Euractiv auf TikTok verlief ebenfalls ins Leere und konnte keine derartigen Videos identifizieren.

EU-Maßnahmen

Europäischen Regulierungsbehörden gehen jedoch kein Risiko ein. Die EU-Kommission stehe mit mehreren nationalen Regulierungsbehörden in Kontakt, was schädliche Challenges angehe, sagte ein Kommissionssprecher gegenüber Euractiv.

Auf Nachfrage bei der niederländischen Behörde erklärte ein Sprecher, keine Einzelmeldungen von Nutzern erhalten zu haben. Sollten sie welche bekommen, würden sie die an die irische Regulierungsbehörde weiterleiten, die den EU-Hauptsitz von TikTok beaufsichtigt.

Die belgische Regulierungsbehörde für elektronische Kommunikation, BIPT, teilte Euractiv ebenfalls mit, bisher keine Beschwerden über TikTok erhalten zu habe.

Entwicklungen wurden derweil von der slowenischen Behörde weiterhin aktiv überwacht. Ein Sprecher der slowenischen Kommunikationsnetzagentur (AKOS) erklärte Euractiv, dass die Agentur selbst keine Beweise für eine solche Challenge auf der genannten Plattform gefunden oder gesucht habe.

Sollten Risiken identifiziert werden, würde das Problem im Europäischen Vorstand für digitale Dienste angesprochen, führte die Agentur weiter aus. Insbesondere dann, wenn die Plattform solche Risiken nicht erfolgreich mindere.

„Die von sozialen Medien wie TikTok als sogenannte „Paracetamol-Challenge“ verbreitete Aufforderung zur (missbräuchlichen) Einnahme des Schmerzmittels Paracetamol wird mit großer Sorge beobachtet“, sagte Sören Haberlandt, Sprecher des Gesundheitsministeriums, gegenüber Euractiv.

Er verwies auch auf die Warnungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Wie die schweizerischen Gesundheitsbehörden riefen sie Apotheker dazu auf, beim Verkauf von Paracetamol an Jugendliche besonders wachsam zu sein.

Auch französische Behörden wurden in Bezug auf Beweise für die TikTok-Challenge kontaktiert. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag Euractiv keine Stellungnahme vor.

Mit dem Gesetz über digitale Dienste (DSA) moderiert die EU-Kommission Inhalte auf Online-Plattformen. Im Februar des Jahres 2024 leitete sie ein formelles Verfahren gegen TikTok ein, bei dem es um den Schutz von Kindern auf der Plattform ging.

Sollten Beweise für die Challenge auftauchen, könnten die Moderationsrichtlinien von TikTok einer weiteren Prüfung unterzogen werden und das laufende Verfahren beeinflussen.

*Théophane Hartmann hat zur Berichterstattung beigetragen

[MM/VB]