Neue Züchtungsmethoden: Wir brauchen ein Update
Die Debatte um neue Züchtungsmethoden ist eine Zukunftsfrage und sollte sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren.
Die Debatte um neue Züchtungsmethoden ist eine Zukunftsfrage und sollte sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren.
Carina Konrad ist Agrarpolitikerin und stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion.
Als Landwirtin, die täglich die Realitäten des Klimawandels auf dem Acker spürt, und als Politikerin, die sich der Herausforderung im Kampf gegen den Klimawandel annimmt, befinde ich mich an der Schnittstelle zweier Welten.
Daher betrachte ich die Diskussion um neue Züchtungsmethoden als mehr als nur eine politische Debatte – sie ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit inländischer Landwirtschaft und ein europäischer Beitrag zur Ernährungssicherheit.
Diese Debatte sollte sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren und nicht an Gefühlen oder möglichen Feindbildern.
Das von der FDP geführte Forschungsministerium fördert bereits aktiv moderne Züchtungsmethoden und hat neue Züchtungsmethoden fest in der Zukunftsstrategie Forschung verankert.
Dass sich insbesondere das Landwirtschaftsministerium unter Cem Özdemir gegen die Empfehlungen führender Wissenschaftler positioniert und den Entwicklungen neuer Züchtungsmethoden verschließt, ist bedauerlich. Denn die Notwendigkeit, den landwirtschaftlichen Betrieben die besten Voraussetzungen zu bieten, um den Auswirkungen des Klimawandels wirksam begegnen zu können, ist mehr als offensichtlich.
Landwirtschaftliche Flächen leiden zunehmend unter extremen Wetterbedingungen wie Trockenheit und starkem Regen. Die Nachfrage nach Lebensmitteln wird sich bis 2050 aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung voraussichtlich verdoppeln, während mehr als 700 Millionen Menschen unterernährt sind und die Anbauflächen abnehmen.
Diesen globalen Herausforderungen zu begegnen, ist eine gemeinsame politische Kraftanstrengung und verdeutlicht die dringende Notwendigkeit, widerstandsfähigere und ressourceneffizientere Nutzpflanzen zu entwickeln.
Während meines Studiums als Diplom-Agraringenieurin habe ich mich bereits tiefgehend mit der Notwendigkeit besserer Nutzpflanzen beschäftigt. Spätestens seitdem ich Verantwortung für einen landwirtschaftlichen Betrieb übernommen habe und in Rheinland-Pfalz die Zunahme von Starkregenperioden und Dürrezeiten auf dem Acker spüre, ist aus einer theoretischen Debatte eine Existenzfrage für landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland und Europa geworden.
Wie können wir Landwirte unser Saatgut schneller anpassen, damit landwirtschaftlicher Anbau weiterhin verlässlich möglich ist?
Stellen wir uns vor, wir hätten Pflanzen, die mit weniger Wasser auskommen oder besser gegen Überflutungen gewappnet sind, Pflanzen, die weniger Pflanzenschutzmittel benötigen, und solche, die produktiver sind und somit weniger Anbaufläche beanspruchen.
Widerstandsfähige und ressourceneffiziente Nutzpflanzen sind dank der Nobelpreisträgerinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier keine Theorie mehr, sondern Realität. Die bahnbrechende CRISPR/Cas-Technologie, die die Grundlage für neue Züchtungsmethoden bildet, hat die Welt der Genetik revolutioniert, denn sie eröffnet neue Horizonte in der Landwirtschaft und darüber hinaus.
Als Beispiel für ihre transformative Kraft diente CRISPR/Cas während der COVID-19- Pandemie als Schlüsseltechnologie für die schnelle Entwicklung lebensrettender Impfstoffe.
Während traditionelle Methoden Jahre benötigt hätten, ermöglichte diese präzise molekulare Schere die Fertigstellung effektiver Impfstoffe in wenigen Monaten – ein wahrhaftiger Lichtblick in einer Zeit der Unsicherheit und Angst.
Diese beeindruckende Leistung verdeutlicht, was in der Landwirtschaft durch moderne Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas möglich ist. Im Vergleich zur konventionellen Züchtung neuer Sorten benötigen diese neuen Methoden neuerdings nur zwei bis drei Jahre statt mindestens zehn Jahre.
Eine beeindruckende Verkürzung der Züchtungsdauer, die verdeutlicht, wie groß der Hebel
wäre, um schneller auf sich ändernde klimatische Bedingungen, neue Schädlinge oder Pilzbefall reagieren zu können, ohne direkt Pflanzenschutzmittel einsetzen zu müssen.
In Europa sind Landwirte aufgrund des veralteten Gentechnikrechts gezwungen, weiterhin auf Sorten aus traditioneller Züchtung, wie Pflanzenbestrahlung und konventioneller Kreuzung, zurückzugreifen.
Wir sollten jedoch anerkennen, dass sich Sorten aus neuen Züchtungsmethoden im Kern nicht von der klassischen Kreuzung und Züchtung unterscheiden und rein natürlich hätten entstehen können. Sie stellen jedoch durch ihre Präzision und Geschwindigkeit in der Zielerreichung – wie die Schaffung widerstandsfähigerer Pflanzen und verbesserter Ernten – einen entscheidenden Fortschritt dar.
Aufgrund der Forschungsdurchbrüche durch die CRISPR/Cas-Technologie steht die Europäische Union vor der Entscheidung, ihr veraltetes Gentechnikrecht zu überarbeiten. Seit 1990 ist das europäische Gentechnikrecht unverändert. Es ist wie ein veraltetes Betriebssystem, das nicht mehr in der Lage ist, die neuesten Softwareanwendungen zu unterstützen und zu nutzen.
Obwohl die Wissenschaft sich einig ist, dass über neue Züchtungsmethoden gezüchtete Pflanzen nicht gesundheitsschädlich sind und sich sogar positiv auf die Umwelt auswirken, lehnt eine große Mehrheit der Deutschen sie ab.
Die Anti-Gentechnik-Kampagnen verschiedener Organisationen haben ihre Spuren hinterlassen und den europäischen Forschungsstandort und die europäische Landwirtschaft ins Hintertreffen gebracht.
Dabei müssen wir doch nur über den Tellerrand hinausblicken, um zu sehen, dass es auch anders geht.
In Nord- und Südamerika, Australien, Indien und China werden seit den neunziger Jahren überwiegend Pflanzen basierend auf neuen Züchtungsmethoden angebaut. Trotz riesiger
Anbauflächen sind keinerlei schädliche Auswirkungen auf Mensch oder Umwelt bekannt.
Die Diskrepanz zwischen der vorsichtigen Haltung Deutschlands und der breiten globalen Akzeptanz neuer Züchtungsmethoden ist ein Phänomen, das es zu berücksichtigen gilt, aber nicht als Grund dienen darf, sich notwendigen technologischen Fortschritten zu verschließen.
Wir wollen als Standort technologische Vorreiter sein, doch das geht nicht, wenn wir uns selbst regulatorisch dazu zwingen, mit veralteten Betriebssystemen von 1990 zu arbeiten, nur um die wirtschaftlichen Interessen der Biobranche zu schützen, die 14 % in Deutschland ausmacht.
Zumal viele der Biobetriebe die Zeichen der Zeit erkannt haben, denn gerade der Biolandbau könnte von neuen Züchtungsmethoden profitieren. Höhere Erträge durch verbesserte Sorten im Biolandbau würden durch günstigere Biolebensmittel den Markt öffnen, auch für Menschen mit kleinerem Geldbeutel, und die Notwendigkeit von hohen Subventionen reduzieren.
Die Herausforderungen in der Landwirtschaft zwingen uns, das Beste aus konventionellem und
biologischem Landbau zu nutzen und sie nicht gegeneinander auszuspielen. Europa darf sich nicht von den globalen Fortschritten in der Landwirtschaft abhängen lassen, sondern muss selbst davon profitieren.
Die Unterstützung zahlreicher Wissenschaftler, darunter der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, sollte uns dazu bewegen, uns von fundamentalistischen Positionen zu lösen und diese neuen Technologien zu umarmen.
Cem Özdemir entscheidet auf europäischer Ebene, ob er sich für das neueste Softwareupdate der deutschen und europäischen Landwirtschaft entscheidet, oder ob er den Landwirten weiter nur das Betriebssystem von 1990 für den Umgang mit dem Klimawandel zur Verfügung stellt.
Für mich als Landwirtin und als FDP-Politikerin ist klar: Wir brauchen ein Update!