Leben in der Weltgesellschaft: Es braucht Orientierungsvermögen und Handlungskompetenz

Standpunkt von Helmuth HartmeyerIn Europa gibt es Parteien, die den Austritt ihres Landes aus der EU fordern, einzelne Staaten kämpfen mit dem Überleben ihres Finanz- und Bankensystems, die Jugendarbeitslosigkeit schnellt in bedrohliche Höhen, das Thema Migration beherrscht vielerorts die politischen Debatten. Vor diesem Hintergrund reicht die bloße Anhäufung von Wissen nicht. Globales Lernen fördert eine über das unmittelbare Bildungsmoment hinausgehende Einsicht in die eigene Verstricktheit mit globalen Fragen, schreibt Helmuth Hartmeyer von der Austrian Development Agency (ADA).

Globales Lernen ist ein spannender, spannungsreicher und lohnender Weg, schreibt Helmuth Hartmeyer. Foto: dpa
Globales Lernen ist ein spannender, spannungsreicher und lohnender Weg, schreibt Helmuth Hartmeyer. Foto: dpa

Standpunkt von Helmuth HartmeyerIn Europa gibt es Parteien, die den Austritt ihres Landes aus der EU fordern, einzelne Staaten kämpfen mit dem Überleben ihres Finanz- und Bankensystems, die Jugendarbeitslosigkeit schnellt in bedrohliche Höhen, das Thema Migration beherrscht vielerorts die politischen Debatten. Vor diesem Hintergrund reicht die bloße Anhäufung von Wissen nicht. Globales Lernen fördert eine über das unmittelbare Bildungsmoment hinausgehende Einsicht in die eigene Verstricktheit mit globalen Fragen, schreibt Helmuth Hartmeyer von der Austrian Development Agency (ADA).

Der Autor

Helmuth Hartmeyer leitet die Abteilung "Förderungen Zivilgesellschaft" in der Austrian Development Agency (ADA), ist Vorsitzender des Global Education Network Europe (GENE), der österreichischen Strategiegruppe Globales Lernen und des österreichischen UNESCO Beirates "Bildung für Nachhaltige Entwicklung". Er ist Lehrbeauftragter am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien.
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Über die Welt Bescheid zu wissen, reicht nicht. Dies schon alleine deshalb, weil wir uns die Frage stellen müssen: wissen wir denn über die Welt Bescheid und was wissen wir? Reicht es zu googeln und den ersten drei Hits auf Seite 1 beim eingegebenen Wort oder Begriffspaar zu vertrauen, bei Wikipedia nachzuschlagen, kurzfristig Berichte im Fernsehen oder Kommentare in Zeitungen zu verfolgen? Viel mehr als wir wissen ist das, was wir nicht wissen. Alle, die über ein Lexikon verfügen, erahnen den Umfang des Nicht-Gewussten, des Nie-Gehörten.

Hinzu kommt die wachsende Unsicherheit über die Zukunft, Kontingenz im Fachjargon genannt. Wohin bewegt sich das Weltwirtschafts-, das Weltfinanzsystem? Was bedeutet der Klimawandel konkret in den nächsten Jahrzehnten? Wohin führt die Schere zwischen Arm und Reich, lokal, regional, global? Im EU-Europa gibt es Parteien, die den Austritt ihres Landes aus der EU fordern, einzelne Staaten kämpfen mit dem Überleben ihres Finanz- und Bankensystems, die Jugendarbeitslosigkeit schnellt in bedrohliche Höhen, das Thema Migration beherrscht vielerorts die politischen Debatten. Vor diesem Hintergrund reicht die bloße Anhäufung von Wissen nicht.

Zu oft wird Lernen als Funktion "um zu" definiert: Die Instrumentalisierung von Menschen steht dabei im Vordergrund, ihr Regelwissen und Anwendungskönnen. Die Menschen sollen an die Veränderungs- und Entwicklungsschübe, die durch sich rasch ändernde Marktverhältnisse und der Rationalisierung dienende technologische Innovationen ausgelöst werden, angepasst werden. Der Arbeitsmarkt hat dafür schon den Begriff des lebensbegleitenden Lernens gefunden. Es geht jedoch dabei um die Benutzung des Menschen, aber nicht um Selbstbestimmung und eigene Gestaltung.

Durch Lernen, wie ich es verstehe, wird zweierlei angestrebt. Es soll zur besseren Orientierung im eigenen Leben beitragen und uns in die Lage versetzen, eine Vision für ein gelingendes Leben in einer human gestalteten Weltgesellschaft zu entwickeln. Dies ist ein höchst anspruchsvolles Unterfangen. Durch ein solches Lernen will man nicht Wege verschließen, sondern Chancen eröffnen, will man ent- und nicht verdecken, will man suchen und etwas finden. Die Interessen, Erfahrungen und Kompetenzen aller an einem solchen Lernprozess Beteiligten sollten darin ihren Ort haben.

In solchem Lernen sollten keine Lösungen vorgegeben, aber Lösungen angedacht werden. Es sollten radikale Fragen gestellt und das Denken und Handeln in Alternativen geprobt werden. Durch die Einübung von Zusammenarbeit und Zusammenleben können Solidarität und soziale Tugenden gefördert und die Fähigkeit zu einem kooperativen Vorgehen auch im Alltag gestärkt werden. Es sollte somit auf ein Verständnis von Lernen gebaut werden, das den Menschen wegen möglicher Abwehrverhalten nicht diffamiert und den ganzen Menschen mit seinen Grenzen berücksichtigt. Das Ziel wären Bildungsprozesse, die den Menschen Vertrauen, Stabilität, Selbstbewusstsein und Lebensfreude gewähren.

Das früher ungebrochene Vertrauen in die Allmacht von Aufklärung und Informations-vermittlung wird heute in Zweifel gezogen und dem eigenständigen Wissenserwerb und der Herausbildung von Kompetenzen wird seitdem stärker das Wort geredet.

Finnland, zum Beispiel, ist dabei, sein formales Bildungssystem auf kompetenzorientiertes Lernen umzustellen. Wissen, Fertigkeiten, Werte, Einstellungen und Verhalten sollen so erworben werden, dass sie in unterschiedlichen Zusammenhängen in relevanter Art und Weise eingesetzt werden können.

Dem finnischen Verständnis folgend soll der moderne Bürger/ die moderne Bürgerin über folgende Kompetenzen verfügen:
Die Fähigkeit, sich Wissen anzueignen und verantwortlich damit umzugehen
Die Fähigkeit, sich verbal und manuell auszudrücken
Die Fähigkeit zu Arbeitsleistungen und zur Zusammenarbeit
Die Fähigkeit nachzudenken und Probleme zu lösen
Die Fähigkeit sich zu beteiligen und Einfluss auszuüben

Die Ethik einer solchen Bürgerschaft, ja Weltbürgerschaft, fußt auf den Grund- und Menschenrechten, es geht um Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit, um Weisheit und Gleichwertigkeit und den Mut zum Handeln.

Das Konzept des Globalen Lernens möchte diesen Ansprüchen Rechnung tragen. Ausgangspunkt ist unser aller Einbettung in Globalität – im täglichen Konsum, in unserer Alltags- und Arbeitswelt, in unserer Freizeit.

Globales Lernen findet immer mehr Widerhall in den europäischen Bildungssystemen. Ausgehend von einem gesamteuropäischen Kongress in Maastricht 2002 hat Globales Lernen seitdem beträchtliche Fortschritte erlebt:
– Gestärkte europäische politische Rahmenbedingungen
– Wachsende Zusammenarbeit und Koordination auf europäischer Ebene
– Verbreitung des Konzepts im gesamteuropäischen Raum
– Zunahme an nationalen Strategien
– Initiativen zu größerer konzeptioneller Klarheit
– Verbesserte finanzielle Bedingungen (wenn auch die ökonomische und finanzielle Krise in Europa Budgetlinien unter Druck setzte)
– Höherer Stellenwert für Evaluationen
– Wachsendes Interesse an Forschung und anderer wissenschaftlicher Arbeit
– Größeres Verständnis für die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit und Weltbürgerschaft

(Eddie O’Loughlin: On the Road from Maastricht. ZEP 4/2012).

Globales Lernen ist eine solidarische Erzählung

In zahlreichen Bildungsprogrammen besteht die Tendenz, dass vor allem das Lernen des Individuums in den Mittelpunkt gerückt wird (vgl. EU-Bildungs-programme Lebenslanges Lernen). Der oder die Einzelne soll auf eine Zukunft vorbereitet werden, in der er oder sie sich behaupten kann. Die moderne Gesellschaft zerfällt somit in individuelle Anstrengungen. Es liegt, so weithin die Überzeugung,  am Einzelmenschen, sich in der Schule durchzusetzen, sich am Arbeitsplatz zu behaupten, jenen Teil des Glücks zu erwerben, der ihm oder ihr vermeintlich zusteht. Alle gelten als ihres eigenen Glückes Schmied. Im Wettkampf um die besten Lebenschancen ist jedes Mittel recht, auch die schamlose Ausbeutung gemeinschaftlichen Wohls. Wer es nicht schafft, ist selbst schuld und glaubt schlussendlich auch an sein oder ihr Versagen.

Solidarität zerfällt. Sie wird zu einer Leerformel.

Im Globalen Lernen ist das eine große Herausforderung, denn dem Individuum steht eine Welt- und Konkurrenzgesellschaft gegenüber, welche das Einüben von Gemeinsamkeit schon rein räumlich erschwert. Die universelle Betroffenheit ist eine Fiktion. Wir sind nicht unbegrenzt zu Gemeinschaft fähig. Aber durch Zusammenarbeit und Zusammenleben können Solidarität und soziale Tugenden gefördert und die Fähigkeit zu einem kooperativen Verständnis und Vorgehen auch im Alltag gestärkt werden.

Die gegenwärtige Entwicklung verlangt Beschleunigung und Rationalisierung. Sie produziert immer schneller durch das Leben hetzende Menschen, die sich diesem ständig rascher werdenden Rhythmus anpassen müssen. Sie verdrängt eine wünschenswerte und notwendige Langsamkeit.

Globales Lernen fördert eine über das unmittelbare Bildungsmoment hinausgehende Einsicht in die eigene Verstricktheit mit globalen Fragen. Es trägt dazu bei, dass Menschen sich selbst und ihre Interessen im Lichte komplexer Zusammenhänge leichter erfassen und globale politische Prozesse durchschauen lernen. Sie erkennen die weltweiten Verflechtungen und Abhängigkeiten und können sie kritisch in Frage stellen. Es erlaubt ihnen das Benennen von Wünschen und Bedürfnissen, lädt sie in zur Entwicklung von Visionen und Perspektiven. So ermöglicht es schließlich das Entdecken und Neuentdecken von Denk- und Handlungsweisen.

Darum geht es im Globalen Lernen. Es ist ein Konzept, das dazu beiträgt, die Wichtigkeit von globalen Problemen zu erfassen, dialogisch Kompetenzen zur Bearbeitung komplexer Fragestellungen zu erwerben, Unsicherheit und die Ungewissheit über "Weltentwicklung" auszuhalten und damit umgehen zu lernen. Durch den Bezug der Gegebenheiten auf die Lebenswirklichkeiten in der eigenen Gesellschaft, d.h. durch die Verbindung der globalen Perspektive mit dem eigenen Nahbereich bzw. dessen Reflexion werden die Voraussetzungen für selbstbestimmte, solidarische  und verantwortungsvolle gesellschaftliche Teilhabe vor dem Hintergrund relevanter globaler Entwicklungen geschaffen.

Inhaltlich führt das traditionelle Entwicklungsparadigma von Wachstum und Fortschritt nicht weiter. Die Ressourcen des Planeten sind endlich. Der Mut zu neuen Wegen ist gefordert. Und pädagogisch reicht die Ansammlung neuen Fachwissens nicht aus. Sie muss integriert werden in eine kritische Reflexion von neuen Einsichten und gemachten Erfahrungen, um Orientierungsvermögen und Handlungskompetenz zu erwerben zu können.

Globales Lernen ist ein spannender, spannungsreicher und lohnender Weg.

Mehr Information

www.globaleslernen.at

www.gene.eu

Hartmeyer, Helmuth: Von Rosen und Thujen. Globales Lernen in Erfahrung bringen. Waxmann. Münster 2012.

GENE (ed.): Global Education in Europe. Policy, Practice and Theoretical Challenges. Waxmann. Münster 2013.