Die jüngere Geschichte findet Schüler – aber zu wenig Lehrer
Die Wende in Deutschland vor 25 Jahren ist in den deutschen wie österreichischen Medien allgegenwärtig. Während sich viele Deutsche aber nicht mehr für die jüngere Geschichte interessieren, haben die Österreicher einen anderen Blick auf ihre Vergangenheit.
Die Wende in Deutschland vor 25 Jahren ist in den deutschen wie österreichischen Medien allgegenwärtig. Während sich viele Deutsche aber nicht mehr für die jüngere Geschichte interessieren, haben die Österreicher einen anderen Blick auf ihre Vergangenheit.
Ähnlich wie in Deutschland füllt der Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren auch in Österreich zahlreiche Medien mit ausführlichen Reportagen. Anders als in Deutschland jedoch – wo nach einer Umfrage 54 Prozent der Bundesbürger wenig davon halten, sich intensiver mit der DDR-Geschichte zu beschäftigen – hat in Österreich der Blick zurück in die Geschichte positivere, aber auch nostalgische Züge.
Für den Meinungs- und Motivforscher Wolfgang Bachmayer liegen die Gründe für die Abwehr der Deutschen, zurückzublicken, auf der Hand. Der Fall der Berliner Mauer und die damit Zug um Zug folgende Wiedervereinigung Deutschlands hat ihm zufolge im Bewusstsein vieler Bürger nicht nur freudige Erinnerungen hinterlassen.
So würden heute einerseits viele „Wessies“ glauben, dass zu viel Geld in den Aufbau, den Nachholbedarf der ehemaligen DDR gesteckt wird, das dann bei wichtigen, ja notwendigen Infrastrukturvorhaben im Westen fehlt. Andererseits fühlten sich zahlreiche „Ossis“ noch immer gegenüber den Westdeutschen im Nachteil. Sie seien der Meinung, dass man ihnen die Zeit von 1945 bis 1989, die sie zwangsweise in einer so genannten Volksrepublik verbringen mussten, nicht wirklich gerecht abgegolten hat.
Schwärmen von der guten, alten Zeit
Österreich blieb eine Teilung nach dem Krieg erspart. Es gab zwar ein Ost-West-Gefälle und auch eine Benachteiligung der Grenzlandregionen. Aber Österreich musste nicht ein Land zusammenführen, das 44 Jahre getrennt war und sich (ideologisch) auseinander gelebt hatte.
Ein weiterer wichtiger Untershcied zu Deutschland ist die Einstellung der Östrreicher gegenüber der Vergangenheit. Das Schwärmen von der „guten alten Zeit“ hat hier noch Tradition. Vieles, was tatsächlich dramatisch verlief, wurde längst vergessen. Die positiven Erlebnisse aber sind mehr oder weniger hängen geblieben.
Für Bachmayer spielt hier ein Hang zur Nostalgie eine Rolle, die noch bis in die 1960er Jahre von der Filmindustrie gepflegt wurde. Die Erinnerung etwa an die Zeit der Monarchie hängt sicher auch damit zusammen, dass Österreich damals noch eine europäische Macht war. Heute dagegen deckt das Land nicht einmal zwei Prozent der EU-Bevölkerung ab.
Allerdings dürfte in Österreich auch ein Verdrängungsmechanismus eine Rolle spielen. Beim Ersten Weltkrieg ist noch eine Art Trotzreaktion spürbar, wurde doch damals Österreich von den Siegermächten schlecht behandelt, Südtirols beraubt und auf einen fast nicht überlebensfähigen Kleinstaat zurechtgestutzt. Beim Zweiten Weltkrieg gibt es Sperren, wenn es etwa um die Mitverantwortung an den Gräueltaten des NS-Regimes geht.
Plädoyer für einen spannenden Geschichtsunterricht
Trotzdem, so ist Bachmayer überzeugt, sind die Österreicher gewillt,sich intensiv und selbstkritisch mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Oder in Abwandlung eines Sprichwortes der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann: „Die Geschichte lehrt ständig, aber sie hat zu wenig Lehrer“. Das Interesse an der historischen Berichterstattung in den Zeitungen und den elektronischen Medien – spannend gestaltete Geschichtsreportagen finden überraschend hohe Einschaltquoten – zeige die große Bereitschaft, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.
Das Problem sei aber, dass der Geschichtsunterricht in den Schulen mitunter schwach, nicht wirklich packend gestaltet sei und auch im Zuge der politischen Bildung zu kurz komme. Dabei zeigen gerade die vergangenen 100 Jahre besonders dramatisch, welchen Segen Europa der Zusammenschluss zu einer Europäischen Union gebracht hat. Um das begreiflich zu machen, muss man jedoch Geschichtsbücher schreiben und lesen.
Dann wird man auch erfahren, dass, so der Historiker Helmut Wohnout, zwischen dem 27. Juni und dem 9. November 1989 Zusammenhänge bestehen. Am 27. Juni durchschnitten die damaligen Außenminister von Österreich und Ungarn, Alois Mock und Gyula Horn, den Eisernen Vorhang. Das Bild ging um die Welt. Und so erfuhren viele Ostbürger via Westfernsehen, dass sich da plötzlich ein Loch im West und Ost trennenden Stacheldrahtverhau auftat. Es setzte eine immer größere werdende Fluchtbewegung ein, die Bürgerrechtsbewegung in der DDR erhielt immer mehr Zulauf, der politische-moralische Druck wuchs. Bis plötzlich am Abend des 9. November die Mauer in Berlin, das Unrechtssymbol schlechthin, fiel.