England – mühsam, zur Not entbehrlich

Standpunkt von Hermann Bohle (Genf)Der Chor der EU-Skeptiker schmettert in Großbritannien immer lauter. Dass der "Boston Tea Party" von 1773 nun eine "Brussels Tea Party" folgt, wünschen sich manche. Das empfiehlt sich aber nicht. Ein Standpunkt von Hermann Bohle (Genf).

Der britische Premierminister David Cameron wäre an sich jung genug, um „Europa“ schon zu begreifen, meint Hermann Bohle.Foto: dpa
Der britische Premierminister David Cameron wäre an sich jung genug, um "Europa" schon zu begreifen, meint Hermann Bohle.Foto: dpa

Standpunkt von Hermann Bohle (Genf)Der Chor der EU-Skeptiker schmettert in Großbritannien immer lauter. Dass der „Boston Tea Party“ von 1773 nun eine „Brussels Tea Party“ folgt, wünschen sich manche. Das empfiehlt sich aber nicht. Ein Standpunkt von Hermann Bohle (Genf).

Der Autor

Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.
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Beim nächsten EU-Gipfel geht es um das Sieben-Jahr-Budget bis 2020. Dass die Staaten sich querlegen, wo es um Europas neue Ordnung geht, quält die Gemeinschaft seit Anbeginn. Statt der Elektronik war vor 60 Jahren der Rechenschieber das wichtigste Utensil im Gepäck der Staatenvertreter, die nach Brüssel kamen. "Europa" soll möglichst wenig kosten. Doch der Aufbau (ohne Rückschlag seit 1958) zeigt: Stets wurde das Nötige bewilligt. Nun will der Außenseiter England, wo vom Austritt laut geredet wird, weniger statt mehr Euro für die gemeinsame Zukunft und hofft auf Verbündete. London könnte den nötigen, einstimmigen Beschluss auch allein verhindern, täte es wohl auch.
 
Zu welchem Schicksal – europäisch oder nicht – entschließen sich die Insulaner? Fast 40 Jahre nach dem EU-Beitritt fragen es sich die Partner noch immer – und auch die Briten selbst. 1972, ein Jahr vor dem Beitritt, befand eine Umfrage: 76 Prozent gegen die Mitgliedschaft, 78 Prozent erwarteten sie trotzdem. Damals wie jetzt das Motto aus Zeiten des Imperiums: Mitmischen, den Kontinent an der Kandare halten.

Mit England wäre Europa in der künftigen Weltpolitik mächtiger, möglichst kooperativer Blöcke wirkungsfähiger. Dies im Interesse der ganzen Europäerminderheit auf dem Globus. "Was wäre das Leben ohne Hoffnung?", fragte schon Hölderlin, der Lyriker. Realpolitisch aber stößt auf dem Kontinent die Lust, weiter auf die Briten zu warten – oder den EU-Bau von ihnen kontinuierlich stören zu lassen, an erkennbare Grenzen. Dass der "Boston Tea Party" von 1773 (Beginn des Hinauswurfs der Briten aus ihren nordamerikanischen Kolonien) eine "Brussels Tea Party" folgt – der Hinauswurf aus der EU, wünschen sich manche. Das empfiehlt sich aber nicht.

Nie ohne Frankreich und Deutschland

Europa bewies 1952-73, dass die Einigung niemals ohne Deutschland und Frankreich, wohl aber ohne England möglich ist. Eigentlich indes braucht es die Briten. Weit mehr noch gilt das umgekehrt. Irgendwann könnte sich das auf den Inseln noch herumsprechen. Vieles aber gibt zu denken. Immer neue Schübe blindwütiger EU-Feindschaft. 2006 waren die "Tories" mehrheitlich so antieuropäisch wie schon 25 und 45 Jahre vorher. 2012 schmettert der "Skeptiker"-Chor immer lauter.

Zwischendurch, 1973, aber hatte der konservative Parteichef und Premierminister Edward Heath Großbritannien mal eben in die Union geführt. Heath selbst war ein überzeugter Europäer unter den Konservativen. Als Parteichef stürzte ihn die Antieuropäerin Margaret Thatcher – aus innen-, nicht europapolitischen Gründen. 1974 wählten ihn die Briten als Premierminister ab.

Thatcher, ab 1979 konservative Regierungschefin, führte einen gnadenlosen Kleinkrieg gegen die EU. Zehn Aufbaujahre verlor Europa dabei. Dann wollte ihr Nachfolger, der Konservative John Major, Großbritannien doch lieber "im Herzen Europas" platzieren. Was aber entfiel, weil er die Eurowährung doch nicht wollte. 1995 kam Tony Blair in die Downing Street Nr. 10, ein Mann der – bis dahin auch "europäisch" oppositionellen – Labour Party. Durchaus proeuropäisch war der Premierminister, musste seinen Europakurs aber gegen breite Teile der Öffentlichkeit fahren, die eine in der Mehrheit konservativhörige Boulevardpresse systematisch gegen die EU aufputscht – bis heute.

Blairs Nachfolger wurde 2007 Gordon Brown, zugehörig denen, die man als "Euroskeptiker" schön zu reden pflegt. Heute regiert mit David Cameron ein Konservativer. Mangels Mehrheit in Koalition mit den (eher proeuropäischen) Liberalen. Cameron wäre an sich jung genug, um "Europa" schon zu begreifen.