Armut und Klimawandel – Wie hängt das zusammen?

Die Welt steht zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Wesentlichen vor zwei großen Herausforderungen: der Bekämpfung von Armut und der Begrenzung von Umweltzerstörung. Vielfach werden die immanenten Verbindungen der beiden Herausforderungen übersehen.

Foto: Massmo Relsig (CC BY-NC-ND 2.0)
Foto: Massmo Relsig (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Welt steht zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Wesentlichen vor zwei großen Herausforderungen: der Bekämpfung von Armut und der Begrenzung von Umweltzerstörung. Vielfach werden die immanenten Verbindungen der beiden Herausforderungen übersehen.

Aktuelle Kolumne des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE)

Schätzungen zufolge wird im Jahr 2015 immer noch eine Milliarde Menschen in absoluter Armut leben: Sie müssen ihren Lebensunterhalt von maximal 1,25 US-Dollar pro Tag (in Kaufkraftparitäten) bestreiten. Andererseits vollzieht sich menschliche Entwicklung bis heute auf Kosten der Umwelt: Verlust der Artenvielfalt, Ökosystemschäden und Klimawandel sind der Preis. Trotz der starken globalen Bedeutung dieser Umweltprobleme sind Arme tendenziell stärker von den lokalen Folgen der Umweltzerstörung betroffen. Ihr Lebensunterhalt hängt überproportional von natürlichen Ressourcen ab und sie leben häufig in unmittelbar von Umweltzerstörung betroffenen Gebieten wie städtischen Slums.

Getrennte Probleme?

Die beiden Herausforderungen müssen gemeinsam angegangen werden. Tatsächlich fokussieren die meisten Politiken aber entweder ausschließlich die Armutsreduktion oder den Umweltschutz. Einkommensarmut kann durch inklusives Wirtschaftswachstum, also Wachstum, von dem auch Arme profitieren, oder durch Wirtschaftswachstum reduziert werden, an dem die Armen nachträglich durch Umverteilung beteiligt werden. In beiden Fällen ist Wirtschaftswachstum erforderlich, das bislang noch nicht von einer stärkeren Nutzung natürlicher Ressourcen entkoppelt werden konnte: Wächst die Wirtschaft, so leidet die Umwelt. Andererseits können Maßnahmen des Umweltschutzes durchaus positive Nebenwirkungen für arme Menschen haben. Beispielsweise können umweltpolitisch motivierte Verbesserungen bei der Müllentsorgung dazu führen, dass Trinkwasser nicht mehr verunreinigt wird und dadurch auch potenzielle Krankheitsherde ausgeschaltet werden. Umweltschutz kann aber auch negative Folgen für arme Menschen haben, wenn sie die Kosten einer Umweltschutzmaßnahme mittragen müssen, aber vom Nutzen ausgeschlossen werden. Entscheidend ist also, wer diese Kosten trägt und wie sich der Nutzen daraus verteilt.

Ressourceneffizientes Wirtschaften – die Lösung?

Die grünen Wirtschaftskonzepte von Weltbank, UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) und OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) beschäftigen sich mit der Frage, ob Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit zu vereinbaren sind. Grundsätzlich streben alle ein ressourceneffizientes Wirtschaften an, das allerdings nur durch staatliche Interventionen erreicht werden kann. Die Konzepte unterscheiden sich gleichwohl darin, welche relative Bedeutung sie jeweils ökonomischen, sozialen und ökologischen Belangen beimessen und welchen Stellenwert sie der menschlichen Wohlfahrt in Gegenwart und Zukunft zubilligen. Die zentrale Frage ist in jedem Fall, welche Akteure die Umsetzung von grünen Wachstumskonzepten finanzieren, insbesondere wie die Kosten innerhalb von Ländern und zwischen Ländern verteilt werden sollten.

Ressourceneffizientes Wirtschaften ist ein Schritt in die richtige Richtung, löst aber das grundlegende Problem nicht: Bisher ist es nicht möglich, Wirtschaftswachstum von der Umweltbelastung absolut zu entkoppeln. Beim absoluten Entkoppeln nimmt die ökologische Intensität pro Einheit wirtschaftlichen Outputs absolut ab. Hier stagniert also die Umweltbelastung oder nimmt sogar ab – zum Beispiel sinkt der Ausstoß an Klimagasen – trotz Wirtschaftswachstums. Bisher gelingt hauptsächlich das relative Entkoppeln, bei dem die ökologische Intensität pro Einheit wirtschaftlichen Outputs relativ abnimmt. Das bedeutet aber, dass die Umweltbelastung weiter wächst, wenn auch weniger stark als die Wirtschaft. Letztlich wünschenswert wäre jedoch ressourcenneutrales Wirtschaften, bei dem Ressourcen im gleichen Umfang und in gleicher Qualität in den Ressourcenkreislauf zurückgeführt, also recycelt, werden.

Ressourceneffizientes Wirtschaften – ein Hindernis für Arme?

Bedeutet dies, dass die Armen arm bleiben sollen, um die Umwelt nicht noch zusätzlich zu belasten? Sicherlich nicht! Es ist sinnvoll, in Entwicklungsländern einen weniger ressourcenintensiven und nachhaltigeren Entwicklungspfad einzuschlagen, als das in den heutigen Industrieländern der Fall war. Vor dem Hintergrund der Armutsminderung und des Umweltschutzes sollte Wirtschaftswachstum in Entwicklungsländern unter der Maxime der relativen Entkopplung geschehen. Angesichts der größeren finanziellen und technischen Möglichkeiten in Industrieländern müssen diese die Entwicklungsländer in diesem Ziel unterstützen. In den Industrieländern selbst und den schnell wachsenden Schwellenländern muss das Ziel wesentlich ambitionierter sein: Mittelfristig muss ein Wirtschaftswachstum angestrebt werden, das die Maxime der absoluten Entkopplung und langfristig der Ressourcenneutralität verfolgt. Nur so können beide Herausforderungen der Bekämpfung von Armut und der Begrenzung von Umweltzerstörung auf sinnvolle Weise angegangen werden.

Die Autoren

Katharina Stepping und Anna Pegels sind wissenschaftliche Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE mit Sitz in Bonn zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten und Think Tanks zur internationalen Entwicklungspolitik. Der Beitrag erschien in der Reihe „Die aktuelle Kolumne“.

(Fotos: DIE)