Handlungsfähig in der Krise: Scheitert die innovative Landwirtschaft?
Die Luft in der Landwirtschaft wird nicht nur für die Milchproduktion, sondern auch im Ackerbau dünner, kommentiert der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer. Kommt die Rettung jetzt nur noch vom Staat?
Die Luft in der Landwirtschaft wird nicht nur für die Milchproduktion, sondern auch im Ackerbau dünner, kommentiert der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer. Kommt die Rettung jetzt nur noch vom Staat?
Die Getreideernte ist abgeschlossen. Vielerorts ernüchtert der Blick in den Korntank, auch auf qualitative Parameter wie Protein und Hektolitergewicht, nachdem sich zuvor die Bestände so vielversprechend präsentierten. Eine unterdurchschnittliche, in einigen Regionen dramatisch eingebrochene Ernte, in Deutschland und weiten Teilen Europas – und trotzdem gedrückte Preise. Jetzt wird die Luft nicht nur für die Milchproduktion, sondern auch im Ackerbau dünner. Wenn es aktuell nicht so heiß wäre, man würde vom kalten Wind sprechen, der der Landwirtschaft ins Gesicht bläst.
Erleben wir das Scheitern einer sich auf globale Märkte ausrichtenden innovativen Landwirtschaft? War es das mit den Chancen weltweit vernetzter Handelsströme, wie es einige Apologeten regionaler Stoffkreisläufe ja schon immer wussten? Kommt die Rettung jetzt nur noch vom Staat, mit Marktpolitik und strukturerhaltenden Maßnahmen? Vom Staat, der uns „hilft“, Verbraucherwünsche besser zu treffen (kleinere Ställe, ein chemiefreier Ackerbau)? So einfach werden wir es uns auf den Unternehmertagen in Oldenburg nicht machen. Die Integration in internationale Arbeitsteilung, in den Handel rund um die Welt, sorgt für ungefähr 25 Prozent unserer Verkaufserlöse. Dort sind wir erfolgreich, weil wir im gesamten Wertschöpfungsprozess von der Urproduktion bis zum Endprodukt wettbewerbsfähig sind. Wettbewerbsfähig sind wir so lange, wie unsere Stückkosten niedriger sind als die Produktpreise. Und wenn diese Produktpreise, vermutlich zyklisch, auf tiefe Niveaus fallen, dann liegt genau in der Höhe der Stückkosten unsere Herausforderung.
Die Sicherung der Handlungsfähigkeit zielt auf den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und das ist zunächst unsere ureigene Unternehmeraufgabe. Strikte Kostendisziplin – die im einen oder anderen Fall in der Hochpreisphase aus den Augen geraten ist –, Erhalt der Liquidität und letztlich weitere Optimierung unserer Prozesse sind die Aufgaben der nächsten Monate. Ja, es gilt, auch die kleinen Schrauben zu drehen, nicht nur die großen Würfe wie in den Wachstumsphasen zu wagen. Gestern war auch der erfolgreich, der Bodennutzungsrechte oder Stallplätze hinzuerworben hat. Das konnte auch der eine oder andre Nicht-Landwirt. Heute geht es um Wissen und Können, um Fleiß und Anstrengung, um perfekte Vernetzung mit den Besten in der Branche. Und deshalb treffen sich diese zum Monatswechsel in Oldenburg auf den Unternehmertagen: um Ideen auszutauschen, Einschätzungen, um letztlich inspiriert den einen oder anderen Gedanken in ihren Betrieben umzusetzen.
Dabei wird uns auch die Frage beschäftigen, ob das Streben nach Kostenführerschaft bei Standardprodukten (Commodities), die wir üblicherweise herstellen, der einzige Schlüssel zum Erfolg ist. Steigen nicht vielmehr sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene die Ansprüche an die landwirtschaftlichen Erzeugnisse – angefangen bei der Qualität über die Verarbeitbarkeit bis hin zu Anforderungen hinsichtlich Nachhaltigkeit und ethischen Aspekten wie Tierwohl? Eine damit einhergehende steigende Differenzierung der Produkte stellt das bisherige Konzept einheitlicher Standardproduktion auf den Prüfstand. Die Organisation in Wertschöpfungsketten, die Etablierung von Marken, auch die Sicherstellung monetärer Entlohnung der zusätzlich erbrachten Leistungen innerhalb der Kette verlangt unternehmerische Aufmerksamkeit. Das ist eine Herausforderung an die Innovationsfähigkeit und Kreativität des gesamten Sektors, die auch bei den DLG-Unternehmertagen in der kommenden Woche in Oldenburg diskutiert werden wird.
