‘Europa Will’: Höchste Zeit für eine EU-Talkshow
Weil am Ende des Jahres Anne Will, die Polit-Talkshow sonntags im Ersten, zu Ende geht, regt sich eine Bewegung, die das Format durch ein EU-politisches ersetzen will. Das ist begrüßenswert, denn Deutschland hat es bitter nötig, kommentiert Nikolaus J. Kurmayer.
Weil am Ende des Jahres Anne Will, die Polit-Talkshow sonntags im Ersten, zu Ende geht, regt sich eine Bewegung, die das Format durch ein EU-politisches ersetzen will. Das ist begrüßenswert, denn Deutschland hat es bitter nötig, kommentiert Nikolaus J. Kurmayer.
Die EU ist, in vielerlei Form, eine Konstante in den Leben der Deutschen. Dank des gemeinsamen Binnenmarktes, der zuletzt seinen dreißigsten Geburtstag feierte, feierte Deutschland vorher ungekannten wirtschaftlichen Erfolg. Jetzt, da Anne Will, die Moderatorin des gleichnamigen Talkshow-Formates, sich Ende des Jahres zurückziehen will, wird ein Sendeplatz frei.
Europa sei überall, seit Jahrzehnten nehme der Einfluss der EU auf die Deutschen zu, die Berichterstattung über die EU spiegle das nicht ausreichend wider, so die Initiatoren einer Initiative, die das quotenstarke Talkshow-Format “Anne Will” durch “Europa Will” ersetzen will.
“Europa in die Primetime!” lautet der Kampfruf der Initiator*innen, allen voran der FDP-Europaabgeordnete Moritz Körner und der vom Grünen-Politiker Sven Giegold gegründete Verein “Europe Calling.”
Abgesehen von der Omnipräsenz Europas in allen Dingen des täglichen Lebens führt die Initiative als Argument an, dass Bürger*innen die Institutionen der EU nicht unterscheiden könnten, dass es für die Demokratie Wissensbildung brauche, die EU “raus aus der Nische” müsse, und beim gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk “Inhalte statt Quote” Priorität haben sollten.
Gleichzeitig versäumt es die Initiative, den wichtigsten aller Gründe für die Einführung eines derartigen Formats klar zu benennen: Die politische Debatte in Deutschland kann es sich nicht mehr leisten, es nicht zu haben.
Das haben die vergangenen Wochen nur allzu deutlich gezeigt.
“Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen”, zitierte Altkanzlerin Angela Merkel einst im Spaße.
Geprüft fühlt sich aktuell kaum jemand so wie Brüsseler Diplomat*innen und Politiker*innen, haben die Liberalen doch in der letzten Sekunde das Verbrenner-Aus der EU torpediert und somit alle bekannten Normen über Bord geworfen. Das kostet, politisches Kapital und Vertrauen.
Daran hat allerdings nicht die FDP um Christian Lindner die alleinige Schuld.
Auf Twitter wies Lukas Köhler, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, den Grünen Europaabgeordneten Michael Bloss nach dem vorläufigen Platzen des Verbrenner-Aus süffisant darauf hin, “was passiert, wenn man die Rechnung ohne den Wirt macht”.
Im Oktober 2022 hatte Bloss die Niederlage der FDP im Verbrenner-Streit zelebriert. Vorschnell, wie sich zeigte.
Die gesamte Affäre zeigt allerdings vor allem auf, dass ein kontroverses öffentliches Forum für EU-Politik für EU-Politiker*innen fehlt. Dort können sie sich im Streit über die vielen europapolitischen Themen die sprichwörtlichen Schädel einschlagen.
Hätte Bloss im Oktober vor dem versammelten Sonntagabend-Publikum darauf hingewiesen, dass die Erwägungsklausel, welche die FDP erstritten hatte, kaum etwas wert war, dann hätten die vergangen Wochen Imageverlust in Brüssel vielleicht vermieden werden können.
Hätten sich deutsche FDP-Politiker*innen öfter EU-Talkshows angesehen, wäre ihnen das geplante Verbrenner-Aus womöglich schon deutlich im Voraus aufgefallen. Folgendermaßen hätte man auch früher intervenieren können.
Der Unterhaltungswert wäre ebenfalls groß gewesen. Dabei ist der Zoff über die Zukunft des Verbrennungsmotors nur eines von vielen Streitthemen, bei denen sich die deutschen EU-Politiker*innen in den Haaren liegen. Und oft kommt noch ein Clinch mit der Bundespolitik dazu.
Austragungsort dafür liefern die bestehenden Formate nicht genug, sei es bei phoenix oder dem Europamagazin.
Diese Brüsseler Streitereien verdienen einen regelmäßigen Austragungsort abseits von Twitter.
Wie wäre es mit Sonntagabend im Ersten? Einen Versuch wäre es jedenfalls wert. Europa Will, Deutschland braucht es.