Was Europa vom Krisenmanagement der Unternehmen lernen kann
Europas politische Elite könnte davon profitieren, über fünf überlebenswichtige Lektionen des Unternehmertums nachzudenken, schreibt Seán Meehan.
Europas politische Elite könnte nach Meinung von Professor Seán Meehan von fünf Lektionen aus dem Überlebenshandbuch erfolgreicher Unternehmen lernen.
Seán Meehan ist Martin Hilti Professor of Marketing and Change Management an der IMD Busines School in der Schweiz. Dort leitet er das „Breakthrough Program for Senior Executives (BPSE)„, das sich an Führungskräfte wendet, die durch hocheffiziente Strategien und Leadership nach neuen und revolutionären Lösungen für ihre Unternehmen suchen .
Beim letzten EU-Gipfeltreffen richteten die führenden Politiker Europas ihre gemeinsamen Energien darauf, die Mitgliedschaftsbedingungen Großbritanniens neu zu verhandeln. Dieser Prozess dauert nun schon Monate. Ungeachtet der prinzipientreuen Motive der Parteien oder der Beurteilung der Ergebnisse durch die Briten (und die Parlamente der Mitgliedsstaaten, die das Abkommen noch ratifizieren müssen), war und ist der Prozess eine kolossale und gänzlich nutzlose Ablenkung.
Was das BIP pro Kopf angeht, kam die seit 1950 fortlaufende Aufholjagd der EU (in ihren unterschiedlichen Formen) mit den USA bei 75 Prozent verständlicherweise zum Stillstand – aufgrund der Erweiterung und einer veränderten Zielsetzung. Heute ringt die EU mit der Erholung von der weltweiten Wirtschaftskrise. Sparmaßnahmen verursachten so tiefe Einschnitte, dass viele Menschen die Aussicht auf eine vollständige Erholung und eine glänzende Zukunft für einen Wunschtraum halten. Vor allem die jungen Menschen in Griechenland, Spanien und Italien bekommen die Not der Arbeitslosigkeit zu spüren, die mit fast elf Prozent auf einem inakzeptablen Niveau liegt. In diesen Ländern ist etwa die Hälfte arbeitslos oder hatte noch nie eine Vollzeitstelle. Die bisherige Antwort auf die massiven Migrationsströme war schwach, unkoordiniert und ineffektiv. Da überrascht es kaum, dass der Extremismus steigt und die Regierungen der Mitgliedsstaaten ins Straucheln geraten. Die EU befindet sich in einer Krise. Ihre Führungsetage muss wieder Herr der Lage werden und proaktiv einem kompletten Zusammenbruch entgegenwirken.
Bei einer Umfrage der EU-Kommission von 2015 gab weniger als ein Drittel der Teilnehmer an, der EU-Haushalt würde die zur Verfügung stehenden Gelder gut nutzen. 43 Prozent glauben sogar, die Mittel würden schlecht genutzt. Vielleicht hätte man mit diesem Ergebnis rechnen können. Immerhin gelten Verwaltungs-, Personal- und Gebäudekosten als größte Haushaltsposten, während Umfrageteilnehmer diesen Punkten die niedrigste Priorität zuordnen. Eine aktuelle Kritik zum EU-Haushalt im Economist bezeichnete den Haushalt als fehlgeleitet: „… zu viel geht in die Landwirtschaft; ein Großteil der Ausgaben für Mittelmeerstaaten und osteuropäische Länder wird verschwendet; Eurokraten verdienen unverhältnismäßig viel; Betrug und Unterschlagung sind erschreckend geläufig.“ Es ist kaum verwunderlich, dass das öffentliche Engagement auf einem Tiefpunkt angelangt ist. Die Beteiligung an den direkten EU-Parlamentswahlen ging seit der erstmaligen Ausrichtung 1979 immer weiter zurück.
Der Verhandlungsansatz der führenden EU-Politiker ist ironisch: Da sie sich auf wichtige Grundsatzthemen konzentrieren, in denen die gegensätzlichen Ansichten festgefahren sind, gibt es kaum Resultate. Darüber hinaus verpasst man so die einmalige Gelegenheit, dringend notwendige Reformen durchzusetzen, die die EU zweckmäßiger gestalten würden. Das Ergebnis ist kein Sieg. Es ist eine Niederlage für die europäischen Bürger. Die EU wird mit oder ohne Großbritannien von einer Krise in die nächste stürzen, denn ihre Leistungsfähigkeit fällt immer weiter hinter den konkurrierenden Wirtschaftsblöcken zurück. Wir brauchen dringend einen Wandel.
Angesichts der veränderten Umstände müssen sich Imperien, Institutionen, Unternehmen und Menschen weiterentwickeln. Überleben hängt davon ab, die Missstände der heutigen Zeit ehrlich anzusprechen und einzuschätzen, inwiefern man für die Gegenwart und Zukunft gewappnet ist. Hier wirken immense makro- und sozio-ökonomische, technische und politische Kräfte. Das Thema Wandel ist ständiger Begleiter von Unternehmen, die transregional oder global arbeiten. Mit ihren grundlegenden Zielen im Hinterkopf passen sie sich an und bleiben für ihre Kunden relevant. Sie sehen ihre Strukturen nicht als etwas Unantastbares an. Sie sind permanent am Aktualisieren, Neubauen und Modernisieren. Dabei scheuen sie Komplexität und unproduktive Kosten.
Kurzum, die EU sollte von den langfristigen Überlebensregeln der Wirtschaft lernen.
Hier sind fünf Lektionen für Unternehmen in schwierigen Zeiten, die sich auch führende EU-Politiker zu Herzen nehmen sollten.
1] Ziele neu definieren und sich ihnen erneut verschreiben
Wirksame Ziele müssen klar, relevant, erreichbar und wünschenswert sein. Europas Freizügigkeit von Waren, Arbeit und Kapital sollte den Handel erleichtern. Die Idee war nobel und brachte der Gesellschaft spürbare Vorteile.
Im Gegensatz dazu profitiert niemand vom Streben nach einer „immer engeren Union“, für die es bisher noch nicht einmal eine konkrete Interpretation gibt. Schlimmer noch – sie erfüllt Skeptiker mit Angst und Ablehnung sowie Europaanhänger mit falschem Optimismus und unrealistischen Ambitionen.
Ein klares, relevantes, erreichbares und wünschenswertes Ziel für die EU und ihre anderen Probleme zu definieren, dürfte nicht weiter schwer fallen.
2] Agiler werden
Unternehmen gehen zugrunde, wenn sie keinen Kurswechsel vollziehen können, um mit unerwarteten Herausforderungen umzugehen. Da die EU an sich sehr unbeweglich ist, verwundert es kaum, dass sie keine adequaten Lösungen für die dringlichsten Probleme wie die Flüchtlingskrise finden kann.
EU-Politiker verfolgen derzeit einen Ansatz frei nach dem Motto „so oder gar nicht“. Davon profitiert ausschließlich ein falschinformiertes, einheimisches Publikum. Es spielt die Briten in einem nutzlosen Feiglingsspiel gegen Juncker, Merkel und Hollande aus. Dabei verpasst Europa, sich den eigentlichen Problemen zu stellen.
Schluss mit dem Dogma! Wir brauchen ein Vision und Flexibilität, was den Weg dorthin angeht! Verkauft die Vision, arbeitet zusammen, überzeugt und kooperiert!
Multinationale Unternehmen sind sehr geübt darin, diese Methoden zu nutzen, um Menschen aus aller Welt zusammenzubringen.
3] Kundenorientierter handeln
Regierungen existieren zum Wohle der Bürger. Politische Maßnahmen und Ausgaben müssen für alle Gemeinschaften sinnvoll nachvollziehbar sein. EU-Vertreter müssen einen Weg finden, das „ich“ wieder mit dem „wir“ zu verbinden. In ganz Europa ringen die Bürger um eine bedeutungsvolle, zeitgemäße Identität, die ihre Gemeinschaften, ihre Geschichte, ihre Probleme und Errungenschaften mit einer unsicheren, beängstigenden Zukunft verbindet.
Man darf nicht vergessen, dass jede Art von Politik lokal ist – auch die Europas. In den erfolgreichsten Unternehmen unserer Zeit stehen die Kunden an erster Stelle. Das sollte sich Europa merken.
4] Das größte Talent anziehen
Die europäische Wirtschaft ist komplex. Sie ist auf die klügsten Köpfe angewiesen. Die meisten Länder entsenden jedoch zweitrangige Politiker nach Europa. Auch viele erfahrene, aber festgefahrene Regierungsvertreter landen letzten Endes „in Brüssel“. Wenn die Regierungen die EU zu einem Erfolgsprojekt machen wollen, müssen sie ein wahres „A-Team“ einsetzen, das bereit ist, Opfer zu bringen und zu dienen.
5] Abspecken und Kosten senken
In schwierigen Zeiten versuchen Unternehmen zunächst einmal, ihre Ausgaben zu senken. Von einem solchen unternehmensähnlichen Kostenschnitt könnte auch die EU definitiv profitieren. Sie muss gegen das weitverbreitete Bild der Verschwendung und des Übermaßes vorgehen.
Zwei Parlamente (!) symbolisieren geradezu die Kaviar-Einstellung, die die EU jenen Mitgliedsländern und Bürgern gegenüber an den Tag legt, die unter den Sparauflagen ächzen.
Ein guter Ansatzpunkt wären Ausgabenkürzungen. So lassen sich Doppelstrukturen abbauen. Alles, was man auf nationaler und zwischenstaatlicher Ebene regeln kann, sollte auch nur dort angegangen werden.
Zwei Zukunftsperspektiven
Die EU muss sich zwischen zwei Zukunftsperspektiven entscheiden. Sie kann entweder so weiter machen wie bisher und auf eine „immer engere Union“ bestehen. Dann werden die Mitgliedsstaaten nach und nach aufgeben, sich distanzieren, zanken und die EU verlassen – bis schließlich eine Krise dafür sorgt, dass die gesamte Union zerfällt. Dann stürzt die Welt in wirtschaftliches Chaos und die zukünftigen Generationen haben mit unmöglichen Schuldenbergen und Armut zu kämpfen.
Auf der anderen Seite kann die EU aber auch umdenken, sich reformieren und von vorn beginnen – wie ein angeschlagenes Unternehmen es tun würde. Eigentlich hätte sie erwarten können, dass man mit den Augen auf das Ziel gerichtet, eine supranationale Gemeinschaft von kooperierenden „Erwachsenen“ schaffen kann, die sich konstruktiv den großen Herausforderungen stellt.