Desertec: Die Wüste lebt weiter
Was vor fünf Jahren mit großer Euphorie an den Start ging, könnte bald vorbei sein: Das Wüsten-Energie-Projekt Desertec wurde vor wenigen Wochen zu einem Beratungsunternehmen degradiert. Desertec-Gründer Gerhard Knies glaubt dennoch: Das Mega-Projekt lebt – unter einem neuen, globalen "G200"-Regelwerk.
Was vor fünf Jahren mit großer Euphorie an den Start ging, könnte bald vorbei sein: Das Wüsten-Energie-Projekt Desertec wurde vor wenigen Wochen zu einem Beratungsunternehmen degradiert. Desertec-Gründer Gerhard Knies glaubt dennoch: Das Mega-Projekt lebt – unter einem neuen, globalen „G200“-Regelwerk.
Im Rahmen der 5. Jahreskonferenz der Desertec Industrie Initiative Dii GmbH im Oktober haben die 17 Shareholder die Studiengesellschaft in ein Beratungs- und Netzwerkunternehmen umgewandelt. Die Gesellschafter sind – zunächst – RWE (Deutschland), ACWA POWER (Saudi-Arabien) und der staatlichen State Grid Corporation of China. Die Desertec Foundation hatte sich schon zuvor abgewandt. Ist das jetzt das Ende von Desertec, vom sauberen Strom aus den Wüsten? Manche befürchten das, andere bejubeln das, weitere bezweifeln das. Meine Einschätzung: Wenn wir die Erde in den kommenden 40-50 Jahren für die nächste Generation der Menschheit mit zehn Milliarden Menschen vorbereiten wollen, wird die Option Desertec dringender denn je gebraucht.
Was kann Desertec der Menschheit bieten? Nach der Konzeption der Vision im Jahr 2003, die Energie der Wüsten für globale Energie- und Klimasicherheit und für gerechte Entwicklung zu erschließen, wurde in einer Studie am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in den Jahren 2004-2007 die technische Machbarkeit untersucht. Ergebnis von „Desertec 1.0“: Technologie und Ressourcen sind für mehr sauberen Strom vorhanden, als die Menschheit je brauchen wird.
Von 2010 bis 2013 hat dann die von Industrie und Desertec Foundation gegründete Studiengesellschaft Dii GmbH die politische und ökonomische Machbarkeit mit aktuellen Daten untersucht. Ergebnis von „Desertec 2.0“: Die großmaßstäbliche Verwirklichung ist für Nordafrika, den Mittleren Osten und auch für einen Beitrag zur Versorgung Europas (EUMENA-Region) wirtschaftlich vorteilhaft.
Also ist der nächste logische Schritt die Implementierung. Für deren Unterstützung wurde jetzt die Dii GmbH, quasi als „Desertec 3.0“, wie oben erwähnt für den EUMENA-Asia-Raum neu aufgestellt.
1. Wie viele Menschen können auf der Erde dauerhaft leben?
Das ist eine drängende Zukunftsfrage. So wie jetzt konnten bis zu fünf Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde dauerhaft leben.
Durch fossile Energienutzung ist die Expansion um 1980 an einen Punkt gekommen, wo sie in die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen umschlug. Es gibt nicht mehr genügend biologisch aktive Flächen für die dauerhafte Absorption der CO2-Emissionen. Das ist eine Zäsur, welche die gegenwärtige Organisation der Menschheit als souveräne Nationalstaaten in Frage stellt.
Darauf muss die Menschheit reagieren – aber wie? Ohne CO2-Emissionen könnten zehn Milliarden Menschen mit hohem Zivilisationsgrad und Wohlstand auf der Erde leben. Also muss die Menschheit heraus aus der fossilen Energienutzung – und das ist möglich.
Bei einem Weiter so wird schon in 25 Jahren die Bioproduktivität der Erde nur noch für die Hälfte der Weltbevölkerung reichen. Entweder jeder zweite Mensch oder die fossile Energienutzung muss verschwinden, wenn die Menschheit dauerhaft auf der Erde leben will. Sie muss wieder mit einer Erde auskommen können. Dazu gehören mindestens: sie muss sich so versorgen, dass sie dabei die Biosphäre nicht zerstört; das globale Bevölkerungswachstum muss aufhören, und die Menschheit muss die Erde zum Lebensraum für zehn Milliarden Menschen umbauen – also Platz und Versorgung für weitere zwei bis drei Milliarden.
Dazu müssen die Emissionen auf weniger als 10% der jetzigen 36 Gigatonnen pro Jahr (Gt/a) sinken – und das bei einem möglicherweise auf das Dreifache steigenden globalen Strombedarf – und es dürfen nur noch ca. 550 Gt CO2 über das dauerhaft verdauliche Maß hinaus in die Atmosphäre kommen. Die sind bei den jetzigen Emissionen in 16 Jahren erreicht, und bei einer gleichmäßigen Verminderung in 32 Jahren. Dementsprechend müssen zum Ersatz 32 Jahre lang jeden Tag saubere Kraftwerke mit einer durchschnittlichen Gesamtkapazität von 4 Gigawatt (GW) installiert werden.
Ein solches Programm zur Stabilisierung unserer natürlichen Lebensgrundlagen ist eine Herkulesaufgabe. Aber das ist machbar, wenn ALLE technischen, logistischen und finanziellen Register gezogen werden, und wenn (fast) alle Staaten hierfür mit höchster Priorität zusammen arbeiten. Die Erde könnte dann tatsächlich zehn Milliarden Menschen aushalten.
2. Klimaschutz – ein Fall für die Sicherheitspolitik
Globale Erwärmung und Versauerung der Meere sind die folgenschwersten von Menschen gemachten Veränderungen auf der Erde. Mit jetzt sieben, und bald mit neun bis zehn Milliarden Menschen, wird der Klimawandel immer schneller voran schreiten: Stürme, Dürren, Überflutungen, Hitzewellen, Versauerung der Meere und Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 70 Meter, stehen auf dem Programm.
Die Menschheit braucht jetzt prioritär eine globale Sicherheitspolitik und eine Lebensraum-Sicherungsstrategie, um die langfristige Bewohnbarkeit des Planeten für ca. zehn Milliarden Menschen herzustellen. Das ist die große sicherheitspolitische Herausforderung für die Menschheit im 21. Jahrhundert. Das ist auch eines der wichtigsten Ziele des Kooperationsmodells Desertec.
3. Architektur einer lebensfähigen Welt mit zehn Milliarden Menschen
Die drei tragenden Säulen einer lebensfähigen Welt:
- Unerschöpfliche und emissionsfreie Energien für globale Energiesicherheit und Klimastabilität
- Wohlstand für alle Menschen: Beendigung des weltweiten Bevölkerungswachstums und Entwicklungsgerechtigkeit
- Neue Weltsicht: Planet Erde als Lebensraum der Menschen statt Kampfplatz der Nationen
Das Drei-Säulen-Modell ist realisierbar, und alle weiteren Probleme können innerhalb dieser Architektur gelöst werden. Innerhalb einer untauglichen Architektur lassen sich die kleinen und die großen Probleme nicht lösen, wie die UN-Klimakonferenzen seit 20 Jahren demonstrieren. Die hier vorgeschlagene tragende Architektur ist mit bekannten und erprobten Bausteinen realisierbar.
Säule 1: Unerschöpfliche und emissionsfreie Energien für Energiesicherheit in aller Welt und für Klimastabilität
Eine Menschheit mit mehr Menschen und höherem Zivilisationsgrad als jetzt braucht mehr Energie, vielleicht das Dreifache. Zugleich müssen die energiebedingten Treibhausgas-Emissionen auf ca. 10% des jetzigen Niveaus gesenkt werden. Lediglich noch 3% der Energieerzeugung dürfen dann also noch mit CO2-Emissionen verbunden sein.
Damit scheiden die fossilen Energieträger fast vollständig für alle Zukunft aus. Sie wirken wie Chemiewaffen gegen die Lebensbedingungen späterer Generationen und sollten deshalb geächtet werden. Sie können durch erneuerbare Energien zeitgerecht ersetzt werden, insbesondere wenn man die Energie der Wüsten nutzt. Etwa 80 PWh/Jahr Elektrizität (1 Petawatt = 1 Million GW) würden völlig ausreichen. Die Sonnenenergie in brauchbaren Wüsten allein bietet ein Potenzial für 3000 PWh/Jahr.
Zudem gibt es noch ähnlich große Potenziale an Windenergie, und eine ganze Reihe anderer Quellen mit geringeren aber nutzbaren Volumen, sowie das große Potenzial der Effizienzsteigerung. Bis auf den Antrieb von Flugzeugen – Piccards Solarflugzeug kann den Luftverkehr noch lange nicht bedienen – können alle anderen Energiedienstleistungen grundsätzlich aus emissionsfrei erzeugter elektrischer Energie gewonnen werden.
Das haben viele Studien quantitativ bestätigt. Das erfordert aber eben 32 Jahre lang die tägliche Installation von 4 GW an ertragreichen Standorten. Da an die 50% der Menschen im asiatisch-pazifischen Raum leben werden, ist die saubere Versorgung dieser Regionen entscheidend für die globale Klimastabilität. Eine der 2°C-Grenze gemäße Bereitstellung von genügend emissionsfreier Energie ist realisierbar. Desertec kann jeden erforderlichen Beitrag leisten.
Säule 2: Weltweiter Wohlstand für Entwicklungsgerechtigkeit und Beendigung des globalen Bevölkerungswachstums.
Das Bevölkerungswachstum hört überall dort auf oder wird gar rückläufig, wo der Zivilisationsgrad bzw. der von der Bevölkerung geschaffene Wohlstand über ein Bruttosozialprodukt von ca. 15.000 €/Person steigt. Wohlstand für jeden ist also von fundamentaler Wichtigkeit für die Sicherheit der Menschheit. Etwa eine Milliarde Menschen in den Industrieländern ist schon auf diesem Niveau, und fast alle anderen streben dort hin.
Mit einer geeigneten Nord-Süd-Kooperation könnten auch die „Least Developed Countries” (LDC) in 30 Jahren auf das erforderliche Wohlstandsniveau kommen. Da sie alle guten Zugang zu Wüstenregionen haben, kann Desertec dort der Menschheit einen großen Dienst erweisen. Beispiele für die erforderliche schnelle Entwicklung sind u.a. Süd-Korea, China und Marokko.
Säule 3: Neue Weltsicht: Erde als Lebensraum für Menschen statt Kampfplatz für Nationen
Die größte Herausforderung liegt aber darin, dass von den bekannten im Boden befindlichen fossilen Energieträgern nur noch etwa ein Sechstel gehoben und verbrannt werden dürfen, wenn die 2°C-Grenze nicht überschritten werden soll. Fünf Sechstel müssen im Boden bleiben.
Um das zu regeln, brauchen wir eine Weltinnenpolitik und eine neue Global Governance. Die wiederum erfordert eine neue Weltsicht. Denn wenn sich Nationalstaaten weiterhin durch vorsorgliche Bewaffnung auf internationale Gewaltfähigkeit und –tätigkeit einstellen und die Erde weiterhin als Kampfplatz ansehen, werden zwischenstaatliche und auch nichtstaatliche Konflikte weiterhin auf die militärische Ebene eskalieren.
4. Kondominium als Governance Modell für eine lebensfähige Welt?
Zur Herstellung einer lebensfähigen Welt für zehn Milliarden Menschen hat die Menschheit die Option, jetzt diese drei Prozesse im optimierten Zusammenspiel voranzutreiben. Agieren die Staaten weiterhin ohne hinreichende Abstimmung oder gar gegeneinander, können sie keines der globalen ökologischen und sozialen Probleme kontrolliert und rechtzeitig lösen. Betreiben sie lediglich einen der Prozesse allein ohne die beiden anderen, verhindern die dabei verbleibenden oder entstehenden Probleme das Weiterkommen zum Ziel.
Das Kondominium-Konzept ist ein Weg zur Herstellung der Lebensfähigkeit der Menschheit – aber ist es auch eine weltfremde Illusion? Nein, es ist eine machbare Innovation, denn die EU probiert es aus!
Im Inneren ist die EU tatsächlich wie ein Testlauf für ein globales Kondominium, ohne militärische Gewaltoptionen der Mitglieder gegeneinander. Sie wird zu einem kooperativen integrierten Wirtschafts- und Sicherheitsraum, bisher ohne eigene Gewaltfähigkeit nach außen. Sie begann mit sechs Nationen. Jetzt sind es 28, und weitere warten – sogar außerhalb Europas. Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten und Jordanien haben Assoziierungsabkommen mit der EU. Warum kann z.B. die EU nicht mit allen klimaschutz-willigen Ländern Klimaschutz-Allianzen abschließen? Dann würde die EU zum Kern einer GCA – einer Global Climate Alliance – nachdem sie selbst einmal mit einer Allianz für Kohle und Stahl angefangen hat. Wir brauchen keinen Weltstaat, aber eine Welt im Kondominium-Modus. Denn die zentrale Erkenntnis ist: Die Erde kann zehn Milliarden Menschen aushalten, aber nicht in Form gewaltbereiter Nationen.
5. Erste Schritte zum Umbau der Erde als Lebensraum der Menschheit
Der Aufbau des Zehn-Milliarden Kondominiums kann mit wenigen Akteuren beginnen, etwa mit einem Kern von Klimaschutz-Willigen. Auch Kommunen können dabei mitmachen. Zum Beispiel könnte ein Netzwerk von Küstenstädten gegen den Meeresspiegel-Anstieg die jeweiligen Regierungen zum Handeln bringen. Das Kondominium muss nicht einmal territorial zusammenhängend sein. Es impliziert aber
- Beendigung der Gewaltbereitschaft ihrer Mitglieder gegeneinander
- Regeln für den Umgang der Mitglieder unter einander, d.h. Begrenzung ihrer nationalen Souveränität: souverän nach innen, regelorientiert nach außen
- Unterstellung von Aktionen die in andere Staaten hinein wirken unter eine Hausordnung
- Gemeinsam organisierte Anstrengungen zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen
Endziel ist ein globales Kondominium mit Regelwerk. Ist das möglich? Zumindest ist es denkbar, und Ansätze sind schon sichtbar: G7, G8, G20, ein Steuer-“Kondominium“ von 51 Staaten, und Wirtschaftskondominien wie Freihandelszonen.
Warum keine Gruppen „G200“ zur Lösung bestimmter globaler Probleme? Warum nicht…:
- G200_WSLA, eine World Sea Level Alliance, beginnend mit einigen vom Meeresspiegel Anstieg bedrohten Regionen und Kommunen.
- G200_WCPA, eine World Clean Prosperity Alliance, beginnend mit Entwicklungsallianzen hoch- und gering entwickelter Länder für den schnellen Aufbau von nachhaltigem Wohlstand durch smarte Technologien und Konzepte, sowie saubere Energien.
- G200_GIGA, eine Global Inter-Generation Alliance, beginnend mit zivilgesellschaftlichen Gruppen, denen die Welt ihrer Kinder genau so wichtig ist wie ihr eigenes Wohlergehen.
- G200_VWCM, eine Viable World Construction Movement, beginnend mit Staaten, die Mittel wie mindestens 10% ihres Militäretats für einen gemeinsam organisierten Aufbau globaler Strukturen für eine zivilisierte Menschheit und lebensfähige Welt verwenden.
- G200_GCA, eine Global Climate Alliance, beginnend mit einigen Willigen, die unverzüglich anfangen, zwingende Maßnahmen für die 2°C-Grenze anzupacken und andere animieren, sich einzuklinken, anstatt auf die Bremser zu warten. Zuviel läuft schon aus dem Ruder, weil die Politik der Nationalstaaten den Welt-Problemen nur hinterher hinkt, statt die Lebensfähigkeit der Menschheit pro-aktiv zu gestalten.
Weitere G200 Kristallisationspunkte sind möglich. Eine Architektur für deren Zusammenspiel für eine lebensfähige Welt mit zehn Milliarden Menschen ist mit dem Drei-Säulen-Modell vorgelegt. Jetzt sind Abstimmung mit schon laufenden Ansätzen, und dann Organisation des globalen Umbaus innerhalb von 32 Jahren dran. Alle erforderlichen Maßnahmen und Schritte sind realisierbar, sobald die neue „G200“-Sicht auf Menschheit und Erde beginnt, politisch wirksam zu werden.
Der Autor:
Gerhard Knies, promovierter Physiker, arbeitete von 1964 bis 2001 in Hamburg, Genf und Berkeley als Elementarteilchenforscher. Seit dem Tschernobyl-Unfall denkt er über den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und die Nutzung der erneuerbaren Energien in den Wüsten nach. Enge Zusammenarbeit mit dem Club of Rome, mit dessen ehemaligen Welt-Präsidenten Prinz Hassan von Jordanien sowie mit dem jetzigen Ko-Präsidenten Ernst-Ulrich von Weizsäcker. Initiierte und koordinierte von 2003 bis 2007 die internationale NGO „Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC)“, welche die Grundlagen des späteren Desertec-Konzepts entwickelte, und die später in die Desertec Foundation überging. 2006 prägte er den Begriff Desertec, der heute weltweit in Gebrauch ist. 2008/09 war er Mitinitiator der Desertec Industrie Initiative Dii GmbH. Jetzt sucht er mit Querdenkern nach Lösungen für eine Welt mit zehn Milliarden Menschen.