Wie die Düngemittelkrise Europas Rüstungsindustrie schwächt
Was haben eine 155-mm-Artilleriegranate und ein Feld mit sprießendem Weizen gemeinsam? Ammoniak.
Was haben eine 155-mm-Artilleriegranate und ein Feld mit sprießendem Weizen gemeinsam? Ammoniak.
Ammoniak, ein zentraler Bestandteil der Düngemittelproduktion, steht zugleich im Mittelpunkt moderner Explosivstoffe.
Landwirte und Düngemittelhersteller in der EU kennen die hohen Kosten für Ammoniak nur zu gut – ein Rohstoff, dessen Produktion in Europa seit der Energiekrise im Zuge von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine deutlich teurer geworden ist.
Doch auch im Verteidigungssektor zeichnet sich eine stille Abhängigkeit ab: Rüstungsunternehmen sind zunehmend auf Importe von Ammoniak aus dem Ausland angewiesen – eine potenzielle Schwachstelle in einer Welt, die von geopolitischen Unsicherheiten geprägt ist.
Russland war traditionell einer der wichtigsten Ammoniaklieferanten der EU – und russische Lebensmittel, Düngemittel sowie Rohammoniak sind bislang von den EU-Sanktionen im Zusammenhang mit dem Krieg ausgenommen, um die globale Ernährungssicherheit nicht zu gefährden.
Weltweit fließen rund 80 Prozent des Ammoniaks in die Düngemittelproduktion, während militärische Anwendungen lediglich etwa 3 Prozent ausmachen, so Stephen Jackson, CEO von Ammonia Europe. Dennoch ist Ammoniak im Verteidigungsbereich von zentraler Bedeutung – als Schlüsselbestandteil von Salpetersäure, die ihrerseits für die Herstellung von Sprengstoffen, Schießpulver und Raketentreibstoff benötigt wird.
Salpetersäure und Ammoniak für Düngemittel werden in der Regel in denselben Anlagen produziert. In Europa befinden sich diese vor allem in Deutschland, Polen, Norwegen und Spanien, so Jackson.
Das bedeutet: Wenn die Düngemittelproduktion zurückgeht, sind die Auswirkungen auch in anderen Branchen spürbar.
Immer mehr Ammoniak-Anlagen in Europa werden derzeit stillgelegt, fahren ihre Produktion herunter oder greifen verstärkt auf Importe zurück – denn die Herstellung von Ammoniak ist stark abhängig von Erdgas als zentralem Rohstoff. Der drastische Anstieg der Gaspreise in Europa hat zur Folge, dass die Produktion zunehmend in Länder wie Russland und die USA verlagert wird, wo Gas deutlich günstiger ist.
„Wenn man die sehr hohen Gaskosten mit veralteten Anlagen kombiniert, wird Ammoniak in Europa schlichtweg extrem teuer in der Herstellung“, erklärt Lizzy Lancaster, leitende Ammoniak-Reporterin bei Argus Media. Die Lage habe sich durch den Krieg in der Ukraine und den Wegfall von günstigem russischem Gas weiter verschärft, so Lancaster.
Die Düngemittelkrise der EU im Jahr 2022 – ausgelöst durch den russischen Angriff auf die Ukraine und explodierende Energiepreise – war de facto eine Ammoniak-Krise. In jenem Sommer kürzten Hersteller ihre Produktion um bis zu 70 Prozent.
Auch wenn sich die Branche seither teilweise erholt hat, markierte die Krise einen Wendepunkt: Die europäische Ammoniakproduktion verliert zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Importen.
Bereits im Februar warnte BASF-CEO Markus Kamieth, dass Ammoniak künftig nicht mehr in Europa produziert, sondern importiert werden würde. Eine Entwicklung in diese Richtung zeichnet sich bereits ab: So plant der norwegische Düngemittelhersteller Yara, die letzte Ammoniakanlage im Vereinigten Königreich zu schließen – nachdem zuvor bereits das Werk im belgischen Tertre stillgelegt wurde.
Schlechte Nachrichten für Landwirtschaft und Rüstungsindustrie
Die Entwicklungen betreffen jedoch nicht nur die Landwirtschaft – auch Europas Verteidigungsindustrie schlägt Alarm.
„Für Salpetersäure brauchen wir Düngemittelhersteller. Derzeit sind wir stark auf russische Produzenten angewiesen“, sagt Thierry Francou, CEO des französischen Rüstungsunternehmens Eurenco, gegenüber Euractiv.
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine beklagen europäische Düngemittelhersteller unfaire Wettbewerbsbedingungen: Russische Importe – produziert mit billigem, staatlich subventioniertem Gas – würden den EU-Markt fluten und heimische Produzenten verdrängen. Francou bestätigt diese Einschätzung und kritisiert, dass russische Düngemittel „ohne jegliche Handelsbarrieren“ in die EU gelangen konnten.
Zwar ist Ammoniak von Sanktionen ausgenommen, doch Brüssel hat inzwischen Maßnahmen ergriffen, um russische Importe einzuschränken – etwa durch höhere Zölle und die Suche nach alternativen Lieferanten.
Erst im Juli dieses Jahres verhängte die EU Importzölle auf stickstoffhaltige Düngemittel aus Russland – inklusive Ammoniak-basierter Produkte. Für Yara kommt dieser Schritt jedoch „zu spät, zu wenig“, wie ein Unternehmenssprecher erklärte.
Eine weiteres Problem wurde im März durch eine Recherche von Bloomberg aufgedeckt: Demnach nutzten russische Rüstungsunternehmen europäische Tochterfirmen russischer Düngemittelhersteller, um trotz Sanktionen weiterhin Salpetersäure für den Kriegseinsatz zu beschaffen – begünstigt durch Ausnahmeregelungen zum Schutz der Ernährungssicherheit.
Aufrüstung trifft Engpass
Die EU-Kommission treibt unterdessen ihre Pläne zum Ausbau der europäischen Rüstungsindustrie voran – etwa durch das kürzlich genehmigte SAFE-Programm mit einem Volumen von 150 Milliarden Euro für militärische Beschaffungen oder das in Verhandlung befindliche 1,5-Milliarden-Euro-Programm EDIP zur Stärkung der Verteidigungsindustrie.
Doch kritische Grundstoffe wie Ammoniak oder Salpetersäure werden in diesen Plänen bislang kaum thematisiert.
Branchenvertreter wie Francou fordern ein Umdenken: Ohne eine leistungsfähige Chemieindustrie könne auch die Rüstungsindustrie nicht gestärkt werden. Zudem kritisierte er EU-Umweltauflagen als Wachstumshemmnis.
Erst vor wenigen Monaten nahm Eurenco eine lange stillgelegte Produktionslinie für Schießpulver im französischen Bergerac wieder in Betrieb. Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, plant das Unternehmen die Schießpulverproduktion an diesem Standort auf 1.200 Tonnen pro Jahr zu steigern, die schrittweise auf 1.800 Tonnen pro Jahr erhöht werden sollen.
Der Ausbau der Schießpulverproduktion gilt als strategisch zentral für die europäische Verteidigungsfähigkeit. Bei einem Besuch der Anlage im Jahr 2024 erklärte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, die Reaktivierung sei Teil einer „Kriegswirtschaft“ – in einer Zeit geopolitischer und geostrategischer Umbrüche, in der die Rüstungsindustrie an Bedeutung gewinne.
Für Francou gehört der Erhalt der chemischen Basis Europas ins Zentrum dieser Strategie: „Ohne Chemieindustrie können wir kein Schießpulver herstellen“, sagte er gegenüber Euractiv.
Auch Ammonia-Europe-Direktor Jacob Jackson betonte, „was auch immer für Abhängigkeiten im Agrarsektor zu spüren sind, gilt auch für die Verteidigung.“
Die Kommission hat erste Schritte gesetzt. Im Juli wurde Ammoniak im Rahmen des „European Chemicals Industry Action Plan“ als „essenziell“ für die EU-Wirtschaft eingestuft – mit dem Ziel, die europäische Chemieproduktion zu stärken.
„Wir begrüßen, dass wir endlich als systemrelevant anerkannt werden“, so Jackson.
Von Moskau bis Louisiana
Doch die Maßnahmen reichen nicht aus, um die europäische Düngemittelindustrie wiederzubeleben. Die hohen Gaspreise bleiben ein strukturelles Hindernis. Branchenexpertin Lancaster rechnet damit, dass Europa seine Ammoniakimporte in den nächsten fünf Jahren verdoppeln muss.
„Die USA werden eine immer wichtigere Bezugsquelle für Europa – dort gibt es mehr Produktionskapazitäten und extrem günstiges Gas“, sagt Lancaster.
US-amerikanisches Ammoniak unterliegt derzeit EU-Zöllen von 5,5 Prozent. Im Rahmen des am 27. Juli vereinbarten Handelsabkommens zwischen Brüssel und Washington könnte dieser Zoll jedoch entfallen. Ein hochrangiger EU-Beamter kündigte an, man werde Zölle auf bestimmte US-Düngemittel auf null senken – ob auch Ammoniak betroffen ist, blieb offen.
Trotz Zöllen haben sich die USA bereits zu einem der wichtigsten Ammoniaklieferanten Europas entwickelt. Die Importe stiegen von 17.800 Tonnen im Jahr 2019 auf 141.800 Tonnen im Jahr 2024.
Weitere wichtige Lieferländer sind Trinidad und Tobago, Ägypten – mit dem die EU ihre Partnerschaft verstärken will – sowie Algerien.
Doch so flexibel die globalen Märkte kurzfristig erscheinen mögen, geopolitische Verschiebungen können jederzeit Lieferengpässe nach sich ziehen – mit Auswirkungen auf die Versorgung von Nahrungsmittel- wie auch Rüstungsgütern. Die handelspolitische Konfrontation unter US-Präsident Trump legt die Verwundbarkeit Europas offen.
„Am Ende hängen wir nicht nur von Russland ab – sondern auch von Trump“, warnt Antoine Hoxha, Generaldirektor von Fertilisers Europe.
Diese Abhängigkeit zu verringern, sollte Priorität haben, sagt Jackson von Ammonia Europe. „Wir müssen es weiterhin in Europa produzieren, es ist strategisch wichtig, und wir können uns in den Bereichen Verteidigung, Lebensmittel oder saubere Kraftstoffe nicht auf externe Partner verlassen.“
(adm, bst, ow, jl)