Was sind die unmittelbaren Kompromisse für Europa bei der Überarbeitung seines Regelwerks für F-Gase?

In letzter Zeit haben Europas Prioritäten sich verschoben; die Sicherung unserer Energieversorgung ist ebenso wichtig wie die Unterstützung einer ausgewogenen Verfahrensweise zur Dekarbonisierung und Emissionsreduzierung. Die F-Gas-Verordnung muss vor diesem neuen globalen Hintergrund überprüft werden.

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EFCTC
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Die aktuelle F-Gas-Verordnung (EU) wird weltweit als Goldstandard angesehen, mit der Europa bei der Verringerung und Eindämmung von F-Gas-Emissionen die globale Vorreiterrolle übernommen hat. Die wichtigste Maßnahme dieser Verordnung ist das Quotensystem für teilhalogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (HFKW), welches eine schrittweise Verringerung der auf dem EU-Markt verfügbaren Menge neuer teilhalogenierter Fluorkohlenwasserstoffe ermöglicht. Durch die Obergrenze wird so das Angebot an neuen HFKW bis 2030 um 79 % im Vergleich zu 2015 reduziert.

In letzter Zeit haben sich Europas Prioritäten verschoben; die Sicherung unserer Energieversorgung ist ebenso wichtig wie die Unterstützung einer ausgewogenen Verfahrensweise zur Dekarbonisierung und Emissionsreduzierung. Die F-Gas-Verordnung muss vor diesem neuen globalen Hintergrund überprüft werden.

Der Vorschlag der Europäischen Kommission zur Überarbeitung der aktuellen F-Gas-Verordnung sieht vor, die Verwendung von fluorierten Gasen bis 2050 um 98 % zu reduzieren, wobei bereits bis 2027 eine Reduzierung um 76 % angestrebt wird.

Hersteller und die gesamte Wertschöpfungskette sind auf F-Gase angewiesen für signifikante und oftmals kritische Anwendungen. Der neue F-Gas Verordnungsvorschlag wirft die Frage auf, wie diese neuen, ehrgeizigen Ziele in der Realität im Hinblick auf den technologischen Wandel umgesetzt werden können.

Wo sind wir jetzt?

Der Vorschlag der Kommission wird derzeit im Europäischen Rat und im Europäischen Parlament diskutiert. Am 1. März stimmte der Umweltausschuss (ENVI) des Europäischen Parlaments ab und nahm eine Reihe von radikalen Änderungen an dem Kommissionsvorschlag vor. EFCTC und andere Industrieverbände in diesem Sektor sind sehr besorgt über die ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen dieser möglichen Änderungen.

Auswirkungen auf verschiedene Industriezweige

Insbesondere die Änderungen an Anhang IV betreffen nun alle F-Gase, einschließlich F-Gasen mit niedrigem Treibhauspotenzial, und verbieten deren Verwendung in einer Vielzahl von Anwendungen in den nächsten drei bis fünf Jahren. Dies hätte Auswirkungen auf den Betrieb von Kühlanlagen (mobil und stationär), Klimaanlagen (mobil und stationär), Schaumstoffen und technischen Aerosolen, die derzeit in der EU verwendet werden.  Diese Produkte wurden sorgfältig ausgewählt und werden von den Anwendern als entscheidende Substanzen geschätzt, die ihnen den Übergang von HFKW mit höherem Treibhausgasausstoß erleichtern und dabei gleichzeitig Energieeffizienz und Sicherheit gewährleisten.  

So würde es beispielsweise Auswirkungen auf den temperaturgesteuerten Transport in der Kühlkette geben, der zum Kühlen von Frischwaren und Essen (bei 0 bis 4 °C) und zum Einfrieren von Lebensmitteln (bei -18 °C) verwendet wird. Diese Kühlkette ist für die Lebensmittelversorgung und die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung von entscheidender Bedeutung. Hier werden F-Gase als Kältemittel in gewerblichen Kühlschränken, Gefriertruhen und Kühltransporten eingesetzt. 

Eine Herausforderung für die Entwicklung und den Einsatz von Wärmepumpen – möglicherweise eine Behinderung der Initiative zur Dekarbonisierung

Der REPower-EU-Aktionsplan sieht vor, bis 2026 20 Millionen Wärmepumpen auf den Markt zu bringen und bis 2030 fast 60 Millionen. Dies macht die Notwendigkeit eines großen Wachstums im Wärmepumpenmarkt, sowohl für Privathaushalte als auch für gewerbliche/industrielle Anwendungen, deutlich und in allen Sektoren, wo die Nutzung von Wärme aus der Luft, dem Boden, dem Wasser oder aus Abfallquellen eine echte Chance zur Dekarbonisierung durch direkte Energieeinsparungen darstellt. Diese Ziele könnten durch den Vorschlag des Umweltausschusses (ENVI) an das Plenum des Europäischen Parlaments gefährdet werden.  

Darüber hinaus werden zur Erreichung der REPower EU Ziele HFKW mit geringerem Treibhausgasanteil und HFO benötigt, weil sie überall eingesetzt werden können, z. B. in dicht bebauten Gebieten, während dies auf „natürliche“, in der Realität aber industriell hergestellte, brennbare F-gas Alternativen, nicht zutrifft. In seinem im August 2022 veröffentlichten Bericht erklärt das UBA: „Es wird davon ausgegangen, dass der Anteil des natürlichen Kältemittels R290 (Propan) im Jahr 2030 auf bis zu 30 Prozent ansteigen wird“.

Können die Sektoren mit der Installation, Wartung und Instandhaltung fertig werden?

Große Sorge bereitet auch ein mögliches europaweites Qualifikationsdefizit, insbesondere der Ausbildungsbedarf von Technikern in ganz Europa, die für die Einführung von Kältemitteln mit niedrigem Treibhauspotenzial erforderlich sind. Mit neuen Technologien kommen neue Anforderungen. Es wird Unterstützung und Zeit benötigt, um Auftragnehmer und Ingenieure für die Installation von nicht fluorierten Alternativen zu qualifizieren: „Ein Mangel an geschulten Installateuren und hohe Vorlaufkosten können die Einführung in der EU verlangsamen“, wurde in einem EU Kommissionsreport zum Fortschritt der Wettbewerbsfähigkeit von Technologien für saubere Energie vom November 2022 angemerkt.

Zwar gibt es europaweit eine halbe Million zertifizierte Techniker für die Anwendungen von F-gasen, doch eine Umfrage aus dem Jahr 2021 ergab, dass weniger als 10 % des zertifizierten Personals im Umgang mit Alternativen geschult sind, was auf einen deutlichen Mangel hinweist. Die Weiterbildung wird eine erhebliche Investition darstellen, was Zeit brauchen wird. Dies ist ein kritischer Faktor für Mittelstandsunternehmen, die einen großen Anteil an den Dienstleistungsunternehmen ausmachen. Erhöhte Zertifizierungsstandards für Techniker sind ist von entscheidender Bedeutung, um sicher mit alternativen Kältemitteln wie CO2, Ammoniak oder Propan umgehen zu können, insbesondere angesichts von hoher Entflammbarkeit und neuer Bedienungsweisen.

Schlussfolgerungen

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gehen die Änderungsvorschläge des Umweltausschusses des Europäischen Parlaments zu weit, da sie viele F-Gas-Alternativen mit niedrigem Treibhauspotenziel vor 2030 verbieten. Solche Vorschläge werden Europa nicht dabei helfen, sein Dekarbonisierungsziel zu erreichen und auch die vielen Industriesektoren nicht dabei unterstützen bis 2050 klimaneutral zu werden.

Der weltweite schrittweise Ausstieg aus der Nutzung von F-Gasen hat die Industrie dazu veranlasst, Innovationen und damit den Übergang zu Lösungen mit niedrigerem Treibhauspotenzial voranzutreiben.  Wichtige Schritte zur Verbesserung der künftigen Durchsetzung der Verordnung sind vorgesehen, insbesondere durch die Nutzung des einheitlichen Zollfensters (Single Window) sowie durch die Förderung verstärkter Inspektionen durch die Mitgliedstaaten und die Sammlung, Meldung und Analyse von Daten. Das neue elektronische System des einheitlichen Zollfensters ermöglicht eine automatische Überprüfung der Importe, der Identität und des Registrierungsstatus der einführenden Unternehmen sowie ihrer zugeteilten Quote. Dies wird dazu beitragen, die Einfuhr von illegalen und potentiell unsicheren F-Gasen in die EU zu minimieren.

Während sich die Industrie weiter entwickelt, muss die EU die unmittelbaren und direkten Auswirkungen berücksichtigen, die die vorgeschlagene Novellierung der F-gas Verordnung auf zahlreiche Sektoren haben könnte, die täglich auf F-Gase angewiesen sind.

In jüngster Zeit haben wir erlebt, dass die Möglichkeit der Umstellung auf nicht-fluorierten Alternativen in allen Bereichen beworben wird, obwohl nicht-fluorierte Alternativen vor allem aus Sicherheitsgründen nicht überall verwendet werden können.

Eine ganzheitlichere Betrachtung von F-Gasen, einschließlich ihrer Rolle in lebenswichtigen Anwendungen, bei der Dekarbonisierung Europas durch die umfassende Einführung von Wärmepumpen und der Gebäudeisolation, ist notwendig, um einen sicheren und rechtzeitigen Übergang zur Klimaneutralität zu gewährleisten.