Städte mit "Minus-Wachstum"
IBA Stadtumbau in Sachsen-AnhaltWährend Schwellenländer das rasante Wachstum von Mega-Cities wie Guangzhou, Mumbai und São Paulo erleben, beobachten westliche Industriestaaten vielerorts schrumpfende Städte. Die Internationale Bauausstellung in Sachsen-Anhalt erforschte, wie der Strukturwandel in schrumpfenden Städten zu gestalten ist. EURACTIV.de stellt Erkenntnisse der IBA Stadtumbau 2010 anhand von 6 Fragen vor.
IBA Stadtumbau in Sachsen-AnhaltWährend Schwellenländer das rasante Wachstum von Mega-Cities wie Guangzhou, Mumbai und São Paulo erleben, beobachten westliche Industriestaaten vielerorts schrumpfende Städte. Die Internationale Bauausstellung in Sachsen-Anhalt erforschte, wie der Strukturwandel in schrumpfenden Städten zu gestalten
ist. EURACTIV.de stellt Erkenntnisse der IBA Stadtumbau 2010 anhand von 6 Fragen vor.
Zum Projekt
Im Rahmen der IBA Stadtumbau 2010 erprobten Stadtplaner, Architekten, Bürger und Vertreter aus Politik und Verwaltung neue Werkzeuge des Stadtumbaus in 19 Städten Sachsen-Anhalts, die vom demografischen Wandel betroffen sind.
Hinweis: Der Text erschien zunächst im EURACTIV.de-YellowPaper "Stadt der Zukunft" (Dezember 2011), das Analysen, Standpunkte und Interviews zur europäischen Stadtentwicklung versammelt.
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Es wird viel über das "Jahrhundert der Städte" und wachsende Metropolen gesprochen, etwa über Mega-Cities in den Schwellenländern. Wie groß ist das Phänomen der schrumpfenden Städte?
Seit Beginn der Industrialisierung vor etwa zweihundert Jahren und der Herausbildung der modernen Großstadt galt Wachstum als universalisierbares Muster der Stadtentwicklung. Bevölkerung und Wirtschaftskraft stiegen in den Industrieländern nahezu kontinuierlich und meist in hohem Tempo – mit ihnen nahm der Wohlstand zu und die Städte dehnten sich aus. Der Anteil der weltweit in Städten lebenden Bevölkerung wuchs von drei Prozent im Jahr 1800 auf 14 Prozent im Jahr 1900. Im Jahr 2000 waren es bereits 47 Prozent; aktuell lebt schon über die Hälfte der Weltbevölkerung in immer größer werdenden Städten. Bis heute prägt dieses Wachstumsparadigma unser Denken über Stadtentwicklung. Doch Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass diese historische Epoche auf ihr Ende zugeht. Die Einwohnerzahl in den Industriestaaten beginnt bereits kleiner zu werden, der Urbanisierungsprozess ist rückläufig, und die Wirtschaft (gemessen am Bruttoinlandsprodukt) wächst zwar noch geringfügig, doch die Beschäftigungsraten nehmen schon seit einiger Zeit stetig ab.
Die städtische Schrumpfung des 20. Jahrhunderts unterscheidet sich deutlich von ihren historischen Vorläufern. Sie ist nicht mehr die Folge schicksalhafter Katastrophen, sondern wird zunehmend zum Normalfall der Stadtentwicklung. Bereits vor rund sechzig Jahren begannen Großstädte der westlichen Welt partiell zu schrumpfen. Doch was zunächst als singuläre, lokal begrenzte Fehlentwicklung aufgefasst wurde, ist in vielen Regionen der Welt mittlerweile zum Regelfall geworden. In Deutschland werden bis 2020 über die Hälfte aller Landkreise und kreisfreien Städte von einem Rückgang der Bevölkerung betroffen sein. Sachsen-Anhalt gehört zu den am meisten betroffenen Bundesländern dieses deutschlandweiten Trends. Aber auch jenseits der Grenzen der Bundesrepublik stehen ähnliche Entwicklungen bevor oder haben bereits begonnen: Die meisten Länder Europas müssen sich auf sinkende Bevölkerungszahlen einstellen.
Ist die Schrumpfung zwangsläufig ein schmerzhaftes Verlusterlebnis?
Der Begriff "schrumpfende Städte" war lange Zeit verpönt. Dabei muss sich Schrumpfung ebenso wenig ausschließlich negativ darstellen, wie Wachstum stets als positiver Prozess erfahren wurde. Auch und gerade in der Schrumpfung liegen Potentiale – wie überall, wo sich Leitbilder grundsätzlich ändern, Handlungsmodelle und Praktiken sich neu formieren. Das Ergebnis ist eine umfassende gesellschaftliche Neu- und Umorientierung. Der entscheidende Schritt auf dem Weg dazu ist die offene Auseinandersetzung mit dem Phänomen, eine Konfrontation, der sich das Land Sachsen-Anhalt im Jahr 2002 mit der IBA Stadtumbau 2010 gestellt hat.
Die ideale Stadtform wird es nicht mehr geben
Welche Erkenntnisse brachte der IBA-Schwerpunkt "Stadtformen"?
Um die Funktionsfähigkeit der Stadt für immer weniger Bewohner zu gewährleisten, müssen die vorhandenen Stadtstrukturen angepasst werden. Schrumpfung geht mit schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen einher. Daher muss die Stadtplanung auf große Eingriffe weitgehend verzichten und stattdessen mit kleinen Maßnahmen die Qualitäten der vorhandenen Stadt verbessern. Für die Umsetzung des Stadtumbaus sind die Städte auf Kooperationen mit Bürgerschaft, Kommunalpolitik und Wirtschaft angewiesen. Dafür brauchen Sie ein gemeinsames, attraktives Zukunftsbild. Wenn das wachsende Raumangebot in Form ungenutzter Gebäude und Flächen neu gestaltet oder anders bespielt wird, kann aus quantitativer Schrumpfung ein qualitatives Wachstum entstehen. Eine ideale Stadtform wird es in Zukunft nicht mehr geben; jede Stadt wird ihren eigenen Entwicklungspfad finden müssen. Aschersleben verfolgt eine funktionale und bauliche Konzentration hin zur Innenstadt. Bitterfeld-Wolfen entwickelt sich zu einer polyzentralen Netzstadt, während Sangerhausen individuelle Profile für jeden Stadtteil definiert. Stendal kooperiert mit Tangermünde und Arneburg als Städtedreieck. Halberstadt kultiviert seine innerstädtischen Leerstellen und Staßfurt gestaltet sein Stadtzentrum als Landschaft.
Landschaft als städtische Qualität
Wonach fragte der IBA-Schwerpunkt "Landschaft"?
Unter Schrumpfungsbedingungen muss das Verhältnis von Stadt und Landschaft neu verhandelt werden. In der verdichteten Stadt waren die Grünflächen vor allem Kompensation für die bebauten Flächen, in der entdichteten Stadt kann sich ein gleichwertiges Miteinander entwickeln. Angesichts der Größe der frei werdenden Flächen stellt sich die Frage, wie trotz begrenzter finanzieller Mittel attraktive und vielfältige Landschaften entstehen und unterhalten werden können.
Sind neue Stadtkonzepte aus der Idee einer städtischen Landschaft heraus zu denken? Wie viel Landschaft verträgt die Stadt? Noch fehlen die Ideen, wie Stadt und Landschaft gemeinsam neue Formen von Urbanität erzeugen können. Oft wird eine Landschaftsgestaltung als vorübergehend verstanden, bis die städtischen Flächen wieder bebaut werden. Aber kann nicht Landschaft selbst eine städtische Qualität sein? Dessau-Roßlau definiert sein Stadtbild als urbane Inseln in einem grünen Korridor. Magdeburg entwickelt unterschiedliche Stadtlandschaften entlang der Elbe, Schönebeck konzentriert sich auf Renaturierungsstrategien mit Bezug auf das historische Stadtbild und in Weißenfels entsteht auf Industriebrachen ein zentraler Grünzug, der die historischen Schichten der Stadt miteinander verbindet.
Bildung als Lebensnerv
Bildung war ein weiteres"Laborthema" der IBA. Warum?
Stadtentwicklung kann nicht ausschließlich als bauliche Entwicklung gedacht werden. Insbesondere in den schrumpfenden Städten Sachsen-Anhalts spielen "weiche Faktoren" eine immer größere Rolle. Bildung ist dabei ein zentraler Lebensnerv: In Folge des Geburtenrückgangs gibt es immer weniger Schüler, Auszubildende und Studenten, woraus ein Nachteil für die Stadtgemeinschaft und die lokale Wirtschaft erwächst.
Angebote für Bildung und Kultur können helfen, junge Familien in den Städten zu halten und Familien, Studenten, wissensorientierte Ökonomien und Bildungstouristen von außerhalb anzulocken. Die zunehmende Zahl älterer Erwerbstätiger und Erwerbsloser benötigt Fortbildungsangebote. Letztlich ist Bildung auch eine wichtige Voraussetzung für die Partizipation der Bürger im Stadtumbauprozess: Baukulturelle Bildungsangebote verbessern die Identifikation mit der Stadt und stärken das Interesse an den Fragen der Stadtgestaltung und -organisation. Naumburg entwickelt Angebote zur baukulturellen Bildung für alle Altersstufen, während Bernburg und Wittenberg ihre Bildungsangebote durch eine intensive Vernetzung und den gezielten Ausbau der vorhandenen Einrichtungen verbessern und Wanzleben sich mit Angeboten für Kinder und Jugendliche als familienfreundliche
Kommune profiliert.
Raumpioniere und permanente Transformation
Wie wichtig sind die Partizipation der Stadtbewohner und ein Leitbild für den Erfolg der Umgestaltung?
Für die Kommunen stellen Schrumpfung und die Notwendigkeit des Stadtrückbaus und Umbaus eine Herausforderung und Chance dar, gestaltend im Interesse ihrer Bürger tätig zu werden. Stadtumbau geht alle an: Zwischen den Interessen von Bewohnern und Eigentümern, Gewerbetreibenden und Kommunen muss im Prozess des Umbauens vermittelt und diese neu in Beziehung gebracht werden. Alle gesellschaftlichen Kräfte sind mögliche Pioniere des Stadtumbaus: Bewohner eignen sich Räume an, bilden Netzwerke und werden zu urbanen Akteuren – bis hin zu "Stadtgründern". Der Stadtumbau entfaltet sich, wenn die wirtschaftlichen Ziele der privaten Eigentümer und Wohnungsunternehmen mit den Interessen der Nutzer abgestimmt und vereinbart werden. Aufgabe der Kommune ist es, diesen Verhandlungsprozess zu steuern. Raumpioniere und ihre innovativen Verhaltensmuster setzen in bestehenden Strukturen unkonventionelle Handlungsmöglichkeiten frei.
Als Zukunftsmodell thematisieren die Themen und Projekte der IBA die Idee einer Stadt mit geringerer baulicher Dichte, aber mit neuen Qualitäten im Hinblick auf Freiräume, Baukultur und das Engagement ihrer Bürger, der Bürgergesellschaft sowie die Schärfung kultureller, sozialer und wirtschaftlicher Stärken der überwiegend Klein- und Mittelstädte der IBA Stadtumbau 2010. Dabei müssen sich die Städte überaus flexibel zeigen, um ihre Quartiere trotz des Bevölkerungsrückgangs zu erhalten und zu stabilisieren. Durch verschiedenste Maßnahmen – von Abriss und Verdünnung über gezielte Neubebauung und Verdichtung in urbanen Kernen bis hin zu bürgerschaftlichen Trägermodellen – entstehen Handlungsmöglichkeiten, die die Städte als Gestaltungsspielraum nutzen. Das Experiment IBA zeigt, dass zukunftsfähige Städte vor allem Angebotsstädte und Orte permanenter Transformationen sind, in denen gerade das Weniger neue Qualität möglich macht.
Text/Redaktion: Paul Gronert/Regina Sonnabend
Links
IBA 2010: Internetseite
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