Wie anfällig ist Europa für Konflikte in der Straße von Hormus?

Nach der Beteiligung eines britischen Tankschiffs an dem jüngsten militärischen Zwischenfall mit dem Iran ist nun auch die EU in die Gefahr einer Konfrontation geraten.

EURACTIV.com
epa07709529 (FILE) – An Iranian military boat patrols next to the Artavil oil tanker, at the Kharg Island, in Persian Gulf, southern Iran, 12 March 2017 (reissued 11 July 2019). Reports on 11 July 2019 state British frigate HMS Montrose warned Iranian boats believed to belong to  Islamic Revolution Guard Corps (IRGC) of Iran that allegedly tried to impede the British Heritage tanker near the Gulf. HMS Montrose took position between the boats and the tanker while training its guns on the boats  reports state. The vessels then left the scene with no shots being fired on either side. Islamic Revolution Guard Corps (IRGC) has denied any involvement.  EPA-EFE/ABEDIN TAHERKENAREH
Großbritannien, Iran und die USA streiten sich um den Zusamenstoß eines britischen mit einem iranischen Schiff. Hintergrund der Spannungen ist auch das internationale Atom-Abkommen mit Iran. [<a href="http://www.epa.eu/economy-business-and-finance-photos/energy-resources-photos/alleged-islamic-revolution-guard-corps-irgc-boats-try-to-impede-british-tanker-british-heritage-photos-55335570" target="_blank" rel="noopener">EPA-EFE/ABEDIN TAHERKENAREH</a>]

Aufgrund der Beteiligung eines britischen Tankschiffs an dem jüngsten militärischen Zwischenfall mit dem Iran in der Meerenge von Hormus ist nun auch die EU in die Gefahr einer Konfrontation geraten.

Vor nicht allzu langer Zeit schienen die Spannungen im Persischen Golf die Europäische Union wenig zu beeinflussen: Der Angriff vom Mai auf saudische Ölanlagen und die Attacke im Juni in der Straße von Hormuz auf Öltanker aus Norwegen und Japan, die nach Taiwan und Singapur unterwegs waren, betrafen die EU-Länder zumindest nicht direkt.

Am 10. Juli versuchten nach Angaben der britischen Regierung dann jedoch drei Kanonenboote, die vom Islamischen Revolutionsgardenkorps des Iran eingesetzt wurden, einen britischen Öltanker aus internationalen in iranische Gewässer zu drängen. Eine Fregatte der britischen Royal Navy kam zur Hilfe und bewog die iranischen Besatzungen zum Rückzug.

Der Vorfall, bei dem zum ersten Mal ein EU-Mitgliedstaat mit dem eskalierenden Konflikt in direkten Kontakt kam, könnte eine Reaktion auf die Beschlagnahmung eines iranischen Öltankers vor der Küste von Gibraltar durch die britischen Royal Marines am 4. Juli gewesen sein. Das Vereinigte Königreich erklärt zu diesem Vorfall, der Tanker habe iranisches Öl nach Syrien transportieren wollen – was gegen die EU-Sanktionen verstoßen würde.

Die Spannungen zwischen dem Iran und der EU spannten sich weiter an, nachdem sich herausstellte, dass bereits einige Wochen zuvor eine französisch-iranische Wissenschaftlerin im Iran verhaftet worden war.

Gleichzeitig hatte die EU beschlossen, den Streitbeilegungsmechanismus im Rahmen des Atomabkommens mit dem Iran nicht zu aktivieren, nachdem der Iran Aktivitäten gestartet hatte, die gegen das Abkommen verstoßen, und zeitgleich behauptete, Europa sei seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen. US-Präsident Donald Trump hatte sein Land bereits im vergangenen Jahr aus dem Deal herausgenommen und damit den aktuellen Konflikt ausgelöst.

Weniger Auswirkungen auf EU/USA als auf Asien

Die Spannungen haben sich auch auf die globalen Ölpreise ausgewirkt. Die Effekte auf die Ölversorgung Europas könnten jedoch moderat ausfallen – solange der Konflikt nicht noch weiter eskaliert.

Die Straße von Hormus ist eines der wichtigsten Nadelöhre für die globale Ölversorgung: Etwa 21 Prozent des weltweiten Verbrauchs an Mineralöl passieren die Meerenge. Der Großteil dieses Öls – 76 Prozent im Jahr 2018 – geht allerdings in asiatische Länder; die größten Zielorte sind China, Indien, Japan, Südkorea und Singapur.

Sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Europäische Union sind inzwischen weniger auf Öl aus dem Persischen Golf angewiesen als früher. Die EU bezieht den größten Teil ihres Öls und Gases heute aus Russland, Zentralasien, Afrika und der Nordsee.

Ein vorübergehender Konflikt in der Meerenge würde daher vor allem die asiatischen Importländer treffen. Fraglich ist, ob ein langfristiger Konflikt die globalen Ölpreise beeinflussen und zu höheren Energiepreisen für die europäischen Verbraucher führen könnte.

Während schwerere Auseinandersetzungen sicherlich die Weltmarktpreise beeinträchtigen würden, glauben Analysten, dass selbst ein solcher Konflikt dank eines global diversifizierteren Ölmarktes einen „gedämpfteren Effekt“ hätte als in den vergangenen Jahren. Eine große Veränderung sei insbesondere der Bohrboom nach Schieferöl und -gas in den Vereinigten Staaten, der die amerikanische Öl- und Gasproduktion in die Höhe schnellen ließ. So stieg die US-Ölproduktion im vergangenen Jahr um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Dies erklärt auch, warum die Reaktion der Ölindustrie auf die jüngsten Vorfälle, die vor 20 Jahren den Markt in Panik versetzt hätten, bisher relativ verhalten war.

Dennoch: Da die Aussicht auf einen bewaffneten Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran weiterhin wächst und Europa sich insbesondere nach den Vorfällen um den britischen Tanker plötzlich in der Mitte des Konfliktes wiederfinden könnte, reicht eine „diversifizierte globale Ölversorgung“ möglicherweise nicht aus, um die Marktverwerfungen zu lindern.

Im Moment kann sich Europa allerdings noch (relativ) entspannt und isoliert von den Vorfällen in der Meerenge von Hormus fühlen.

[Bearbeitet von Tim Steins]