EZB muss eingreifen, um Fossil- und Klimaflation zu bekämpfen
Die höheren Zinssätze der Zentralbanken könnten im Umkehrschluss auch zu einer höheren Inflation beitragen, schreibt Rens van Tilburg.
Angesichts der Rekordinflation aufgrund der hohen Energiepreise hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Zinssätze auf 1,25 Prozent angehoben, und in den kommenden Monaten werden weitere Erhöhungen erwartet. Dies birgt jedoch die Gefahr, dass Investitionen in erneuerbare Energien und in Gebäudesanierung ins Stocken geraten, obwohl sie notwendig sind, um die Wurzel der Krise zu bekämpfen, schreibt Rens van Tilburg.
Rens van Tilburg ist Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des Sustainable Finance Lab an der Universität Utrecht.
Als Saudi-Arabien in die Fußstapfen Russlands getreten ist, um die weltweiten Öl- und Gasvorräte zu verknappen, hat die „Fossilflation“ – die durch unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verursachte Inflation – ihr hässliches Gesicht gezeigt.
Während Volkswirtschaften auf der ganzen Welt unter dem Preisschock leiden, sind die Energiekosten nirgendwo so stark gestiegen wie in Europa, das von Kohle, Öl und (insbesondere) Gas aus Russland abhängig ist.
Die Gaspreise in Europa sind inzwischen achtmal so hoch wie im Durchschnitt der letzten zehn Jahre, und die Angst vor Versorgungsengpässen in den kommenden Wintern droht die Wirtschaft weiter zu beeinträchtigen.
Die Inflation in Europa liegt bereits bei 10 Prozent. Die EZB hat ihre Zinssätze um einen Rekordsprung von 0,75 Prozentpunkten auf 1,25 Prozent erhöht, und es werden weitere Erhöhungen erwartet, um die Inflation einzudämmen und die Preisstabilität wiederherzustellen.
Auch die amerikanische Federal Reserve und die Bank of England haben ihre Zinssätze angehoben. Die Gefahr einer weltweiten Rezession ist groß.
Steigende Zinssätze bergen jedoch die Gefahr, dass Kapitalkosten für erneuerbare Energien und in die Gebäudesanierung, die eigentlich der beste Schutz gegen zwei der Triebkräfte der derzeitigen Inflation sind – Klimawandel und Preise für fossile Brennstoffe -, aus dem Ruder laufen.
Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die höheren Zinsen der Zentralbanken auch zu einer höheren Inflation beitragen könnten.
Erneuerbare Energien sind in den letzten Jahren sehr viel billiger geworden. Über den gesamten Lebenszyklus betrachtet gehören sie heute zu den günstigsten Energiequellen, da die Betriebskosten im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen gegen Null tendieren. Sie erfordern jedoch höhere Anfangsinvestitionen.
Aus diesem Grund wirken sich höhere Kapitalkosten viel stärker auf den Preis für erneuerbare Energien aus als auf fossile Energieträger. Ein Anstieg der Kapitalkosten, der die Kosten für Strom aus Gaskraftwerken um acht Prozent steigen ließe, würde die Kosten für Strom aus erneuerbaren Energien um 47 bis 60 Prozent erhöhen.
Für die EU bedeutet dies, dass ihre Klimaprogramme wie der „Green Deal“, „Fit for 55“ und das RepowerEU-Paket, mit denen die Energiewende beschleunigt und die Treibhausgasemissionen rasch reduziert werden sollen, in Gefahr sind.
Wie kann die EZB also die Fossil- und Klimaflation bekämpfen, und liegt dies überhaupt im Rahmen ihres Mandats?
Um dies zu erreichen, muss die EZB ihr Programm zum Ankauf von Vermögenswerten und ihren Sicherheitenrahmen grün gestalten. Diesen Sommer hat die EZB erklärt, dass sie genau dies tun will.
Die ersten Schritte, die sie angekündigt hat, sind jedoch weit von diesem Ziel entfernt, da sie nur sehr geringfügig von fossilen zu grünen Vermögenswerten wechseln wird. Stattdessen sollte die EZB damit beginnen, die Anleihen der Unternehmen, die in fossilen Geschäftsparten am aktivsten sind, zu verkaufen und gleichzeitig die Anleihen grüner Spitzenreiter verstärkt aufkaufen.
Diese Schritte wären eine Abkehr von früheren Anleihenkäufen, die stark auf Unternehmen in fossilen Sektoren ausgerichtet waren, und zulasten grüner Energie gingen. Untersuchungen des Grantham Institute der London School of Economics haben gezeigt, dass das Portfolio der EZB an Unternehmensanleihen doppelt so stark in fossile Firmen investiert war wie die Gesamtwirtschaft.
Dagegen waren Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien überhaupt nicht vertreten. Dies bedeutet, dass die EZB den größten Umweltverschmutzern Rückenwind gab, indem sie ihre Kapitalkosten senkte, während die EU sich darauf vorbereitete, die Energiewende mit ihren weitreichenden Gesetzespaketen „Green Deal“ und „Fit for 55“ zu beschleunigen.
Noch wichtiger ist, dass die EZB angesichts der dominierenden Rolle der Banken in der Wirtschaft der Eurozone ihre Refinanzierungsgeschäfte umweltfreundlicher gestalten muss.
Durch eine Umgestaltung ihres Programms für gezielte längerfristige Refinanzierungsgeschäfte (TLTROs), das auf Nachhaltigkeitsziele ausgerichtet ist, könnte die EZB Anreize für Geschäftsbanken schaffen, mehr Kredite für umweltfreundliche Investitionen zu vergeben. So könnten Haushalte und Unternehmen umweltfreundliche Kredite günstiger aufnehmen.
Ein grünes TLTRO-Programm kann wesentlich kleiner ausfallen als das derzeitige Programm und könnte auch effektiv zur gewünschten Straffung der Geldpolitik beitragen. Dies würde die Energiewende vorantreiben und dazu beitragen, die Strategie der EU-Kommission zur Gebäudesanierung („Renovation Wave“) voranzutreiben, die energiebedingten Emissionen in Gebäuden zu senken und die EU von volatilen und teuren fossilen Brennstoffen zu befreien.
Zugegeben, dies stellt eine Herausforderung an die Konventionen dar. Der derzeitige Konsens lautet, dass die Entscheidungsfindung der Zentralbank unabhängig von der Politik sein und ausschließlich dem Ziel der Preisstabilität dienen sollte.
Ökonomische Lehrbücher, die das Denken der freien Marktwirtschaft propagieren, haben der aktuellen Generation von Entscheidungsträgern beigebracht, dass Ziele wie Vollbeschäftigung und wirtschaftlicher Fortschritt am besten damit erreicht werden, dass sich die Zentralbank auf das Ziel der Preisstabilität, d. h. die Begrenzung der Inflation auf etwa 2 Prozent, konzentriert.
Doch obwohl die Preisstabilität das vorrangige Ziel der EZB ist, legt der EU-Vertrag eindeutig fest, dass die EZB verpflichtet ist, die allgemeine Wirtschaftspolitik der Union zu unterstützen, wenn dies möglich ist, ohne die Preisstabilität zu beeinträchtigen.
Dass Zentralbanken die Richtung der Wirtschaft vorgeben, ist nichts Neues. Diese Institutionen haben eine lange und reiche Geschichte, wenn es darum geht, ihre Gesellschaften bei der Bewältigung von Herausforderungen zu unterstützen, indem sie das finanzierbar machen, was notwendig ist.
So wurde beispielsweise eine der ältesten Zentralbanken, die Bank of England, 1694 gegründet, um den Neunjährigen Krieg mit Frankreich (1688-1697) zu finanzieren.
Auch die amerikanischen Kolonialisten finanzierten so ihren Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783, durch sogenannte Continentals, eine Form von Nullkuponanleihen. Der New Deal von Präsident Roosevelt wurde teilweise von der Federal Reserve über die Reconstruction Finance Corporation finanziert.
In jüngster Zeit haben wir erlebt, dass Zentralbanken weltweit alles in ihrer Macht Stehende tun, um zu verhindern, dass sich die Corona-Pandemie zu einer ausgewachsenen Wirtschaftskrise ausweitet – ähnlich wie bereits nach der Finanzkrise 2008 und während der Eurokrise 2012.
Die EZB wäre nicht die Einzige, die Maßnahmen ergreift, ihre Geschäfte umweltfreundlicher zu machen, denn weltweit gibt es zahlreiche Präzedenzfälle. In China und Japan können sich die Banken bereits jetzt bei ihrer Zentralbank günstig refinanzieren, um umweltfreundliche Kredite zu vergeben, und in Großbritannien hat die Bank of England ihr Programm zum Ankauf von Vermögenswerten auf weniger fossil-intensive Anleihen umgestellt.
Der Klimawandel ist eine ebenso klare und aktuelle Gefahr wie jede andere, mit der die Zentralbanken in der Vergangenheit konfrontiert waren.
Die Beschleunigung der Energiewende ist der wirksamste Weg, um eine weitere Destabilisierung der Preise zu verhindern, die sowohl durch den Klimawandel als auch durch unsere Abhängigkeit von volatilen fossilen Brennstoffen verursacht wird, und bietet eine klare Win-Win-Situation. Die EZB sollte die Gelegenheit ergreifen, die Eurozone vor einer weiteren Klima- und fossilen Inflation zu schützen.